Peer Gynt: Ein Stück wie im Drogenrausch

(c) Salzburger Festspiele / Patrick Lazik
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Irina Brook inszeniert Ibsen, Shakespeare. Sie erzählt über eine poetische Liebe auf den ersten Blick, Glanz und Fragilität der Schauspieler, über die Spiritualität von Iggy Pop und ihre außergewöhnliche Compagnie.

Die Presse: „Peer Gynt“, den Sie hier bei den Salzburger Festspielen inszenieren, ist ein gewaltiges Drama eines gewaltigen Dramatikers. Wann haben Sie dieses Stück von Henrik Ibsen kennengelernt?

Irina Brook: Ich habe das Drama in verschiedenen Phasen meines Lebens gelesen. Da ich auch mehrere Leben geführt habe, als Schauspielerin, Regisseurin, Mutter, hat es mich ganz unterschiedlich beeinflusst. Aber schon mit 18 dachte ich: Wow, wie toll! Es hat mich stark beeinflusst. Dann war ich mit Iggy Pop zusammen, in New York, und sagte zu ihm, „Peer Gynt“ sei richtig cool, wir sollten ein Musical daraus machen. Ich erinnere mich nicht mehr so genau, aber Iggy hätte wohl die Hauptrolle gespielt, David Bowie den König der Trolle.

Wie kam es zur Entscheidung, hier zu inszenieren?

Als Sven-Eric Bechtolf mich bat, auf der Perner-Insel ein märchenhaftes Stück zu bringen, dachte ich sofort an ein universales, unmögliches, schwieriges Drama. Für mich ist das Ende entscheidend. Bei den letzten drei Seiten habe ich geweint, so schön und erhaben ist es. „Peer Gynts“ Ende nährt die Seele.

Es geht um ein ganzes Leben, von 18 bis 80. Ist Ihr Held jung oder alt oder mittendrin?

Für mich ist das ideale Alter jenes von Ingvar (E. Sigurdsson), der hier den Peer spielt. Er ist Ende vierzig. Üblicherweise wird die Rolle mit einem jungen, hübschen Helden besetzt, der dann einen weißen Bart bekommt. Aber für mich ist es nicht vorstellbar, dass ein Bub eine Geschichte darüber erzählt, wie man gelebt hat und weise wird. Ich wollte einen reifen Mann mit Erfahrung, der ein reiches, schweres Leben hatte.

Ihnen schwebt auch ein Rockstar vor. Wäre nicht Keith Richards von den Rolling Stones ideal?

Ja, oder Bowie oder Iggy. Der wäre für mich der Beste. Erst vor Kurzem hat er ein Interview gegeben, das viele Parallelen zu Peer zeigt. Ein Leben voll Rock 'n' Roll, das hätte ihn beinahe zerstört. Aber heute macht er Qigong, meditiert in seinem Strandhaus in Malibu. Iggy ist sehr spirituell geworden. Er strahlt und ist in Hochform. Das ist doch ungewöhnlich für einen Rocker.

Interessant ist auch, dass Iggy Pop Lieder für Ihre Inszenierung geschrieben hat.

Die Idee zu den Songs kam von ihm, die zu einer Art Rock-Musical von mir.

Hans Christian Andersen war von „Peer Gynt“ schockiert. Können Sie das nachempfinden?

Vielleicht war es zu wild für ihn, vielleicht war er zu bieder. Das Stück scheint wie im Drogenrausch geschrieben. Sehen Sie hier dieses Gemälde von William Blake an der Wand, die Figur heißt „Glad Day“. Ist sie nicht wunderschön? Blake war ebenfalls ein verrückter Visionär. Das Stück ist sehr modern, ein Bewusstseinsstrom, esoterisch.

Peer hat eine seltsame Mutter. Ist sie stolz auf ihn?

Stolz? Sie ist besessen von ihm. Es ist ein intensives Paar, mit einer alleinerziehenden, auf ihren Sohn fixierten Mutter. Eine Obsession. Peers Vater war Alkoholiker und haute ab. Was bleibt, ist Eskapismus, eine Fantasiewelt. Fast alle Dramatiker nach Ibsen wurden von ihm stark beeinflusst, er stand am Beginn der Psychologie des 20. Jahrhunderts. Tennessee Williams war ganz verrückt nach Ibsen. Sehen Sie sich die Anfangsszene von „The Glass Menagerie“ an – auch das ist ein Traumstück.

