Schauspieler André Bauer verkörpert im Gustav-Klimt-Musical den berühmten Maler und wurde durch die Rolle zum Klimt-Experten.
André Bauer darf das. Immerhin muss er sich aus rein beruflichen Gründen mit einem der berühmtesten heimischen Maler auseinandersetzen. Nicht nur das. Er muss sich seinen ganz persönlichen Gustav Klimt zurechtlegen, muss er ihn doch auch verkörpern – und zwar ab September im Wiener Künstlerhaus im Gustav-Klimt-Musical. „Man muss sich in die Figur emotional reinfühlen. Da ist es egal, ob die einem sympathisch ist. Klimt war nicht sympathisch, der war privat sogar ein ziemliches Arschloch“, sagt Bauer, während er im Café Sperl eine Melange trinkt. Ein Ort, an dem sich nicht nur der Schauspieler gern mit Kollegen trifft, auch Klimt nutzte das Kaffeehaus zum Austausch mit anderen Künstlern.
Bauer ist mit seiner Abrechnung noch nicht fertig: „Der würde heute wahrscheinlich ins Gefängnis kommen, was der alles gemacht hat. Der hat alles gevögelt, was bei drei nicht auf dem Baum war und hat blutjunge Mädchen geschwängert.“ Bauer hat trotzdem viel Respekt für den Maler über. „Er hatte andere Prioritäten, er wollte die Kunst revolutionieren, was er auch gemacht hat.“
Secession verschandelt Stadtbild. Bauer kennt sich aus mit Klimt. Für ihn gehört das zum Job. Als Musical-Darsteller ist Klimt, den er auch schon in Gutenstein spielte, nicht die erste historische Person. Sobald er von einer neuen Rolle weiß, beginnt er sich einzulesen und zu recherchieren. Wer war der Mensch? Was hat er gemacht und wie hat er gelebt? „Dann suche ich die Orte auf, wo er war. Auch wenn das komisch klingt, aber dort kann man die Energie einfangen, die Atmosphäre spüren.“
Für die Klimt-Rolle hat er sich in erster Linie mit den klassischen Stationen befasst. Das Burgtheater etwa, wo Klimt mit seinem Bruder Ernst und Franz Matsch die Deckengemälde auf der Feststiege gestaltet hat. Oder eben das Künstlerhaus, in dem nicht nur das Klimt-Musical gespielt wird, sondern auch der Meister selbst gearbeitet hat. „Dort oben ist der Raum, in dem sein Austritt unterschrieben wurde“, sagt Bauer. Natürlich die Secession, mit der etwas Neues eingeleitet wurde – auch architektonisch. „Die hätte ja zuerst in der Wollzeile entstehen sollen. Aber das wollte die Stadt dann doch nicht, weil es hieß, die moderne Architektur würde das Stadtbild verschandeln.“
Und das Theater an der Wien. Denn: „Klimt ging gern ins Theater und in die Oper.“ Das tut auch Bauer selbst, wenn er nicht auf der Bühne steht. Auf die Frage, ob es irgendwann einen Punkt gibt, an dem man aufhört, sich mit der Figur zu beschäftigen, meint der 44-Jährige nur: „Dann, wenn die nächste dran ist.“ Die passt bei ihm diesmal ganz gut zu Klimt – zumindest zeitlich. „Als nächstes bin ich der Kaiser in Japan“, meint er und muss selbst darüber lachen. Ab Oktober spielt Bauer nämlich in Osaka Kaiser Franz Joseph im Musical „Elisabeth“.
Postkarten im SMS-Stil. Aber zurück zu Klimt, der war nämlich auch in Sachen Kommunikation seiner Zeit recht weit voraus. „Der hat seiner Emilie täglich bis zu vier Postkarten mit der Rohrpost geschickt, mit kurzem Infos, fast im SMS-Stil, wie: ,Treffen um 18 Uhr im Raimund‘ oder ,Das Wetter geht mir heute auf den Sack‘“. Was Bauer an Klimt schätzt, ist der Wille zum Neuen, das Aufbrechen der festgefahrenen, etablierten Strukturen. Das würde er sich auch für Wien wünschen – speziell im Spielplan mancher Häuser. Denn, auch wenn er gern hier lebt und arbeitet: „Manchmal fehlt der Mut. Es werden oft alte Sachen ausgegraben, nochmal die Elisabeth gespielt, anstatt etwas Neues auszuprobieren.“
Ansonsten hat er sich hier ganz gut eingelebt. Vor etwa zwölf Jahren ist der Deutsche nach Wien gezogen. Weg möchte er nicht mehr so schnell, obwohl er immer noch hin und wieder schief angeschaut oder „Piefke“ geschimpft wird. „Aber man hat hier auch Respekt vor Künstlern. Bei der Polizei etwa kann es sich schon mal positiv auswirken, wenn man sagt, man ist Schauspieler.“ Das hat ihm schon den ein oder anderen Strafzettel erspart. Immerhin geht auch die Polizei gern ins Musical.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)