Haben die schnellsten Schwimmer alle einen Knall?

Markus Rogan hat über begnadete Körper und die Ablenkung durch den Geist nachgedacht. Sein Urteil scheint etwas überhastet formuliert.

Ist der Schwimmer Markus Rogan, der ab heute in London um olympische Medaillen kämpft, ein gescheiter Mensch? Er selbst scheint davon überzeugt zu sein. In der „Presse am Sonntag“ war in einem Interview von ihm zu lesen, dass er sich Sorgen um seinen stets aktiven Kopf macht. Der ist ihm offenbar durch das viele Denken manchmal beim Siegen im Wege: „Während des Wettkampfs bin ich nicht dumm genug, um meinen Körper einfach die Arbeit verrichten zu lassen. Ich würde gern mit dieser Hirnwichserei aufhören. Aber mehr als ein paar Sekunden Ablenkung sind unmöglich.“ Die aber, die zu viel denken, seien meistens langsamer.

Muss man also dumm sein, um mit Muskelkraft zu gewinnen? Im sportlichen Sender Ö3 hat Rogan dieses Vorurteil bei Claudia Stöckls philosophischer Seminarsendung „Frühstück bei mir“ noch viel direkter ausgedrückt: „Ich glaube, es ist ein Riesenvorteil, wenn du weniger denkfähig bist. Es gibt einen guten Grund, warum die richtig guten Sportler nicht viel im Kopf haben, weil da ist der Kopf nicht im Weg.“ Und dann wurde der Athlet, der bis heute leider noch kein Olympia-Gold geholt hat, konkret und machte eine suboptimale Bemerkung über den großen und souveränen Helden Hermann Maier. Der habe „genau das richtige Gehirnschmalz, um sportlich erfolgreich zu sein. Ich glaube, wenn man zu viel hat, dann steht man sich sehr, sehr im Weg.“

Raffiniert, könnte man meinen. Falls Rogan nun unter seinen Erwartungen bleibt, kann er wenigstens sagen: „Aber in der zerebralen Onanie und in der Demut bin ich der Größte.“ Und wenn er gewinnt? Dann ist er nicht nur das Groschenroman-Paradox des Gescheitesten und Schnellsten, sondern auch der König der Herzen – ein klassischer Held wie Odysseus, den alle Nymphen und Prinzessinnen in allen Betten reich belohnen.

Freilich hat die Rogan-Logik auch ihre Schattenseite. Sein Argument gleicht dem jener Buben, die behaupten, alle Blondinen könnten nicht einparken. Meist sagen das jene rasenden Männchen, die selbst die schwersten Unfälle bauen. Mit gleichem Recht könnte man sagen, jeder Athlet, der tausende Arbeitstage in einem chlorierten Becken verbringt und sich mit Anabolika vollpumpt, hat einen Knall.

In einem Punkt aber streift Rogan eine Wahrheit, die jüngst der blitzgescheite US-Psychologe Daniel Kahneman ausführlich in seiner Studie „Thinking, fast and slow“ erläutert hat. Das menschliche Gehirn ist nach seinem Modell so gebaut, dass es zwei Systeme des Denkens hat. Das eine ist schnell und intuitiv. Damit rettet sich der nackte Affe vor dem Raubtier auf den Baum oder rechnet zwei mal zwei oder hat einen Geistesblitz. Das andere ist methodisch, vergleichsweise lahm, ja sogar faul. Es kostet Kraft zu denken. Mit System zwei bastelt man zum Beispiel Quantentheorien. Sein Gebrauch ist auch anzuraten, wenn man in Interviews den Fieberkopf spielt.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.