Zucchini. Ein paar Tage allein gelassen, und schon entarten die Zucchini zu ungenießbaren Riesenfrüchten. Das freut dann die Hühner, aber auch nicht bis in alle Ewigkeit.
Die feuchte Witterung der jüngeren Vergangenheit hatte eine gewisse Verwilderung des Gartens zur Folge. Viel Wasser bewirkt logischerweise bei den feuchtigkeitsliebenden unter den Pflanzen starkes Wachstum und bringt außerdem allerlei schlummerndes Unkrautsamenzeug im Boden zum Keimen. Bei gleichzeitiger regenbedingter Verweigerung der Gartenpflege ergibt das binnen erstaunlich kurzer Zeit: Dschungel!
Vor allem manche Gefilde des Gemüsegartens waren vorübergehend von der Umwelt, also mir, abgeschnitten. Kein Scherz, nur auf Stelzen hätte man hingelangen können. Kürbisse und Zucchetta waren in Windeseile aus den ihnen zugedachten Revieren ausgebrochen, ihrer Wege gekrochen und hatten mit meterlangen fetten Trieben die Pfade überwuchert. Die vielen, wie auf einer Perlenschnur aufgeknüpften Fruchtansätze machten das Abschneiden zur Gewissensfrage, vor allem, wenn man die grünen Hokkaidokürbisse so gern speist wie ich.
Das Dillkraut, dessen Blütenstände die wichtigste würzende Zutat für das Sauerkraut ist, lag meterhoch kreuz und quer von Gewitterstürmen niedergeworfen. Die malerisch eingestreuten schwarzen Stockrosen, die heuer gut zweieinhalb Meter aufgeschossen waren, lagen ebenfalls gefällt darnieder. Kurzum: Die Machete musste her. Stützende Pfähle wurden eingeschlagen, die Stockrosen aufgebunden, das Dillkraut gerettet, die Kürbisse umgelenkt, ungeheuerliche, mehrere Scheibtruhen füllende Biomassen ausgerupft, gehäckselt, flächenkompostiert, der Garten wieder begehbar gemacht.
„Haben Sie eine junge Katze?“, wurde ich zwischendurch an der Supermarktkassa in Anbetracht meiner zerkratzten Arme gefragt. Nein, eine alte, fette, faule, als die ich hoffentlich dereinst wiedergeboren werde, dafür aber einen Garten. Das reicht auch.
Wunder ungetrübten Wachstums
Nachdem ich schließlich den Weg bis zu jener Gemüsegartenzone freigelegt hatte, in welcher das regelmäßige Ernten knackig-kleiner Zucchini unter normalen Bedingungen das allmorgendliche Gebot des Sommers ist, offenbarte sich auch dort das Wunder ungetrübten Wachstums. Fußballgroße Früchte drückten bereits Dellen in den Gartenboden. Rund deshalb, weil ich heuer der Zucchini in Keulenform abgeschworen und runde Zucchini der Sorte Tonda di Toscana gezogen habe. Die sind handlicher, will man sie in gußeisernen Rillenpfannen braten, anschließend mit Olivenöl beträufeln und mit Kräutern bestreut verputzen.
Zucchinipflanzen wollen gut gedüngten, nie gänzlich trockenen Boden, und den hatten sie offensichtlich gehabt. Die Ernte war ungeheuerlich und natürlich auch ungenießbar, denn Zucchini sind nur in jugendlicher Form geschmacklich vertretbar. Wie gut, wenn man in solchen Fällen Hühner hat. Sie fressen alles, selbst fußballgroße Zucchini. Ein ewiger Kreislauf findet statt: Zucchini werden zu Eiern, zu Hühnerdung, zu fruchtbarer Hühnerdungjauche und wieder zu Zucchini.
Zucchini auch beim Nachbarn
Alles oben Beschriebene in Sachen Wachstum betraf freilich nicht nur meinen, sondern auch die Gärten meiner Nachbarn. An den Tagen der Aufräumarbeiten fühlte man sich wie in die Steinzeit versetzt. Von allen Seiten wurden riesige Zucchinikeulen herangeschleppt, die längste von ihnen einen guten dreiviertel Meter messend und sicher mehrere Kilo schwer. Die Hühner, keuchten diejenigen, die sie trugen, die fressen doch so gern Zucchini, oder?
Der Kuchen, den die eine Nachbarin buk, hatte Zucchinischnipsel als Grundzutat. „Schön saftig, nicht wahr?“, meinte sie kauend. „Ja, ausgezeichnet“, pflichteten wir bei, besonders gut ist aber diese Schokoladeglasur. Die andere Nachbarin servierte ihr berühmtes Zaziki, diesmal mit seltsam gelben Einsprengseln. Was die interessante Färbung verursache, wurde sie gefragt. Zucchini, sagte sie wie nebenbei, sie habe noch ein paar übrig gehabt. Diejenigen, die nicht zu Zucchinisuppe, Zucchiniauflauf und anderen Zucchinispeisen verarbeitet worden waren.
Es reicht jetzt. Sogar die Hühner zeigen uns schon den Bürzel, wenn wir ihren Auslauf mit Zucchinischnipsel betreten. Sie wollen jetzt endlich wieder Salat, Gurkenschalen, irgendetwas. Nur keine Zucchini. Undankbares Federvieh, was?
Gartentipp
Bestäubung. Wenn die Zucchini in langen und kühlen Regenphasen einmal keine Früchte ansetzen, müssen Sie sie selbst bestäuben: Die männlichen Blüten abzwicken, das sind jene mit den längeren Stielen und ohne Fruchtknoten, und damit die weiblichen bepinseln. Wer die verwelkenden Blütenreste von den ganz jungen Früchten abzupft, kann das gefürchtete Abfaulen meist verhindern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)