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Homo sapiens: Gefährlicher als der größte Vulkanausbruch

(c) AP (FRANK FRANKLIN II)
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Eine neue Methode zur Datierung von archäologischen Funden wirft ein neues Licht auf das Aussterben der Neandertaler.

Vor ungefähr 40.000 Jahren ging es in Europa turbulent zu: In rascher Folge wechselten Warm- und Kaltzeiten, das veranlasste die Menschen zu ständigen Wanderungen Richtung Nord bzw. Süd. Zudem gab es bei Neapel den größten Vulkanausbruch der letzten 300.000 Jahre („Kampanischer Ignimbrit“): Die riesigen Staubmengen, die in die Atmosphäre geschleudert wurden, lösten wohl zusätzlich einen „vulkanischen Winter“ aus.

Gleichzeitig änderte sich Europas Bevölkerung. Die Population des Homo neanderthalensis, der seit zumindest 100.000 Jahren hier lebte, wurde plötzlich kleiner, vor rund 30.000 Jahren verschwand er komplett. Als einziger Hominide blieb unser direkter Vorfahre zurück: der Homo sapiens, der vor zumindest 40.000 Jahren aus Afrika nach Europa gewandert war.

 

Schon länger in Europa

Was damals genau geschah – und vor allem wann es geschah –, ist unbekannt. Die vorherrschende Theorie besagt, dass der Homo sapiens kulturell und sozial höher entwickelt war, sich in den natürlichen Turbulenzen besser behaupten konnte und den Neandertaler schließlich verdrängte.

Doch diese Hypothese steht und fällt mit der exakten Datierung der Funde – diese ist nämlich nicht ausreichend genau, um die Abläufe sicher rekonstruieren zu können. Dem wollte ein internationales Forscherkonsortium um John Lowe (Royal Holloway University of London) abhelfen: Zur zeitlichen Synchronisation von Fundstätten in Italien, Griechenland, mehreren Balkanstaaten, Russland und Libyen nutzten sie die Überbleibsel der Ignimbrit-Eruption – und zwar nicht sichtbare Ascheschichten (die selten beobachtbar sind), sondern mikroskopisch kleine Glaskügelchen im Vulkanstaub („Kryptotephra“), der sich über weite Teile Süd- und Osteuropas ausbreitete. Diese Kügelchen können mit empfindlichen Methoden sogar in Höhlen oder Meeressedimenten nachgewiesen werden.

Der neue absolute Zeitmaßstab lässt die bisherige Theorie wanken (Pnas, 23.7.). Zum einen trat der Homo sapiens schon früher in Nordafrika und Europa auf als gedacht – das passt gut zu den jüngsten Datierungen von Menschenzähnen auf ein Alter von 43.000 bis 45.000 Jahre.

 

Klima und Vulkan

Zum anderen setzte der Niedergang der Neandertaler schon deutlich vor dem Vulkanausbruch ein. Diese überlebten, wahrscheinlich in kleinen, mobilen Gruppen, noch bis vor 30.000 Jahren – wobei es zwischen verschiedenen Regionen große Unterschiede gibt.

Eine Konsequenz daraus: Kontakt zwischen Neandertalern und dem Homo sapiens muss es schon früher als vor 40.000 Jahren gegeben haben. Und dieser dauerte länger an als bisher angenommen – unser Erbmaterial besteht zu 2,5 Prozent aus Neandertaler-DNA.

Weder die Klimaschwankungen noch der Vulkanausbruch könnten die primären Treiber der kulturellen Entwicklung und der Veränderung der Bevölkerungsstruktur sein, folgern die Forscher aus den Daten. Und auch der kombinierte Effekt aus Klima und Vulkan habe nicht genügend Einfluss auf die Entwicklung der Neandertaler bzw. des Homo sapiens gehabt. „Der moderne Mensch war für die einheimische Population eine größere Gefahr als Naturkatastrophen“, resümiert Lowe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2012)