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"Pussy Riot" wird zum Testfall für Putin

(c) AP (Mikhail Metzel)
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In Moskau hat der Prozess gegen die Punkband "Pussy Riot" begonnen. Die drei Künstlerinnen haben es gewagt, in einer Kirche für den Rücktritt Putins zu "beten". Der Fall ist brisant und pikant zugleich.

Moskau. Nur wenige Meter vom Moskauer Chamowniki-Gericht erstreckt sich das wohl berühmteste Kloster der Stadt. Der Gottesmutter Maria haben es die Gründer im 16.Jahrhundert geweiht. Im Chamowniki-Gericht ging es am Montag deutlich irdischer zu. Eine Richterin begann dort, den spektakulärsten Prozess des Jahres zu verhandeln – ausgerechnet wegen eines von „Pussy Riot“ an die Gottesmutter gerichteten Punkgebets.

„Pussy Riot“ ist eine Mädchenpunkband, die gar nicht so sehr eine religiöse Konfrontation als vielmehr einen politischen Zusammenprall der Generationen verkörpert. „Heilige Mutter, vertreibe uns den Putin“, haben die jungen Frauen im Februar vom Ambo der Christus-Erlöser-Kathedrale aus in ihrem Auftritt gefleht. Seither sitzen drei von ihnen in Untersuchungshaft. Schlimmstenfalls drohen sieben Jahre Straflager.

Der Fall ist brisant und pikant zugleich. Schon in ihren ersten Statements haben die drei Frauen, Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Maria Aljochina (24) – beide Mütter – sowie Jekaterina Samuzewitsch (29), den Schwerpunkt auf das politische Motiv ihrer Aktion gelegt. Der Auftritt sei „ein verzweifelter Versuch“ gewesen, „um das politische System zu ändern“, hieß es in der Erklärung Tolokonnikowas. „Wir hatten nicht die Absicht, Menschen zu beleidigen.“ Dass man als Ort des Auftritts die Kathedrale gewählt habe, sei keine strafrechtliche Schuld, sondern eine ethische, für die man sich bei denen entschuldige, deren religiöse Gefühle verletzt worden seien.

 

„Schwere seelische Folgen“

Die Anklage freilich beschränkt sich nicht auf die Ahndung einer Ordnungswidrigkeit, sondern dreht die Causa juristisch zum „Rowdytum“. Dies auch deshalb, weil es kein Gesetz über Blasphemie gibt. Die Argumentation in der Anklageschrift geht dennoch in diese Richtung. Gläubige, die als Zeugen auftreten, hätten „schwere seelische Folgen“ davongetragen, heißt es: „Pussy Riot“ habe an den jahrhundertealten Grundfesten der russisch-orthodoxen Kirche gerüttelt. Die Kirche selbst sieht den „Teufel am Werk“.

Seit der Verhaftung (und späteren Verurteilung zu 14 Jahren Gefängnis) des Ex-Oligarchen und Putin-Rivalen Michail Chodorkowskij im Jahr 2003 hat kein russischer Prozess im In- und Ausland größere Reaktionen hervorgerufen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die Musikerinnen als politische Gefangene anerkannt. Internationale Musiker wie Sting, der gerade auf Russland-Tournee ist, baten Kirche und Staat um ein Einlenken. Bezeichnend auch, dass die russischen Intellektuellen nun gemeinsam an den Staat appellieren.

Gradmesser für Polit-Temperatur

Angesichts der derzeitigen Fülle an neuen repressiven Gesetzen, die sich als Reaktion auf die politischen Proteste verstehen, gilt gerade der Prozess gegen „Pussy Riot“ als Gradmesser für die politische Temperatur, die Präsident Wladimir Putin für seine dritte Amtszeit einstellt. Premier Dmitrij Medwedjew legte gestern mit der Bemerkung nach, dass ähnliche Auftritte in einigen Ländern härtere Bestrafungen zur Folge haben würden.

Aber der Grat, auf dem die russische Justiz wandelt, ist schmal. Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich nämlich zuletzt zugunsten der Band gedreht. Und, so der Moskauer Politologe Igor Bunin, angesichts der angespannten politischen Situation könnte die Causa „Pussy Riot“ für Attacken gegen die mittlerweile geschwächten Machthaber benutzt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2012)