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August Diehl: „Kleist kannte die Sprache des Krieges“

(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Diehl steht ab Samstag in Salzburg als Prinz von Homburg auf der Bühne. Ein Gespräch über schlafwandelnde Feldherren, die Unterschiede zwischen Film und Theater sowie die Kindheit in Frankreich.

Die Presse: Andrea Breth inszeniert Kleists „Prinz von Homburg“ – mit Ihnen in der Titelrolle. Die Aufführung hat bei den Salzburger Festspielen Premiere, übersiedelt im Herbst ans Wiener Burgtheater. Was ist für Sie wichtig an dieser Figur?

August Diehl: Ich kann und will, ehrlich gesagt, nicht viel darüber reden. Ich erlebe im Moment eine wunderbare und aufregende Probenzeit. Das ist ein sehr nonverbaler Prozess. Es ist eine Traumrolle für mich. Ich habe sofort Ja gesagt, als ich vor einem Jahr gefragt wurde. Ich habe den Prinzen von Homburg in der Schauspielschule gespielt, aber das waren nur Ausschnitte. Ich kannte das Stück also ein bisschen, jetzt kenne ich es natürlich besser.

 

Der Prinz von Homburg wird, kurz gesagt, für sein eigenmächtiges Handeln in einer Schlacht zum Tode verurteilt. Bei diesem komplexen Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit fällt einem immer wieder etwas anderes auf. Mir ist diesmal z.B. die Diskrepanz aufgefallen, dass es sich bei dem Prinzen offenbar einerseits um einen Soldaten handelt, der drein haut, andererseits um einen Schlafwandler, der in Ohnmacht fällt. Wie passt das zusammen?

Wieso soll das nicht zusammenpassen? Solche Geschichten passieren sehr oft, gerade beim Militär gibt es sehr viel Schlaflosigkeit, Zustände zwischen Traum und Wachen, durch die extreme Situation, in der die Menschen sind. Napoleon hat nur drei Minuten am Tag geschlafen.

 

Der Krieg hat sich seit Kleists Zeiten stark verändert, strategisch, vor allem aber technisch. „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“, heißt es am Schluss. Da könnte man auch Amerika oder Russland einsetzen.

Die Sätze des Krieges haben an Einfachheit nichts eingebüßt, glaube ich, sie sind plakativ wie eh und je: „Ladies and Gentlemen, we got him“, sagte US-Präsident George W. Bush nach der Ergreifung Saddam Husseins. Kleist kannte die Sprache des Krieges. Er war ja selbst Soldat.

 

Sie haben viele Filmrollen gespielt. Was kann der Film, was das Theater nicht kann?

Film und Theater haben miteinander so viel zu tun wie ich mit Hochseefischen. Das sind zwei komplett unterschiedliche Künste. Film hat mehr mit Malerei, mit bildender Kunst zu tun als mit Theater. Beim Film wird die Geschichte wie in einem Comic mittels der Abfolge der Bilder erzählt. Theater gehört zur darstellenden Kunst, es funktioniert über die Sprache, den Raum.

 

Ihr Vater ist Schauspieler, Ihre Mutter Kostümbildnerin. Sie sind in einem abgeschiedenen Haus in der Auvergne aufgewachsen. Wie ist Ihre Erinnerung daran?

Wir hatten kein Fernsehen, nicht einmal Strom, das ist wirklich wild und einsam gewesen, wie ich das in Österreich oder Deutschland gar nicht kenne. Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Wir haben dieses Haus immer noch, und es ist ein sehr wichtiger Ort für mich. Der Hauptgrund, dass wir von dort weggegangen sind, nach Deutschland, war die Schule.

 

Wie fiel Ihre Entscheidung für die Schauspielerei?

Ich kann mich nicht mehr an den Moment erinnern, in dem ich mich dafür entschieden habe. Sicher hat es eine Rolle gespielt, dass ich meinen Vater bei Proben sah. Ich war sehr beeindruckt und dachte: Die Schauspieler machen das, was ich den ganzen Tag mache, sich verkleiden und sich vorstellen, dass man ein anderes Leben hat. Der Unterschied ist, dass man bei den Proben leise sein muss und das Licht ausgeht. Ich habe dann schnell mitbekommen, dass es da so eine seltsame Hierarchie gibt: Einer sitzt unten im Dunkeln und richtet es für die oben auf der Bühne. Wir haben ihn den Bestimmer genannt. Trotzdem ging es darum, dass dabei etwas Lebendiges entsteht.

Die Spontaneität des Spielens der Kinder fällt im Theater allerdings weg.

Auf keinen Fall! Gerade Kinder lieben ja nichts mehr als Autorität.

 

Das meinen Sie jetzt nicht wirklich ernst.