Gibt es bei der Arbeit mit einem internationalen Ensemble Kommunikationsprobleme?

Wir sind ein multikultureller Haufen – das ist ein Reichtum, mit dem ich aufgewachsen bin. Wir haben niemals Krisen. Als Theater sind wir eine große Familie. Was letztlich bleibt, sind doch menschliche Beziehungen. In „Peer Gynt“ gibt es auch eine umfassende Vision der Menschheit, es ist eine große Suche. Mein Team besteht im Kern seit sieben Jahren, es gibt auch immer wieder neue Zusammensetzungen. Zuerst haben wir mit Aufführungen von Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf Feldern in Frankreich begonnen, bei winzigen Festivals. Der Eintritt war frei. Aber es war so besonders, dass wir 300 Tage auf Tour gingen, mit einem „Work in Progress“. Diese Inszenierung hat sich wirklich entwickelt. Wir haben eine lose Gemeinschaft, die bald vielleicht auch einen fixen Platz hat. Die bisherigen Shows haben ein langes Eigenleben, sie sind meine Babys.

Wie finden Sie zu Ihrem Ensemble?

Ich lasse nicht vorsprechen oder vorspielen, es geht mir um die Person, die Persönlichkeit. Mich interessiert keine Berühmtheit der Welt, wenn sie nicht großzügig und liebenswürdig ist. Wenn wir proben, wollen wir etwas Besonderes machen, etwas Bereicherndes erleben. Dazu braucht es auch eine besondere Gruppe, die ein Ziel hat.

Ihre zweite Premiere in Salzburg ist Shakespeares „Sturm“ . Ihr Vater Peter Brook hat dieses Drama mehrfach inszeniert. Eine Familienobsession?

Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass ich in London in den Sechzigerjahren auf Gerüsten für „The Tempest“ herumgekraxelt bin. Die Inszenierung in Paris vor 20 Jahren habe ich als wunderschön in Erinnerung, aber kaum noch in Details. Wir sind beide Shakespeare-Fanatiker. Als ich mit sechs erstmals einen „Sommernachtstraum“ meines Vaters sah, wusste ich, dass Shakespeare für mich bestimmt war. Es war Liebe auf den ersten Blick! Ich werde bei ihm mehr von den mystischen Märchen mit Vätern und Töchtern als von den lustigen Komödien angezogen. Ich habe auch einen maßgeschneiderten Prospero gefunden, einen Italiener. Er spielt einen Koch und braut auch Zaubertränke. Ich liebe diesen „Sturm“, er geht mir ans Herz. Als wir diese Aufführung in Nizza in einem großen Theater zeigten, sehr bürgerlich, meldeten sich beim Publikumsgespräch liebenswürdige alte Damen und diskutierten über Erlösung. Da dachte ich mir, die haben genau erkannt, um was es in dem Stück geht.

Ihre Mutter, Natasha Parry, ist eine berühmte Schauspielerin, Ihr Vater ein berühmter Regisseur. Sie haben beide Berufe der Eltern ausgeübt. Warum haben Sie sich ganz für die Regie entschieden? Mehr Glamour hatte doch wohl Ihre Mutter?

Als ich ein Kind war, hatte meine Mutter ihre Hollywood-Karriere Ende der Sechzigerjahre praktisch hinter sich und konzentrierte sich darauf, in der Theatertruppe meines Vaters zu spielen. Sie verschwand also im Ensemble. Ich erlebte nicht ihren Glanz, sondern wie schwer es war, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen. Als Jugendliche habe ich sie dann angestoßen und gesagt, geh doch nach London, lass uns hier allein und hol dir deine Karriere zurück! Ich sah auch die Fragilität eines Schauspielerdaseins und fühlte mich später viel wohler als Regisseurin. Mit vier hatte ich die fixe Idee, auf der Bühne zu stehen, aber das war nie das Richtige für mich. Ich brauchte 20 Jahre, um das Richtige zu finden. Ich musste das erst durch Erfahrung lernen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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