Im Land der Full-Size-SUVs hat sich ein Zugereister breitgemacht: Der Mercedes GL führt in den USA den Markt an. Bei uns hat die soeben erneuerte Baureihe Exotenstatus.
Amerika ist das Land, in dem man auch beim Campingurlaub nicht aufs Auto für zwischendurch verzichten will: Der gewaltige Camper, den wir auf dem Highway überholen, hat die Kleinigkeit eines Jeep Laredo im Schlepptau, selbst immerhin gute zwei Tonnen schwer. Hell, why not? Die Straßen sind breit, der Sprit kostet halb so viel wie in Europa, oder eher noch weniger, und auch Neuwagen sind viel billiger. Sogar wenn man lausig wohnt, und das tun nicht wenige im Staate New Mexico, hat man ein Trumm Auto vor der Tür.
SUVs in sogenannter „Full-Size“-Pracht, die bei uns als Übergröße geführt und in den Städten immer weniger willkommen geheißen werden, zählen in den USA unverändert zum Standardformat. Der 5,12 Meter lange und mit 1,85 Metern nicht haus-, aber doch mannshohe Mercedes GL (Leergewicht: 2,5 Tonnen) fällt hier nicht im Geringsten aus dem Rahmen.
Ein deutscher Marktführer
Nicht nur das: Der Dicke ist in den Staaten sogar Marktführer in seinem Segment. Dieses heißt „Luxury SUV“ und sollte eigentlich fest in amerikanischer Hand sein, ebenso wie der Markt der billigen Pick-ups, die als Ford F-150 und Chevy Silverado das halbe Land mobilisieren. Aber Cadillac Escalade, Lincoln Navigator und Ford Explorer bieten zwar noch mehr Masse auf, mit ihren DVD-bespielten, verlässlich klimatisierten, luxuriösen Sitzlandschaften in Leder fahren sie sich aber auch so behäbig wie die Lastwagen, von denen sie abstammen.
Da entwickelt man schnell ein Faible für den ebenfalls nicht gerade zarten Mercedes, der sich aber erstaunlich schlank macht, sobald man sich hinter das Lenkrad gesetzt hat, und den man in Fahrt durchaus agil nennen darf, gemessen an Gewicht und Größe. Die Lenkung sucht in Kurven gar etwas wie Direktheit zu vermitteln, auch wenn sich bequem mit einem Finger auf dem Volant ein- und ausparken lässt, wenn man das nicht gleich an den elektronischen Parkassistenten delegiert. Sicherheitshalber bekommt man bei dieser Gelegenheit ein 360-Grad-Bild von der Umgebung auf den Monitor gespielt, Neuheit bei Mercedes.
Es mag dem patriotisch gesinnten Amerikaner ein Trost sein, dass Mercedes seine großen SUVs vor Ort produziert, im klangvollen Tuscaloosa, Alabama. Es ist nur logisch, dies im wichtigsten Markt zu tun: 27.000 GL wurden im Vorjahr im Land verteilt, der Rest geht zum größten Teil nach China, gefolgt von Deutschland. Vom österreichischen Markt könnte die Baureihe erwartungsgemäß nicht leben: Mit 70 bis 80 Stück, die im Schnitt vom GL pro Jahr verkauft werden, hat das Auto quasi Liebhaberstatus.
Nach sechs Jahren auf dem Markt war es Zeit geworden für Renovierungsarbeiten innen und außen. Während an der Front der Stern noch etwas auftrumpfender den Kühlergrill beherrscht, fällt den bis zu sieben Passagieren noch etwas mehr Platz zu. Der Zugang zur dritten Sitzreihe lässt sich nun elektrisch freiräumen.
Ist dies nun die S-Klasse auf Stelzen? Nicht ganz, denn der Federungskomfort einer Limousine lässt sich in einem Auto, das Federwege auch für Geländeeinsätze hat, nicht gleichwertig herstellen, trotz serienmäßiger Luftfederung. Dafür kann man sich durchaus abseits der Straße wagen mit dem GL. Als wir spontan einen Kletter-Parcours eröffneten, staunten wir über die Beharrlichkeit, mit der sich der Allradler den schwierigen Weg in die Höhe bahnte – außer Gas geben ist nicht viel zu tun, die Elektronik besorgt den Rest.
Andere, nämlich virtuelle Ebenen macht die Aufrüstung im Cockpit zugänglich: Von Facebook bis Twitter kann man sich per Bordsystem in alle Netzwerke einklinken, um dann zu kommunizieren, was zu kommunizieren ist.
Das Angebot unter der Motorhaube ist indes auf drei Varianten reduziert, jedenfalls in Österreich: Erste Wahl ist der 258 PS starke 3,0-Liter-V6-Diesel (ab 83.100 Euro). In Amerika gibt es freilich keinen Grund, den V8-Benziner von sich zu weisen. Wer will, als crazy AMG mit 557 PS, solange der Sprit an der Tankstelle reicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)