"Assad fürchtet sich vor seinen eigenen Gefolgsleuten"

(c) AP (Mohammad Hannon)
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Der oppositionelle Schriftsteller Salameh Kaileh saß bis Mai in einem syrischen Gefängnis. Er geht davon aus, dass der syrische Machthaber Assad innerhalb des eigenen Regimes immer mehr an Rückhalt verliert.

Wien. Es hat zu Protesten im arabischen Raum geführt, als Syriens Regime im April den linken Schriftsteller Salameh Kaileh verhaftete. Kaileh war im oppositionellen Bündnis Syrische Linke aktiv gewesen und hatte sich an gewaltlosen Aktionen gegen die Machthaber beteiligt. Am 14. Mai 2012 wurde er aus dem Gefängnis entlassen und – da er einen jordanischen Pass besitzt – nach Jordanien deportiert.

Die Presse: Wie lange kann sich das syrische Regime noch halten?

Salameh Kaileh: Wir haben die Endphase erreicht. Die letzten Offensiven der Aufständischen und die Tötung hochrangiger Regimevertreter vor einer Woche in Damaskus führen zu einem internen Abbröckeln: Die Überzeugung, dass Entscheidungen von Machthaber Bashar al-Assad falsch waren, findet man mittlerweile in allen Teilen des Staatsapparats. Das Regime beginnt sich zu spalten. Teile des Apparates denken immer stärker an einen Wechsel, um den völligen Kollaps der Regimestrukturen zu vermeiden. In der Führungsspitze wächst das Misstrauen gegenüber den eigenen Gefolgsleuten. Die Clique um Assad fürchtet, dass der Staatsapparat von den Aufständischen infiltriert ist und stützt sich immer mehr auf Institutionen, denen sie voll vertraut.

Zum Beispiel?

Der Luftwaffen-Geheimdienst spielt jetzt die Hauptrolle bei der Bekämpfung des Aufstands, gemeinsam mit den Republikanischen Garden und der Vierten Division.

Ist das die Eliteeinheit, die von Assads Bruder Maher geführt wird?

Maher führt mittlerweile das ganze Land, nicht nur die Vierte Division.

Verlaufen die Bruchlinien innerhalb des Regimes entlang konfessioneller Grenzen? Sympathisieren die Sunniten mit der Revolution und die alawitische Minderheit, der auch Assad angehört, hält weiter zum Machthaber?

Auch viele Alawiten im Apparat helfen mittlerweile der Revolution.

Aber bei Minderheiten wie den Alawiten geht die Angst um: Auch viele Christen stehen auf der Seite des Regimes – nicht aus Liebe zu Assad sondern aus Furcht vor islamistischen Extremisten unter den Rebellen.

Zu Beginn hatten die Christen Angst. Diese wurde leider von Teilen der Opposition verstärkt, die dem Aufstand ein islamisches Antlitz geben wollten. In letzter Zeit wenden sich aber auch immer mehr Christen vom Regime ab.

Die Rebellen werden von Saudiarabien und Katar mit Waffen unterstützt. Ist das nicht ausländische Einmischung?

Natürlich ist das eine Einmischung von außen. Saudiarabien hat selbst große Angst, dass es die Revolutionen im arabischen Raum erreichen. Die Saudis haben zunächst monatelang das syrische Regime finanziell unterstützt. Und dann versuchten sie, der Revolution einen fundamentalistisch-islamischen Charakter zu verleihen. Sie unterstützen deshalb die fundamentalistischen Kräfte unter den Rebellen. Saudiarabien will den Kampf von einem Kampf Volk gegen Regime in einen konfessionellen Krieg umwandeln. Denn das wäre das Ende der Revolution.

Und was kommt nach Assad? Die Opposition ist total zerstritten.

Wenn es innerhalb des Apparates zu einem Wechsel kommt, könnten die Überreste des Regimes und die Opposition gemeinsam einen neuen Staat aufbauen. Wenn aber die staatlichen Strukturen völlig kollabieren, könnte angesichts der zerstrittenen Opposition ein Chaos entstehen. Aber wie gesagt: Ich glaube, dass das Szenario eines internen Wandels immer wahrscheinlicher wird.

Sie kämpften mit friedlichen Mitteln gegen Assad. Jetzt tobt ein Krieg.

Die Protestbewegung blieb sechs Monate friedlich und wurde mit allen möglichen Formen von Repression und Gewalt durch das Regime konfrontiert. Wenn nur die bewaffneten Schläger des Regimes gegen die Demonstranten vorgegangen wären, hätte die Revolution vielleicht ihren friedlichen Charakter behalten. Doch seit Juli 2011 setzt das Regime auch die Armee ein. Dass die Opposition zu den Waffen griff, zeigt, dass das eine Notwendigkeit war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2012)

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