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Polen: Unaufhaltsam wandert der Sand ins Land

(c) www.poland.travel
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An der Ostsee wähnt man sich in der Sahara: auf 42 Meter hohen Wanderdünen.

Leba. Die Sonne knallt auf den schneeweißen Sand. Sandhügel wellen sich grenzenlos, steigen steil hoch und senken sich sanft ab. Die Füße sinken ein. Nur mühsam geht es bergauf, Schritt für Schritt. Der Wind verwischt augenblicklich alle Spuren und formt fantastische Wellen aus den Quarzkörnern. Hin und wieder setzen sich blasse Grasbüschel gegen den Sand durch. Die Luft flirrt, fast könnte man den Sandgipfel, das Meer und die dunkelgrünen Wälder für eine Fata Morgana halten. Eine Möwe schreit. Diese Wüste liegt an der Ostsee, im Slowinski Nationalpark in Polen. Die polnische Sahara ist zwar nur eine Miniversion der afrikanischen, dafür aber täuschend echt. Schon öfter dienten die Dünen als Ersatz für echte Wüste: Im Zweiten Weltkrieg übten hier die deutschen Truppen für ihren Einsatz in Afrika, in den 60er-Jahren drehte der Regisseur Jerzy Kawalerowicz hier seinen Monumentalfilm „Pharao“.

Die polnischen Wanderdünen sind das größte Wüstengebiet in Europa. Ähnliche Dünen gibt es nur noch in Litauen an der Kurischen Nehrung und in Arcachon an der französischen Atlantikküste. Mit 953 Hektar ziehen sie sich entlang der polnischen Ostseeküste. Die aktuell höchste ist Gora Lacka, die Lonzker Düne, je nach Jahreszeit bis zu 46 Meter hoch. Die anderen Wanderdünen wurden durch Bepflanzung gestoppt. Auf ihre Oberfläche hat sich eine dünne Schicht Erde gelegt. Die schwarzen und grauen Dünen sehen aus wie gewöhnliche Hügel. Auf der 55 Meter hohen Czolpinska-Düne steht sogar ein Leuchtturm.

Das Dünengebiet zwischen den Städtchen Rowy und Leba ist seit 1969 Nationalpark, wenig später wurde es Unesco-Weltbiosphärenreservat, denn außer Wanderdünen gibt es hier auch Sümpfe, Torfgebiete und Seen. „Gestern stand hier noch ein Baum“, sagt ein Reiseführer zu den Touristen, und zeigt auf die Spitzen einer Kiefer, die aus dem Sand herausragen. Nur wenige Meter weiter, auf der anderen Seite des Fußweges, steht ein quicklebendiger Kiefernwald. Beharrlich rollen die Sandkörner immer weiter über den Weg und zwischen die Bäume. Die Touristen schauen etwas misstrauisch, als ob sie Angst hätten, dass auch ihr Weg in ein paar Stunden verschüttet sein könnte. Der Reiseführer lacht: „Das war ein Scherz. Die Kiefer stand hier noch im vergangenen Herbst.“

Seit 1000 Jahren wandern die Dünen bei Leba, die Sandmassen sind nicht zu stoppen. Bei einer Windgeschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde werden die Sandkörner vom Gipfel herunter auf die Gegenseite der Düne geweht. So wandern die Sandmassen weiter, sogar bis zu zehn Meter jährlich, am schnellsten im Herbst und Winter, wenn die Seestürme toben. Dann geben die Sandkörner ein seltsames Wehklagen und Brummen von sich.

Seit Jahrhunderten schluckt der wandernde Sand alles, was ihm im Weg steht: Wälder, Sümpfe und Seen, aber auch menschliche Siedlungen. Mehrere Dörfer der kaschubischen Slowinzen verschwanden unter den Dünen. Die Lonzker Düne beispielsweise hat ihren Namen von der Siedlung Laczka, die bis heute unter ihr begraben liegt. Opfer der Dünen ist auch das alte Leba, das ursprünglich westlich der heutigen Stadt mit ihren Fischerhäusern lag. Nach Dutzenden oder gar Hunderten von Jahren decken die weiterwandernden Dünen die Reste der Vergangenheit wieder auf. Reihen toter Baumstämme, Fundamente alter Siedlungen oder militärischer Versuchsgelände aus der Kriegszeit. Vor dem alten Leba ist heute ein Teil der roten Backsteinmauer der mittelalterlichen Nikolauskirche zu sehen, mitten im Wald. Dieses Schicksal erwartet auch die heutige Stadt. Nach Schätzungen wird sie in etwa 400 Jahren verschüttet sein.


Der Eingang zum Nationalpark befindet sich in Rabka, ca. zwei Kilometer von Leba. Eintritt: 6 Zloty, Kinder bis 7 Jahre kostenlos.
Infos: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Fleschgasse 34/2a, 1130 Wien, +43/(0)1/524 71 91, wien@pot.gov.pl; www.polen.travel/de-at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)