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Kleinstadt in der Stadt: Wie ein Grätzel entsteht

Die Presse, Clemens Fabry
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In Gumpendorf mausert sich die Theobaldgasse zu einem, die Leopoldstadt hat gleich mehrere: Die Wiener lieben ihre Grätzel und sorgen dafür, dass sie immer mehr werden.

Wien. Wenn man so will, wird Wien zur Kleinstadt. Die junge, städtische Mittelschicht entdeckt ihre Nachbarschaft. Nicht nur Biogemüse und Co. sollen aus der Region kommen. Nein, am besten erledigt man auch gleich die Einkäufe – ganz ohne Auto oder U-Bahn – maximal mit einem Korb auf dem Fahrrad oder besser noch der Stofftasche um die Schulter direkt beim Greißler, Delikatessen-, Platten- oder Modegeschäft ums Eck.

Wo dieses Eck ist, das kann sich schnell ändern. So hat sich zum Beispiel die Theobaldgasse im sechsten Wiener Bezirk zwischen Mariahilfer und Gumpendorfer Straße in den letzten Monaten zu einem recht gut florierenden Grätzel entwickelt. Gut, das Top-Kino am einen und das Interieurgeschäft Habari am anderen Ende der Straße waren schon länger da. Dazwischen gab es aber nicht viel. Spätestens seit Anfang des Jahres haben aber nicht nur einige Geschäfte eröffnet – etwa die Modelabels We Bandits und Anzüglich, das Feinkoch, das Essen nach und mit Rezept verkauft, oder das Kaffee Akrap.

 

Beschwerden über Lebendigkeit

Damit das auch außerhalb der Straße bekannt wird, haben sich die Geschäftsleute – zwar nicht zu einem Verein, aber doch – zusammengeschlossen. „Wir treffen uns alle sechs Wochen und besprechen, was wir in der Gegend verbessern können“, sagt Christian Akrap vom gleichnamigen Kaffeegeschäft mit Ausschank. So wurde etwa die Straßenbegrünung selbst verschönert und eine Tafel vor dem Kaffeehaus aufgestellt, auf der die Anrainer ihre Wünsche oder Ideen notieren können. Die Bewohner nehmen das gern auf – zumindest die meisten. „Es gab aber auch schon Beschwerden, dass die Straße zu lebendig ist.“

Die Theobaldgasse ist somit ein typisches Beispiel für ein Grätzel. Zwar gibt es keine allgemeingültige Definition dafür, doch im Zweifel gilt: Es ist dann eines, wenn es jemand dazu macht. Der Impuls dazu kann von außen – also etwa von der Stadtverwaltung oder Immobilienfirmen – oder eben von Anrainern oder Geschäftsleuten kommen.

Margret Funk, Immobilienmaklerin und Professorin am Studiengang Immobilienmanagement der Fachhochschule Wiener Neustadt, definiert das klassische Grätzel so: „Um einen bestimmten Punkt herum, zum Beispiel einen Park, sammeln sich Wohnbereiche und Gewerbebetriebe und bilden eine Einheit. Das kann über zwei, drei Gassen gehen, und dann ist es wieder vorbei.“ Und: Wesentlich ist für sie die Kontaktaufnahme der Menschen – und das Zugehörigkeitsgefühl.

Wobei, nicht alles kann zu einem – erfolgreichen – Grätzel gemacht werden. „Da gelten die gleichen Parameter wie in der Werbewirtschaft, etwa für Produkte“, sagt Heinz Fassmann, Leiter des Instituts für Stadt- und Regionalforschung an der Akademie der Wissenschaften. „Die Authentizität muss gegeben sein. Es braucht etwas Besonderes, ein Gebäude, die Lage oder eine bestimmte soziale Mischung.“ Für ihn ist ein Grätzel so etwas wie eine „Deanonymisierung in einer anonymen Stadt“. Fast schon logisch, dass eine größere Stadt auch mehr und stärkere Grätzel hervorbringt. Allerdings, laut Fassmann stecken in vielen Fällen Immobilienfirmen hinter der Inszenierung als Grätzel. Der zweite Bezirk sei dafür ein gutes Beispiel. „Dort stecken ökonomische Interessen dahinter.“

 

Die Nachbarn als Freunde

Das stört wiederum Tom Kaisersberger weniger. Er kennt so gut wie jeden in seinem Grätzel. Seit 25 Jahren lebt der gebürtige Münchner in der Wiener Leopoldstadt, vor ein paar Jahren hat er dort sein eigenes Geschäft eröffnet. Er verkauft T-Shirts, die „bio, fair und klimaneutral sind“ sind, sein Shop in der Glockengasse heißt „Guter Stoff“. Unterhält man sich ein paar Minuten mit Kaisersberger, grüßt er währenddessen mehrmals auf die Straße hinaus. Seine Nachbarn sind seine Freunde, er kennt das Künstlerkollektiv ein paar Hausnummern weiter, den Antiquitätenhändler gegenüber und auch den Tischler nebenan. Kaisersberger beschreibt sein Grätzel als einen „Dorfplatz“. Man trifft immer jemanden, mit dem man plaudern kann. „Wenn man keine Zeit hat, sollte man besser nicht auf die Straße gehen.“ Es komme auch hin und wieder vor, dass er sein Grätzel wochenlang nicht verlässt.

Auch wenn (manche) Grätzel derzeit einen besonderen Boom erleben, neu ist ihre Bildung und Inszenierung nicht. „In Wien haben sie etwa im 19.Jahrhundert eine besondere Bedeutung gehabt“, sagt Fassmann. Wobei manches Grätzel von damals, etwa der Brillantengrund in Neubau, derzeit so etwas wie eine Grätzelwiedergeburt feiert.

Die Aufwertung von Grätzeln stand auch ab Ende der 1970er auf der politischen Agenda, besonders vorangetrieben von ÖVP-Vizebürgermeister Erhard Busek und seinen „bunten Vögeln“. Dabei wurden im Rahmen von „Grätzel-Aktionen“ die Wiener zum Fassadenstreichen und zu „Bepflanzungsaktionen“ animiert. Busek im Jahr 1984: „Erst wenn der Mensch dort, wo er zu Hause ist, in seinem Grätzel, das Gefühl hat, eine Heimat zu haben, wird er auch seine Kraft, Fantasie und seinen Arbeitseinsatz für diese Heimat einsetzen.“

Auf einen Blick

Grätzel. Der Kleinstadt in der Stadt kam bereits im 19. Jahrhundert besondere Bedeutung zu, Ende der 1970er-Jahre wurden sie wieder aufgewertet, und heute boomen die Szenegrätzel wie Karmeliterviertel und Spittelberg.

Neu: Durch Impulse von außen (Bezirkspolitik) oder eigene Initiativen (Zusammenschluss von Kreativen) werden auch neue Grätzel entwickelt – wie etwa in der Theobaldgasse in Mariahilf, wo in jüngster Zeit mehrere neue Geschäfte eröffnet haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)