Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Nicht mein Ziel, Islam zu predigen"

Nicht mein Ziel Islam
(c) Eva Rauer
  • Drucken

100 Jahre Islamgesetz: Drei jugendliche Muslime sprechen über Weinfeste mit Kopftuch und Dirndl, den Zwang, sich ständig rechtfertigen zu müssen, und das Meiden von Diskotheken.

Die Presse: Gerade werden 100 Jahre Islam in Österreich gefeiert. Wenn Sie an Ihre Alltagserfahrungen denken: Wie sehr ist die Religion in Österreich integriert – wird man anders behandelt als Menschen, die einer anderen Religion angehören?

Marawan Mansour: Also ich habe keine großartigen Diskriminierungserfahrungen gemacht. Insofern fühle ich mich ganz wohl hier, und auch als Österreicher.

Tuba Namaldi: Wohlfühlen – das tue ich mich in meinem eigenen Land natürlich auch. Aber ich habe schon negative Erfahrungen gemacht, als Schülerin und auch als Studentin. Es ist ein Aha-Erlebnis für manche, wenn sie eine Frau mit Kopftuch auf der Uni sehen. Ich mache auch ein Praktikum in einer Schule und unterrichte. Dort sind die Reaktionen der Eltern ganz unterschiedlich.

 

Was sagen die Eltern dann?

Namaldi: Sie hören, dass es eine Deutschlehrerin mit Kopftuch gibt, und denken sich: Ich möchte sie kennenlernen – und kommen in die Schule. Ich sage ihnen dann, dass ich als Deutschlehrerin hier bin. Es ist nicht mein Ziel, den Kindern den Islam zu predigen. Wenn die Eltern dann merken, dass ich der Sprache mächtig bin, sind die meisten zufrieden.

 

Wie ist es bei Vorstellungsgesprächen für Jobs oder Praktika? Gab es da schon einmal Reaktionen auf die Religionszugehörigkeit?

Nermina Mumic: Reaktionen gab es dann, wenn ich bei einem Abteilungsleiter gesessen bin und er in seinen Unterlagen gesehen hat, dass ich keine Österreicherin bin. Da wurde schon einmal gesagt: Sie können aber schon sehr gut Deutsch. Da ist man teilweise sehr vorurteilsbehaftet.

Mansour: Ich habe auch hier noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Aber man weiß auch nicht, ob man bereits von vornherein nicht abgelehnt wird.

 

Thema Fortgehen: Hatten Sie das Gefühl, dass Ihre Eltern strenger waren als bei Nichtmuslimen?

Namaldi: Es ist wichtig, dass man Fortgehen definiert. Ist es das, was man im Fernsehen sieht und mit Alkohol verbunden ist? Dann ist es so, dass ich persönlich nicht daran teilnehmen will. Aber wenn Fortgehen bedeutet, dass man mit Freunden am Abend einen Film anschaut oder sich in ein Café setzt – da hab ich bei meinen Eltern noch nie Probleme erlebt.

Mumic: Ja, jeder setzt sich den Rahmen selbst, in dem er sich wohlfühlt. Und für mich ist eine Diskothek kein solcher Ort. Stattdessen verbringe ich lieber einen gemütlichen Abend mit Freunden.

Mansour: Also ich gehe meistens ins Kino oder ins Theater. Meine Eltern wissen auch, dass ich ein entspannterer Typ bin. Ich gehe auch nicht tanzen oder ziehe von einem Lokal ins nächste.

 

Und da fragt auch niemand, warum Sie keinen Alkohol trinken?

Mansour: Das kommt schon gelegentlich vor, was für mich sehr unangenehm ist. Die Leute sagen dann „Trink doch was!“, und das ist nicht okay. Ich sehe nicht ein, warum ich mich für etwas rechtfertigen muss, wofür ich stehe. Früher war ich auch öfter mit Leuten unterwegs, die auch etwas getrunken haben. Heute wäre das aber nicht mehr meins.

Namaldi: Ich war einmal in Traiskirchen bei einem Weinfest. Auch da hat mich keiner der Besucher darauf angesprochen, dass ich keinen Alkohol trinke. Weil es war klar, sie haben das akzeptiert und gesehen, dass es das ist, woran ich glaube.

 

Und bei so einem Fest wird man gar nicht angesprochen – auch nicht auf das Kopftuch?

