Operationen der gewichtigeren Art

Operationen gewichtigeren
Operationen gewichtigeren(c) Herbert Pfarrhofer
  • Drucken

Wenn Flusspferde ohne Vorwarnung aus der Narkose aufwachen, dann kann es lebensgefährlich werden. Daher trainieren Zoologen in Tiergärten und Safariparks den Besuch beim Tierarzt sehr genau.

Uns ist aufgefallen, dass in Europa niemand an Flusspferdnarkosen arbeitet: Es hatten alle Angst, weil diese Tiere doch sehr gefährlich sind und weil es Probleme mit der Atmung während der Narkose gab“, sagt Chris Walzer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde der Vet-Med-Uni Wien. Er hat seit 20 Jahren Erfahrung mit großen Wildtieren, spezialisierte sich auf deren Narkose und veröffentlichte soeben eine Arbeit über neue Narkosemittel beim gemeinen Flusspferd in Menschenobhut. (Journal of the American Veterinary Association, 241, S. 110)

Eine Narkose brauchen diese Tiere in Zoos und Safariparks vor allem dann, wenn medizinische Eingriffe notwendig sind. Doch das Problem mit herkömmlichen Mitteln, die auf Opiaten basieren, ist, dass die Atmung der Flusspferde oft aussetzt, bei manchen Tieren leider für immer. „Auch in der Humanmedizin ist bei Opiaten das Problem, dass es zu einer Atemdepression kommt, d.h., dass sich Atemvolumen und Atemfrequenz verringern.“

Doch bei Meeressäugern und Flusspferden passiert dann Folgendes: In der Narkose beginnen die Tiere – obwohl an Land im Trockenen –, die Luft anzuhalten wie beim Tauchen. Dadurch kommt es zu einem Abfall des Sauerstoffgehalts im Blutes. Dauert der „Tauchzustand“ aber zu lange, kann dies im Körper nicht mehr kompensiert werden, der Sauerstoff geht aus, und die Tiere wachen nicht mehr auf. „Bei den meisten Wildtieren über 450 Kilogramm ist das ein Problem, da man ja sehr potente Narkosemittel geben muss: Ein Nashorn bekommt drei Milliliter von einem Opiat, welches tausendmal so stark ist wie Morphium“, so Walzer. Gemeinsam mit Forschern aus Frankreich, Ungarn, Deutschland und Israel wurde nun an Flusspferden eine Narkose getestet, die nicht auf Opiaten, sondern auf Medetomidin und Ketamin basiert, Substanzen, die in ähnlicher Form (weniger konzentriert) auch in der Humanmedizin eingesetzt werden.


Zehn Minuten ohne Atmen. „Wir kontrollieren die Narkose genau und erforschen dabei gleich den körperlichen Zustand während des Tauchens.“ Auf dem Monitor bei der OP kann man ablesen, dass während des „Tauchens“ (die Flusspferde atmen für zehn Minuten nicht) die Sauerstoffsättigung des Blutes stark abfällt. Im Gegensatz zu tauchenden Robben verringert sich bei Flusspferden aber weder Herzfrequenz noch pH-Wert des Blutes. „Robben schalten beim Tauchgang die Durchblutung der Zehen und Ohren ab. Auch das tun Flusspferde nicht.“

Nun wird erforscht, welche Mechanismen es Flusspferden ermöglichen, zehn Minuten ohne Atmen zu schaffen. „Ihre nächsten Verwandten sind Wale, daher nehmen wir an, dass sie es ähnlich machen: Wale haben viel Sauerstoff in den Muskeln gespeichert. Ob Flusspferde einen eigenen Muskelfarbstoff (Myoglobin) und eigenes Hämoglobin haben, wissen wir noch nicht.“

Was die Forscher aber schnell wussten: Eine neue Narkose zu entwickeln ist heimtückisch. Denn im Gegensatz zu Opiaten, bei denen die Tiere langsam aus der Narkose erwachen, waren die Flusspferde nach der neuen Narkose von einer Sekunde zu anderen wach. Kein Blinzeln, kein Zucken: Plötzlich stand das Tier. „Flusspferde sind sehr kräftig und schnell: Sie greifen alles an, was in der Box ist. Da überlebt nichts“, warnt Walzer. Ein Zwischenfall in Frankreich in der Anfangszeit ging gerade noch glimpflich aus. Seither wird die Narkose noch genauer überwacht und die Dosis per Infusion während der OP angepasst: Die Tiere wachen erst auf, wenn alles zugenäht und fertig ist. Die Operation dauert etwa 45 Minuten, in der aktuellen Studie handelte es sich um Kastrationen. Da Flusspferde äußerst territoriale Tiere sind, kann nur durch Kastration mehr als ein Männchen in der Gruppe im Tiergarten gehalten werden.

