Reisen im Jahr 2062: Keine "falsche Freiheit"! Bei eingeschränkter Mobilität florieren Formen des lokalen Tourismus.
Das Verbot von Benzin und Diesel als Antriebsmittel für Privatautos hat das Freizeitverhalten Europas umgestülpt. Ungesteuerter Personenverkehr, wie er Anfang des 21. Jahrhunderts üblich war, fällt im Jahr 2062 unter das Schlagwort falsche Freiheit: gewissenlose Egofahrten auf Kosten des Ökosystems. Privatwagen zählen zum Luxus, Autos (meist in Form von E-Cars) sind teuer. Immerhin werden Gemeinschaftswagen für Landbewohner mit mehreren hundert Yuan jährlich subventioniert. Benzin ist ohnehin so kostspielig, dass nur Staat und Militär herkömmliche Fahrzeuge betreiben. Flugreisen und Fernreisen sind Superreichen und Diplomaten vorbehalten - außerdem, wer würde das ohne Einladungsschein riskieren? Einladungsscheine in Metropolen sind rar, die Sicherheitslage ist äußerst unterschiedlich.
Seit Westfrankreich nach dem Reaktorcrash als unbewohnbar gilt und eine Europäische Zentralregierung die Ex-EU-Staaten ersetzt hat, wird zunehmend zwischen „reichen" Urbanos, die am globalen Wirtschaftsleben teilnehmen, und lokalen Independents aus kleineren politischen Gebilden unterschieden. In den sieben österreichischen E&S-Zentren („Energie und Sicherheit") Wien, Graz, Linz, Salzburg, St. Pölten, Klagenfurt und Stockerau sind sowohl Stromversorgung als auch persönliche Integrität der Bewohner gewährleistet.
Attraktion „World Mini City"
Unsere E&S-Zentren verzeichnen im Rahmen der „Bewirtschaftung von Ex-Parkplätzen" einen Bauboom - immer mehr Menschen zieht es in die Stadt, wenn sie und ihre Familien Genehmigungskarten kriegen. Für Tiroler oder Burgenländer herrschen jedoch rigide Einwanderungsbestimmungen. Die Übergangszeiten, die als Genehmigungskarten verschleudert wurden, sind vorbei. Mittlerweile muss man eine Jobzusage im E&S-Zentrum vorweisen. Das politische System 2062 hat sich umorganisiert, die unpraktikable „Demokratie" zählt zur falschen Freiheit. Da die Versorgungslage wieder unter Kontrolle ist, genießt die Europäische Zentralregierung trotz ihrer notorischen Shanghai-Abhängigkeit hohe Vertrauenswerte.
Besuche in Independents-Gebieten sind 2062 wegen des Bandenunwesens recht riskant. Unentwegte sind jedoch mit Privatguards unterwegs, ein informeller Job, der sich in Zeiten der explodierenden Arbeitslosigkeit großer Beliebtheit erfreut. In den Alpen gibt es als sicher geltende Gebiete, meist rund um die Green Drives, die vierspurigen Sommer-Mountain-Biking-Strecken. Sektoren wie „Kärnten/Steiermark" oder „Westösterreich" gelten als bereisbar - und als aktuelle In-Destinationen. Dem Tourismus neu geht es blendend: Nahe Wien hat World Mini City eröffnet, ein überdimensionierter Reality-Park zur Präsentation fremder Kulturen; Urlaube auf Hoverfloat Hotels, aufblasbaren Wohninseln in den Seen, sind hingegen recht teuer. Internationale Reisen in beliebte E&S-Zentren wie Berlin, Paris Nouveau oder Rom werden per Bahn unternommen. Allerdings kosten Zugfahrten so hohe Yuan-Beträge, dass nur wohlhabende Urbanos sich das leisten.
Beträchtliches touristisches Geschäft wird auch mit Gedenkzonen gemacht, in denen Nostalgieangebote die Besucher in jede Epoche der Weltgeschichte zurückversetzen - das 20. Jahrhundert ist besonders beliebt. Wer über die nötigen Yuan verfügt, kann hier sogar Fisch essen - oder sich Fahrten in einer Gasoline Hell mieten, einem Benzinfahrpark, in denen „alte" Automodelle zum Test bereitstehen.
Durch die Einschränkung des Internets, dessen ehemals unkontrollierte Wucherungen unter falsche Freiheit fallen (ist für Privatpersonen nicht mehr frei zugänglich), eröffnen sich 2062 neue Möglichkeiten. Anstelle des historischen Facebook ist Live Generation getreten, ein beliebtes zentralstaatliches Netzwerk zur Verwaltung persönlicher Daten - in dem man Freunden bzw. Berufskontakten auf verschiedenen Identitätsebenen Zutritt verschaffen kann. Es überschneidet sich mit Eros Generation, dem populären Reiseveranstalter zur Partnervermittlung. In Generation plus präsentieren sich Senioren, deren Stellenwert bekanntlich extrem gestiegen ist, seit der Grauen Grippe ein hoher Anteil der über 30-Jährigen zum Opfer fiel, mit Leih-Granny-Angeboten und Oldie-Kursen („Wisdom Power"): ein ambitioniertes Subventionsprojekt zum Gewinn der Gesellschaft. Alles in allem: Ein Aufschwung ist auch im Tourismus da!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2012)