Namaldi: Sicher, die Leute schauen dann verwundert. Ich habe auch schon ein Dirndl angezogen, das ich mir extra nähen habe lassen. Wenn mich jemand darauf anspricht, gehe ich offen auf die Fragen ein. Und wenn mich jemand fragt: „Ach, Sie sind auch hier?“, antworte ich: „Ja, ich würde das auch gern miterleben.“ Genauso würde ich es wichtig finden, dass diese Menschen auch an muslimischen Festen teilnehmen.

 

Ist man da eher in homogenen Gruppen unterwegs? Das ist ja auch ein typisches Vorurteil.

Mumic: Nein, ich habe einen sehr gemischten Freundeskreis. Wenn mich jemand neu kennenlernt, gibt es schon manche Fragen – das ist aber auch die Möglichkeit, mich zu erklären. Aber ich mag mich auch nicht ständig wiederholen.

 

Trotz allem ist der Islam eine Religion, die mit konservativen Wertvorstellungen verbunden ist, etwa bei der Stellung der Frau. Stichwort Zwangsheirat.

Mumic: Zwangsheirat ist kein islamisches Problem, sondern ein kulturelles. Da ist ein Missverständnis in der Gesellschaft. Der Islam hat den Frauen ihre Rechte gegeben, und jemand nimmt der Frau kulturell bedingt diese Rechte.

 

Sie glauben also nicht, dass Frauen im Islam weniger Rechte haben?

Namaldi: Genau. Ich würde nicht sagen, dass sie schlechter gestellt sind, mit Blick auf den Koran, und auch im Alltag: Es gibt muslimische Frauen, die arbeiten, studieren. Ich muss immer wieder lachen, wenn ich in Vorlesungen auf Frauenrechte angesprochen werde. Da denke ich: Ich sitze in der Uni, ich studiere. Wie offensichtlich muss es noch sein, dass man als muslimische Frau genauso mitdenken kann und muss?

Wird man als Mann genauso häufig darauf angesprochen?

Mansour: Du hast quasi einen Zwang, dich ständig zu rechtfertigen. Das Bild in den Köpfen der Menschen, dass der Islam eine konservative Religion ist und Frauen weniger Rechte haben, ist ein verkürztes.

Nervt es, dass man sich dauernd rechtfertigen muss?

Namaldi: Vor ein paar Jahren schon noch. Mittlerweile denke ich aber, dass es wichtig ist, auf Fragen, die respektvoll gestellt werden, zu antworten. Es gibt aber auch Personen, die fragen: Was, du fastest? Kriegst du keinen Hunger und stirbst dann? Auf solche Fragen reagiere ich nicht.

 

Kann man allgemein sagen, dass sich beide Seiten langsam öffnen?

Mansour: Teilweise gehen die Leute tatsächlich offener aufeinander zu. Ich glaube aber schon, dass noch viele Spannungen da sind. Dennoch leben die Leute viel stärker zusammen. Die jungen Leute mit Migrationshintergrund, die hier aufgewachsen sind, sind auch Teil der Gesellschaft. Man sollte sich nicht für eine Kultur entscheiden müssen.

 

Wenn Sie an Ihre Eltern denken, können Sie Unterschiede zwischen den Weltansichten beobachten?

Mansour: Bei meinem Vater merke ich schon, dass es immer wieder zu Reibungen kommt, weil wir unterschiedliche kulturelle Ansichten haben. Aber das ist schon okay. Denn wenn du 23 Jahre in Ägypten verbringst und dann plötzlich in einer komplett anderen Welt bist, musst du dich selbst erstmal finden. Und wenn man zwischen zwei Kulturen aufwächst, hat man ein ganz anderes Gespür dafür, dass es nicht nur eine Leitkultur gibt.

 

Nermina Mumic: Die 20-Jährige lebt in St. Pölten und ist in jungen Jahren zusammen mit ihren Eltern von Bosnien nach Österreich gezogen. Nun studiert sie technische Mathematik in Wien. Kulturelle Probleme sollten nicht mit religiösen Werten vermischt werden, findet sie.

Marawan Mansour: Die Mutter des 23-jährigen Jusstudenten ist Österreicherin, sein Vater kommt aus Ägypten. Dass er zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, ist für ihn mit Vorteilen verbunden: Er hat so ein Gespür dafür entwickelt, dass es nicht nur eine Leitkultur gibt.

Tuba Namaldi: Die Niederösterreicherin mit türkischen Wurzeln ist 21Jahre alt und studiert an der Pädagogischen Hochschule Deutsch und Biologie. Später will sie unterrichten, bei ihrem Praktikum fällt sie schon einmal als Deutschlehrerin mit Kopftuch auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)