Interessant ist auch, dass die Tiere gleich nach dem Aufwachen ins Wasser gehen: „Das ist ganz anders als bei Menschen, die bei frischen Nähten Wasser vermeiden müssen. Noch dazu sind Flusspferdbecken eher Drecklacken. Doch ihre Wundheilung ist evolutionär auf das Wasser abgestimmt: Wie bei Walen gibt das Tier ein bakteriozides Sekret zur Hautheilung.“

Apropos Haut: Sie ist bei Flusspferden bekanntlich sehr dick. Die Nadel des Narkosepfeils ist zehn Zentimeter lang und wird in die weiche Muskulatur hinter dem Ohr geschossen. „Die Tiere haben außerdem kaum Gefäße an der Oberfläche. So, wie Flusspferde kämpfen, ist klar, warum: Sie schlitzen sich mit sehr langen Zähnen gegenseitig auf. Hätten sie oberflächennahe Gefäße, würden sie verbluten“, sagt Walzer. Das macht die Tiere nicht sehr „tierarztfreundlich“: Bisher ist es noch nicht gelungen, einen Katheter während der Narkose einzuführen, um das Herz genauer zu studieren: „Wir würden einen 1,4 Meter langen Herzkatheter brauchen. Die gibt es nicht zu kaufen. Walzer hofft jedenfalls, dass seine Arbeit an Flusspferden einen ähnlichen Umbruch herbeiführt, wie es bei Nashörnern in den letzten zehn Jahren gelungen ist: Auch bei ihnen hatten Tierärzte, Pfleger und Forscher Angst vor Narkosen und medizinischen Eingriffen. „Ich habe inzwischen über 300 Nashörner in Narkose gesetzt, zuletzt waren wir viel auf Borneo bei den Sumatra-Nashörnern. Das ist eine Standardprozedur. Im Wiener Tiergarten war bei den Nashörnern bisher keine Narkose notwendig. Die Tiere wurden von Eveline Dungl und ihrem Team so gut trainiert, dass die Tierärzte gut arbeiten können“, sagt Walzer.

Dungl ist Zoologische Abteilungsleiterin des Tiergartens Schönbrunn und der Öffentlichkeit noch als eine der „Babysitterinnen“ des Pandas Fu Long in Erinnerung. Sie hat sich nun auf das Training spezialisiert, damit Tiere beim Tierarztbesuch keinen Stress empfinden, sondern im besten Fall sogar Spaß daran haben. „Wir arbeiten mit positiver Verstärkung: Wenn das Tier die erwünschten Verhaltensweisen zeigt, wird es belohnt. Meistens mit einem Leckerbissen, aber auch bürsten, duschen oder verbale Belohnungen sind möglich.“ Wenn das Tier keine Lust auf das Training hat, wird es nicht bestraft, sondern einfach ignoriert, und die Trainingseinheit wird verschoben.“


Bananen als Belohnung. Bei Nashörnern weiß man, dass sie zu Fußproblemen und ausgewachsenen Nägeln neigen, daher werden sie darauf trainiert, dem Tierarzt ihre Sohlen zu zeigen. „Witzig ist, dass sie die kleinen Bananenstücke, die sie als Belohnung bekommen, so richtig genießen und lange daran lutschen. In der täglichen Futterration sind auch Bananen drinnen, die verschlingen sie ungeachtet. Wir haben den Eindruck, dass die Tiere wissen, dass sie sich die Belohnung verdient haben. Überhaupt ist das Training eine Bereicherung für den Alltag der Tiere, weil sie geistig gefordert werden“, sagt Dungl.

Ihre Hauptarbeit ist das Koordinieren der Trainingsprogramme im Tiergarten: welche Personen führen bei welchem Tier das Training durch, welche Kommandos werden eingesetzt, welche Belohnung, welcher Stelle in der Anlage eignet sich fürs Training etc. „Bei manchen Tieren kann man in das Gehege, bei anderen gibt es ein Kontaktgitter, sodass Trainer und Tierarzt geschützt sind.“ Die Tiere werden darauf trainiert, einem meist bunten Objekt, z.B. einem Ball auf einem Holzstab, zu folgen. So kann man sogar Nashörner oder Krokodile von A nach B lotsen. „Den Krokodilen wurde früher das Futter einfach zu geworfen. Nun kann man einzelne Tiere heranholen und individuell Vitamine oder gegebenenfalls Medikamente verabreichen“, erklärt Dungl.

Während der Trainingseinheiten sind zum Teil auch Tierärzte dabei, die Hauptarbeit erledigen aber die Pfleger, die ihre Schützlinge am besten kennen: „Die Vertrauensbasis ist wichtig. Vor allem, wenn schmerzhafte Eingriffe notwendig sind.“ Wie etwa Blutabnehmen. Manche Tiere werden regelmäßig auf Krankheitserreger untersucht und ihre Blutwerte kontrolliert: Gesundenuntersuchung im Zoo, quasi.

„Wir sind besonders stolz auf die Erfolge bei den Giraffen. Das sind sehr schreckhafte Fluchttiere, mit denen man behutsam umgehen muss, da sie auch tödliche Schläge und Stöße austeilen können“, sagt Dungl. Nach langem Training ist es heute möglich, z.B. Ultraschalluntersuchungen am Kontaktgitter zu machen. Zur Blutabnahme setzen die Tierärzte tierische Helfer ein: Südamerikanische Raubwanzen ernähren sich von Säugerblut. „Wir setzen die steril gezüchteten Wanzen an der Giraffe an, dann saugen sie sich voll.“ Etwa zwei Zentimeter lang ist eine vollgesogene Wanze, diese wird dann „gepflückt“.

Das Giraffenblut in ihrem Körper füllt ein ganzes Laborröhrchen. Der Biologe André Stadler aus dem Zoo Wuppertal arbeitet an seiner Dissertation zu diesem Thema, in der er analysiert, welche Werte des Bluts im Magen der Wanze noch medizinisch aussagekräftig sind: „Hormonanalysen scheinen nicht aussagekräftig zu sein, aber das normale Blutbild der Giraffe klappt sehr gut“, sagt Dungl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.