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„James Holmes stürmte nicht ,Happy Feet 2‘“

(c) AP (Mark Lennihan)
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Was haben die Taten von Breivik und Holmes mit medialen Vorbildern zu tun? Eine ganze Menge.

Er sei kurz verunsichert gewesen, meinte Anders Breivik ziemlich zu Beginn der Verhandlung in Oslo – und es war einer jener Momente, in denen selbst Routiniers der Prozessbeobachtung kurz der Atem stockte: Er habe zu schießen begonnen, aber einige der Jugendlichen seien nicht weggelaufen, sie seien vielmehr stehen geblieben wie erstarrt. „Damit“, meinte Breivik, und es klang so vorwurfsvoll wie ratlos, „habe ich nicht gerechnet, das zeigen sie in den Filmen und Spielen nie!“

Amokläufer richten ihre Taten häufig an medialen Vorbildern aus, an Filmen, Games, Serien, sie kopieren die gesehenen oder durchgespielten Abläufe – und identifizieren sich manchmal mit den Charakteren. „Ich bin Joker“, soll James Holmes bei seiner Festnahme gesagt haben. Und zu den Drähten, die er, der Amokläufer von Colorado, quer durch seine Wohnung gespannt hat, und die bei Berührung einen Zündmechanismus in Gang setzen sollten, fallen einem sofort Dutzende Filmszenen ein. Anders Breivik hat anhand von Killerspielen das Töten geübt, das machen US-Soldaten nicht anders. Dann ist das freilich militärisches Programm – und schockt nur, wenn das Ergebnis so erfolgreich ist, dass die Akteure reale Schüsse auf reale Menschen so kommentieren, als agierten sie im Spiel: „Hübsch, gut geschossen“, so der Pilot eines Kampfhubschraubers im Irak.

 

Joker hat keine roten Haare

Wo die Realität sich freilich anders verhält als die Simulation, wo das Spiel als Vorbereitung auf den Ernstfall versagt, entsteht Verunsicherung – siehe Breiviks Reaktion auf die erstarrten Jugendlichen.

In den USA ist eine Debatte darüber entbrannt, was der Joker, was Batman mit dem Amoklauf in Aurora zu tun haben. Auf den ersten Blick: Gar nichts. James Holmes hat „The Dark Knight Rises“ noch gar nicht sehen können, der Joker, jene Figur aus der „Batman“-Reihe, die Holmes so fasziniert hat, dass er ihr zu gleichen wünscht, spielt in diesem Film gar keine Rolle. Der Joker ist außerdem kein blindwütiger Killer, sondern ein Bösewicht, der den Kampf gegen das Gute als – intellektuelles – Spiel betreibt, und der auch keine roten Haare hat, wie James Holmes offenbar glaubte, sondern grüne. Besonders brutal ist „The Dark Knight Rises“ auch nicht. Um unseren Filmkritiker zu zitieren: „Einheitsbrutal.“

Es handelt sich also um ein Missverständnis, aber um eines, das die Filmindustrie keineswegs freispricht: Wenn James Holmes nicht diesen „Batman“ nachspielt, weil er ihn noch nicht gesehen haben konnte, dann eben Passagen aus anderen Filmen. Einleuchtender ist da ein Einwand, den auch die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ vorbringt, wenn sie davon schreibt, Nolans neuer Film sei ein Kunstwerk, das „den Kreislauf von Gewalt und psychotischer Wut verhandelt“: Die Medien spiegeln demnach die Gesellschaft wider, im besten Fall „verhandeln“ sie die Mechanismen, die zu Gewalt führen, im schlechteren bilden sie diese Gewalt einfach nur ab.

„Normale“ Kinogeher können diese Unterscheidung zwischen Realität und ihrem Abbild, zwischen Ernst und Spiel selbstverständlich leisten, meint der bekannte Blogger Tom Shone. Seit drei Jahrzehnten sehe er Filme. Seine tiefere Kenntnis der Materie und das Betrachten einschlägiger Szenen hätten, zum Glück, nicht im Geringsten dazu geführt, dass er abgestumpft wäre.

 

Warum passierte das nicht auf Dana?

Dana Stevens im Online-Magazin Slate hält dagegen: „Nolans ,Batman‘-Trilogie geht von der Annahme aus, dass das, was auf dem Schirm passiert, auf die eine oder andere Weise das reflektiert, was in der Welt geschieht.“ Nur so funktionieren Filme als politische Allegorien. „Warum sollten wir nicht annehmen, dass der Umkehrschluss ebenfalls wahr ist, dass das, was wir als Gesellschaft konsumieren, nicht auch von der Leinwand in die Realität hinüberschwappt?“ Es sei kein Zufall, schreibt Stevens, dass Holmes nicht die Vorführung von „Happy Feet 2“ gestürmt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2012)