Hallo, ich bin's! Hier oben aus der Wolke!

Jetzt soll ich auch noch mit meinem Computer reden. Muss ich mich dafür dann extra auf die Couch legen?

An die Situation habe ich mich noch immer nicht gewöhnt: An der Bushaltestelle taucht jemand auf, der laut mit sich selbst spricht – irres Zeug, meine ich und gehe unwillkürlich zur Seite. Früher war man so etwas von unrasierten Herren auf Parkbänken gewohnt, die einen halb leeren Doppler Wein neben sich stehen hatten. Im neuen Jahrtausend aber betreiben auch gehäuft adrett gekleidete Personen „intrapersonelle Kommunikation“ – offenbar wirre Sätze, die sich erst dann erklären, wenn man den Knopf im Ohr sieht, der diese Leute mit ihrem Mobiltelefon verbindet.

Seit einiger Zeit muss man sogar damit rechnen, dass diese Gesprächsexhibitionisten nicht einmal reale Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung haben. Es kann auch sein, dass sie nur mit ihrem Smartphone reden, das ihnen höflich sagt, wann sie wieder ihre Tabletten nehmen müssen. Für mich ist das nichts, ich habe eine Handy-Phobie und fürchte, dass die Strahlung Trommelfellkrebs verursacht oder zumindest die Ohrmuschel röstet. Falls ich also, sagen wir, heute im Eisenbahnwaggon auf der Fahrt nach Salzburg allein im Abteil sitze, vor mich hin redend, handelt es sich um lautes Denken, oder ich zitiere gerade einen Monolog aus „Prinz Friedrich von Homburg“. Ehrlich, ich habe keinen Knopf im Ohr.


Bald aber werde auch ich wahrscheinlich zur immer größeren Gruppe der geschwätzigen Wahnsinnigen gehören – zumindest im Büro. Per E-Mail erreicht mich die Nachricht, dass für meine Computersoftware und in meiner virtuellen Wolke ein Update fällig sei. Das ist als Jubelmeldung verkleidet: Welche Freude, welche Lust! In der neuen Version darf ich mit meinem Betriebssystem reden. Angeblich gehorcht es aufs Wort und zeichnet meinen Redeschwall sogar auf. Da stutze ich. Will ich das wirklich? Wie lange wird es wohl dauern, bis das Ding zurückredet? Und sind Sachen, die ich meinem Laptop unbedingt sagen will, überhaupt druckreif? Es gibt nämlich intime Fragen („Wolltest du die Datei wirklich löschen?“), da würde sogar ein Autist statt einer Antwort am liebsten zuschlagen.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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