Bronze ging an Österreich für das Schüler-Sonett „Der Diskus“

Die Olympischen Spiele prunken mit immer gigantischeren Programmen. Doch so vielseitig und unterhaltsam wie in der Anfangszeit sind sie längst nicht mehr.

Schneller, weiter, höher – das ist die Maxime für Sportler, die bei Olympischen Spielen gewinnen wollen. Länger, breiter, größer – das scheint die Maxime für die Veranstalter solcher Spiele zu sein. Im Vergleich zu heute, mit mehr als 10.000 Athleten, waren die ersten Olympischen Spiele der Moderne 1896 in Athen ein Bezirkssportfest.

Olympia mag inzwischen professioneller und spektakulärer geworden sein, in einer Hinsicht aber gibt es Rückschritte: Die Spiele sind nicht mehr so vielfältig wie einst. 2002 hat das IOC beschlossen, dass man sich auf 28 Sportarten beschränken werde. Baseball und Softball sind 2012 wieder ausgeschieden. Weil sich die Funktionäre aber nicht auf zwei Ersatz-Sportarten einigen konnten, werden in London nur 26 Disziplinen zu sehen sein. Erst 2016 wird wieder auf 28 Sparten aufgestockt. Golf und Rugby haben ihr Comeback.

Mit der guten alten Zeit sind diese Spiele ohnehin nicht vergleichbar. Damit sind nicht nur Hochsprung aus dem Stand, Tauziehen oder gar Kopfweitsprung im Wassersport gemeint. Nein, die goldene Zeit gab es, als die völkerverbindende Feier von Körper und Geist noch Kunstwettbewerbe zuließ. Von 1912 bis 1948 orientierte man sich auch dabei am antiken Griechenland, das Dichter und andere Kreative ebenfalls zum Wettstreit einlud, wie die Dokumentation „Feuer und Flamme für die Kunst“ von Alexa Oona Schulz zeigt (Wh. auf Arte: 2. 8., 11:55 h, 6. 8., 11:45 h).

Baron Pierre de Coubertin, dem Erfinder der modernen Spiele, war ein Fest vorgeschwebt, das Sport und Kunst verband. Seine Spiele wurden entwickelt, als sich zugleich die Moderne in der Kunst herausbildete, als etwa italienische Futuristen die Schönheit der Geschwindigkeit besangen (und den Kampf, der im Weltkrieg seine furchtbarste Form fand).

Der Sport spiegelte für Coubertin und seine Zeitgenossen die Dynamik des modernen Lebens wider. Das sollte auch künstlerisch verarbeitet werden. Er rief 1912 in Stockholm zum Dichterwettstreit auf. Weil sich nur wenige Poeten meldeten, griff der Baron selbst zur Feder und verfasste unter Pseudonym eine Ode. Dieses pathetische Werk gewann: „O Sport, du Göttergabe, du Lebenselixier“ – Coubertin, der erste Präsident des IOC, faktisch eine Art Alleinherrscher, verlieh sich sozusagen selbst die Goldmedaille. In fünf Kunstsparten wurde konkurriert. Bei der Musik setzte sich ein Marsch durch, der damals allerdings nicht gespielt wurde.

Nach dem Krieg, bei den Sommerspielen 1920 in Antwerpen, thematisierten viele der teilnehmenden Künstler den Krieg. Bei den folgenden Spielen in Paris, Amsterdam und Los Angeles erreichten diese Wettbewerbe sogar ein recht hohes Niveau und Breitenwirkung. 1932 präsentierten die Veranstalter 1130 Werke in einer großen Ausstellung.

Olympia wurde immer auch politisch instrumentalisiert. Am stärksten war dies in Berlin 1936 ausgeprägt, als die Nazis die Spiele für Propaganda nutzten. Hitler-Verherrlicher Arno Breker gewann mit den Monumentalfiguren „Zehnkämpfer“ und „Siegerin“ Silber für Deutschland. Auch Österreich konnte die Medaillenbilanz durch die Kunst ordentlich verbessern. Der Mittelschüler Hans Helmut Stoiber reichte in Berlin das Sonett „Der Diskus“ ein. Es brachte ihm Bronze in der Sprintdisziplin Lyrik. Nach 1948 aber war Schluss mit der olympischen Kunst. Begründung des IOC: Künstler seien keine Amateure.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2012)

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