Unwetter: Manche Gebiete nie mehr bewohnbar?

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St. Lorenzen bleibt nach dem Murenabgang weiter evakuiert. Der Leiter des Katastrophenschutzes wirft sogar die Frage auf, ob ein Wiederaufbau der zerstörten Häuser überhaupt noch Sinn hat.

Wien/Graz. Das von Murenabgängen heimgesuchte St. Lorenzen im obersteirischen Bezirk Liezen bleibt weiter Sperrgebiet, die betroffenen Häuser dürfen nicht betreten werden – das beschloss der Krisenstab am Montag. Zudem sind ab Dienstag erneut Regenfälle angekündigt, die Gefahr weiterer Murenabgänge ist demnach nicht vorbei (siehe Artikel unten rechts). Jene 240 Menschen, deren Häuser evakuiert wurden, bleiben bis auf Weiteres bei Verwandten und in Pensionen untergebracht.

Kurt Kalcher, Leiter des Katastrophenschutzes, wirft sogar die Frage auf, ob es aus Sicherheitsgründen überhaupt noch Sinn hat, dass die Bewohner des Ortes in ihre Häuser zurückkehren. „Nach den Ereignissen der letzten Tage müssen sämtliche Schutzmaßnahmen evaluiert werden“, sagt Kalcher. „Denn bei derartigen Niederschlagsmengen sind Murenabgänge dieser Größe auch künftig nicht auszuschließen, aus unserer Sicht sogar unvermeidbar.“

Um St. Lorenzen sicher zu machen, müsse ein „ganz neues Paket“ geschnürt werden, mit aufwendig ausgebauten Schutzwerken in der Wildbach- und Lawinenverbauung. „Das ist ein Riesenprojekt, das Jahre in Anspruch nehmen wird.“ Ansonsten seien Teile des Ortes nicht mehr bewohnbar. Natürlich könne man als Sofortmaßnahme Ablenkdämme bauen, „aber dann geht die Mure eben auf ein anderes Gebiet ab“. Am Sonntag hatte auch Landeshauptmann Franz Voves (S) Zweifel geäußert, ob es angesichts unvorhersehbarer Verwüstungen sinnvoll sei, „sein Heim nochmals an der gleichen Stelle aufzubauen“.

Kritik aus der Bevölkerung

Zuletzt war aus der Bevölkerung Kritik an den Schutzmaßnahmen durch die Wildbach- und Lawinenverbauung (im Zuständigkeitsbereich des Lebensministeriums) laut geworden. Die aktuelle Katastrophe wurde durch eine Verklausung (Verstopfung) am Lorenzerbach ausgelöst, Sperren wurden weggerissen, und eine fünf Meter hohe Schlammwelle wälzte sich bis in den Ort. Gerhard Baumann von der Wildbach- und Lawinenverbauung Steiermark verweist auf die Vorgeschichte: Durch die großen Regenmengen des vergangenen Monats sei der Boden „angesoffen“ oder, so der Fachjargon, „tiefgründig durchnässt“ gewesen, zudem sei die Region von rutschanfälligem Schiefergestein dominiert.

Auch Kalcher verweist auf den ungewöhnlich hohen Niederschlag: „Seit 21.Juni wurden 300 bis 400 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen, das ist die halbe Jahresniederschlagsmenge in diesem Gebiet“, so Kalcher. „Allein in der Nacht auf Samstag fielen etwa 100 Liter Regen pro Quadratmeter.“ Bei diesen Mengen seien Murenabgänge trotz weiterer Maßnahmen nicht zu verhindern gewesen.

Schäden gehen in die Millionen

Die Aufräumarbeiten werden noch Monate in Anspruch nehmen, „es wird vermutlich bis Anfang 2013 dauern, ehe die Infrastruktur wieder vollständig hergestellt ist“, berichtet Feuerwehreinsatzleiter Walter Danklmaier. Die Feuerwehr unterstützt unter anderem mit Tankwagen die Pioniere des Bundesheeres. Insgesamt waren am Montag rund 400 Männer und Frauen mit der Beseitigung von Schlamm und Geröll beschäftigt. „Wenn der Schlamm nicht rasch wegkommt und trocknet, wird er wie Beton“, erklärt Kalcher.

Eine erste Schadensbilanz im Bereich der Gebäude habe rund 60 beschädigte oder zerstörte Objekte – darunter zwei Wohnhäuser – ergeben: Es war laut Kalcher ein „Ereignis von einer Dimension, wie sie in den vergangenen 30 Jahren nicht vorgekommen ist“. Noch sei es zu früh, um den Schaden zu beziffern, da die Begutachtungen vor Ort noch Tage dauern könnten, „aber“, so Kalcher, „er geht bestimmt in die Millionen, wenn nicht zig Millionen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2012)

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