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Befremdlich, aufschlussreich, korrigierbar: Von Fehlern, fünfter Teil

Wir wollen Größe. Doch es wäre ein Fehler, suchten wir sie nach Maßstäben einer Großmachtpolitik, die gottlob ihre beste Zeit hinter sich hat.

 

Es war einmal ein kleiner Bub. Dieser Bub kannte einen Schokoladeautomaten. Wenn er einige Groschen bekommen hatte, stellte er sich auf die Zehenspitzen, streckte sich und warf die Münzen in den Schlitz. Der Automat rührte sich nicht. Aber der Bub hatte von Sparkassen gehört. Einmal musste er ja genug hineingeworfen, genügend erspart haben. Dann würde der Automat schon losgehen. Da versuchte der gute Rübezahl dem Buben klarzumachen: Ein Automat ist keine Sparkasse! Bei Sparkassen zählt man alle Einlagen zusammen. Beim Schokoladeautomaten nicht. Also legte er dem Buben nahe, zuerst zu sparen und dann die Summe der Ersparnisse in den Automaten zu werfen. So geschah es auch. Der Bub sparte Groschen um Groschen. Er erreichte die Summe eines Schillings. Dann warf er die Münzen in den Automaten, der bei einem Schilling die Schokolade hergeben sollte. Aber der blieb ungerührt. Der Bub weinte. Er zweifelte daran, dass die Apparate der Erwachsenen gerecht gebaut waren.“

Mit dieser kleinen Geschichte erklärte Franz Richter in seinem schönen Buch „Wir leben chemisch“ die Anfangsgründe der Quantentheorie. Bestrahlt man Metalloberflächen mit Licht, werden Elektronen herausgeschleudert. Dafür braucht man Energie – den Schilling in Richters Geschichte. Aber auch wenn man noch so viel rotes Licht – die Photonen des roten Lichts sind die Groschen in Richters Geschichte – auf das Metall strahlt, kein einziges Elektron rührt sich. Aber ein einziges Photon energiereichen blauen Lichts – ihm entspricht die Schillingmünze – kann schon ein Elektron heraustreiben.

Wenn Politiker fälschlich von einem „Quantensprung“ sprechen, haben sie meist dieses Bild vor Augen: Vorher hatten wir nur mit einzelnen Groschen gehandelt, jetzt aber nehmen wir einen Schilling in die Hand. Wenn sich viele Einzelne zu einer Gesamtheit einer respektablen Größe mausern, erreichen sie einen völlig neuen Status ihrer Existenz.

Dieses Bild wird von den Herolden eines vereinten Europas beschworen: Nur dieses könne als „Global Player“ ernst genommen werden. Im Lichte einer Großmachtpolitik, wie sie im 19.Jahrhundert gang und gäbe war, ist das korrekt: Fünf große Mächte, Großbritannien, Frankreich, Preußen, Russland und die Donaumonarchie, bestimmten das Weltgeschehen. Und im Lichte der Großmachtpolitik der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts stimmt es auch: Die zwei Großmächte USA und UdSSR regierten die Welt, ein in viele Staaten zersplittertes und von den beiden Mächten geteiltes Europa hatte politisch wenig zu melden.

Allein, es stellt sich die Frage, ob eine derart anachronistisch gewordene Großmachtpolitik noch attraktiv ist. Ob nicht Größe in ganz anderen Maßstäben als in Einwohnerzahl, Fläche oder Bruttonationalprodukt zu messen wäre. Auch hierfür gibt es Beispiele in der Geschichte: Groß war das in viele Einzelstaaten zersplitterte Griechenland, als es die Perser besiegte und das Modell der Demokratie dem der Despotie entgegensetzte. Groß war das in viele Einzelstaaten zersplitterte Deutschland vor Napoleons Kriegen, als jeder Fürst in seinem kleinen Reich eine Universität gründete und sich hieraus völlig ungeplant ein unerhört reges Geistesleben entwickelte.

Wir wollen Größe. Doch es wäre ein Fehler, suchten wir sie nach Maßstäben einer Großmachtpolitik, die gottlob ihre beste Zeit hinter sich hat.


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Rudolf Taschner lehrt Mathematik an

der Technischen

Universität Wien

und betreibt den

math.space

im quartier 21,

Museumsquartier

Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2012)