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Zur Kulturpolitik: Doch, hier ist tatsächlich jemand!

Replik. Lokale Festspiele sind viel mehr als die „Verjodelung“, als die sie Anneliese Rohrer in ihrem „Quergeschrieben“ abqualifiziert hat.

Anneliese Rohrer ist in ihrer Konsequenz und Haltung eine unserer wenigen interessanten konservativen journalistischen Stimmen, auch wenn ich nicht immer ihre Meinung teile. Bei aller Treffgenauigkeit ihrer Analysen will ich ihr aber doch in einem Feld widersprechen, auf das sie sich überraschenderweise begeben hat – in der Kulturpolitik.

Kultur ist wesentlich Differenzierung, und auch wenn sie Identität bildet, tut sie das sehr komplex – sie gibt nicht nur an, „worauf wir stolz sein können“. Künstlerinnen und Künstler legen ihre Finger auch in Wunden. Kultur ist unser wichtigstes Instrument, die dunklen Seiten von Geschichte und Gegenwart zu bearbeiten und uns zukunftsfähig zu machen.

Kulturpolitik muss wie jede andere Politik Interessen ausgleichen. Es ist doch legitim und erfreulich, wenn kleinere Gemeinden darauf bestehen, dass die kulturellen Bedürfnisse ihrer Bürger ebenso gefördert werden wie jene der Metropolen! Und dass die Touristiker erkennen, welches Potential in diesen vielen Kulturinitiativen steckt, wollen wir ihnen ja wohl nicht verübeln – vielleicht schlägt sich das dort und da auch in einer Förderung aus den gut dotierten Tourismusbudgets nieder.

Was ist denn einzuwenden, wenn sich kleinere Orte stark über Kultur definieren? Soll Reichenau pleitegehen, weil Sommerfrischler heute auf die Malediven fliegen? Da sind Festspiele doch eine bessere Antwort! Soll Schwaz wegen Arbeitslosigkeit nach Schließung der Tabakfabrik Schlagzeilen machen? Nein – doch besser als klingender Name eines Festivals neuer Musik! Soll die Landflucht das Salzkammergut treffen, weil es in Kroatien nicht regnet und das Meer zehn Grad wärmer ist als die Seen? Da ist doch das Engagement zu begrüßen, mit dem der Attergauer Kultursommer oder die Mondseer Musiktage veranstaltet werden – nebenbei: mit unglaublich viel ehrenamtlicher Arbeit.

Warum Anneliese Rohrer das pauschal als „Verjodelung“ abqualifiziert, verstehe ich nicht: Hier wird Identität gebildet! Und nicht nur das: Österreich ist auch gut durch die Krisen gekommen, weil es gelungen ist, nicht nur Industrieproduktion zu halten und Gewerbe zu stärken, sondern den Dienstleistungssektor auszubauen. Da spielt die Kultur eine wichtige Rolle.

 

Geld macht keine Kunst

Kulturpolitik muss diese Interessen abwägen gegen die ebenso berechtigte Forderung nach Rahmenbedingungen für das Schöpferische, Unerwartete, Überraschende, Kreative – was sich nicht ausschließen muss. In Wien steht ein signifikanter Teil des Kulturbudgets genau dafür zu Verfügung. Aber genauso wenig wie Geld Fußball spielt, macht Geld Kunst, weder öffentliches, noch privates. Da hat Frau Rohrer recht – das Außergewöhnliche entsteht nicht wegen der Kulturpolitik, sondern aus mit außergewöhnlicher Energie verfolgten außergewöhnlichen Ideen außergewöhnlicher Menschen.

Wir sind kein „Klub der Feinsinnigen“, nein: Politiker müssen auch härtere Bandagen aushalten, wenn es gilt, Neues durchzusetzen, dafür um Geld zu kämpfen, in schwierigen Fragen Haltung zu beziehen. Wir stellen uns, wenn ich von Wien sprechen darf, den Debatten um den „Kulturinfarkt“, Restitutionsfragen, der Denkmalkultur, um Migration als gesellschaftliche Realität. Wir fechten weit über den Erhalt der traditionellen Einrichtungen hinaus für das Experiment, für neue Orte und Initiativen.

Nichts davon fällt vom Himmel. Wir machen uns Gedanken über Inhalte, Strukturen, Budgets, Besetzungen. Warum? Weil wir Bürgerinnen und Bürgern mehr denn je für den Einsatz öffentlicher Mittel verantwortlich sind. Und aus Gründen der Selbstachtung.


Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) ist Stadtrat für Kultur und Wissenschaft in Wien.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2012)