Doch, aber hallo!? Weder in der Erziehung noch in der Kunst darf es zu demokratisch zugehen. Autorität ist aber nicht das, was Sie denken, und es hat auch nichts mit Unterordnung zu tun. Man dient einer gemeinsamen Sache am Theater. Das Tolle dabei ist: Man ist nicht verantwortlich, man darf chaotisch sein und hinterher ist jemand da, der aufräumt. Das hat etwas mit elterlicher Geborgenheit zu tun, mit Vertrauen. Wenn es schöne Arbeiten sind im Film wie im Theater, dann gibt es einen Regisseur, der für Ordnung sorgt. Man muss nicht auch noch die Vogelperspektive auf das Gesamte behalten.

 

Sie haben des öfteren extreme Rollen gespielt, Bernard Marie Koltès' Mörder Roberto Zucco, einen NS-Schergen in „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino. Wie ist das bei Ihnen mit Kunst und Leben?

Was ich spannend finde am Beruf des Schauspielers ist der Wechsel zwischen Alltag und dem Moment, wenn man auf der Bühne steht. Das gibt einem einen unglaublichen Kick. Da ist auch eine große Trennwand zwischen diesen beiden Welten und die genieße ich sehr.

Sie leben in Berlin, spielen in Salzburg und Wien, waren in Hollywood. Mögen Sie das Unterwegssein?

Ich war eigentlich noch niemals in Los Angeles. „Salt“ wurde in New York und Washington gedreht. „Inglourious Basterds“ war eine fantastische Arbeit. Ich bin mein ganzes Leben lang gereist, immerzu. Ich bin immer sehr oft umgezogen, hin- und hergefahren. Ich finde, unterwegs zu sein ist eine der inspirierendsten Erfahrungen überhaupt. Es ist erstaunlich, dass ich in der Stadt, in der ich lebe, Berlin, am allerwenigsten gearbeitet habe. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich schon so lange dort lebe.

 

Welche Unterschiede gibt es für Sie zwischen Wien und Berlin?

In Berlin gibt es diese Haltung: Berühmt bin ick och. Den Berlinern ist es egal, wer vor ihnen steht. Manchmal sage ich in Berlin, wenn mich ein Taxifahrer fragt, was ich mache, ich sei Grafikdesigner. Dann ist das Gespräch zu Ende. In Wien ist das anders. Hier ist die Schauspielerei anerkannt und das Burgtheater eine Institution, was auch Nachteile hat. Aber ich finde es schon bemerkenswert an Wien, wie hoch hier die Bühnenkunst gehalten wird. Wenn ich da in ein Taxi einsteige und sage, ich müsse zur Vorstellung, dann fährt der Taxifahrer über die Grünanlage, damit ich rechtzeitig ankomme. Theater ist hier eine Art Stadtgespräch. Ich kenne keinen Ort, wo es eine derartige Theaterleidenschaft gibt.

 

Hätten Sie sich auch vorstellen können, etwas ganz anderes zu machen als Schauspielerei?

Ich kann mir sehr viel vorstellen. Ich denke, dass man den Schauspielberuf auch deshalb wählt, weil man alles machen kann, weil man sich nicht entscheiden will. Wenn man Lust hat, einen Schuster zu spielen, dann ist man eben ein Schuster. Es ist ein idealer Beruf für Leute, die sich nicht wirklich ins Leben vergraben wollen. Ich interessiere mich aber auch für Sprachen – und ich mache gerne Musik. Wir haben seit vier Jahren eine Band in Berlin, sie heißt „Hands up – Excitement“. Wir gehen auf Tournee. Ich spiele das langweiligste Instrument, nämlich Rhythmusgitarre. Auftritte zu haben ist auch eine Art Schauspielerei. Aber Musik ist bescheidener und hat weniger mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, sondern mit einer großen Disziplin, was ich nicht gewusst habe.

Auf einen Blick

August Diehl, geb. 1976 in Berlin, deutscher Schauspieler, seit 1997 Theaterauftritte, u.a. in „Don Carlos“ und „Höllenangst“, seit 2000 immer wieder am Wiener Burgtheater, etwa in „Ödipus auf Kolonos“. Filme: u.a. „23“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“, „Haider lebt“, „Slumming“, „Die Fälscher“. Seit seiner Rolle als SS-Sturmbannführer in Quentin Tarantinos Film „Inglourious Basterds“ international bekannt.

„Prinz Friedrich von Homburg“ hatdiesen Samstag am Salzburger Landestheater Premiere. Andrea Breth inszeniert. Mit u.a. Peter Simonischek, Andrea Clausen, Udo Samel und Roland Koch. Weitere Vorstellungen: 30. und 31. Juli sowie 1., 3., 4., 5., 7., 8., 9. und 11. August, jeweils 19Uhr – und ab Herbst im Wiener Burgtheater: 6., 7., 9., 15. und 16. September, jeweils 18Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2012)