Immer mehr Bürger werden mit ihrem Hauptberuf nicht das finanzielle Auslangen finden, meinen Zukunftsforscher.
WIEN. Das Leben eines Menschen wird im Jahr 2020 durchschnittlich 660.000 Stunden dauern. 60.000 Stunden davon wird er arbeiten. Betrachtet man sein Stundenkonto, entfallen also neun Prozent seiner Lebenszeit auf Arbeit, fünf Prozent auf Ausbildung. Zieht man die Schlafenszeit ab, ist mehr als die Hälfte des Lebens Freizeit. Das Mehr an Freizeit (und Freiheit) und weniger an Arbeit wird die Gesellschaft prägen. Wie wird Österreich damit umgehen? Die Zukunftsforscher Peter Zellmann und Horst W. Opaschowski haben "Die Zukunftsgesellschaft" skizziert.
Den beiden Wissenschaftlern zufolge steuert die Gesellschaft einer "neuen Bürgerlichkeit" zu. Die Renaissance der alten Werte sei in Deutschland seit der Wende im Jahr 1989 empirisch nachzuweisen. Seither fördern Befragungen von 14- bis 29-jährigen zu Tage, dass für sie Werte wie Gehorsam, Pflichterfüllung, Höflichkeit oder Fleiß an Bedeutung gewinnen. "Die Selbstentfaltungswerte bleiben wichtig im Leben, verlieren aber ihre Dominanz", heißt es in dem wissenschaftlichen und trotzdem allgemein verständlichen Buch.
Das Credo der Zukunftsgesellschaft werde nicht heißen "mehr Wachstum und mehr Wohlstand", sondern "Wohlstand sichern". Noch 1984 sei in den Erhebungen der beiden Experten dieses Faktum nur für 24 Prozent der Befragten von Bedeutung gewesen. 2002 hielten 46 Prozent die Sicherung des Wohlstands für vorrangig. 2020 werden 60 Prozent der Österreicher die Verteidigung ihres Lebensstandards als sehr wichtig erachten.
"Mit der Zunahme sozialer Probleme werden ökologische Probleme in den Hintergrund gedrängt und verlieren an gesellschaftlicher Problem-Relevanz", schreiben Zellmann und Opaschowski. Was die Berufswelt anbelangt, befinde sich Österreich auf dem Weg in die Nebenberufs-Gesellschaft. Immer mehr Menschen werden mit ihrem Hauptberuf nicht das Auslangen finden.
So waren in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts 90 Prozent der Erwerbstätigen vollbeschäftigt, Ende der 90er Jahre sind es nur noch 75 Prozent gewesen. "Im Jahr 2010 könnte lediglich jeder zweite Berufstätige voll erwerbstätig und sozial abgesichert sein", schreiben die Experten. Dies werde dazu führen, dass sich das Betriebsklima und die Firmenkultur grundlegend ändern werden. "Die Loyalität der Mitarbeiter geht verloren", meinen die Zukunftsforscher.
Die Berufswelt von morgen definieren die beiden Wissenschaftler mit der Formel 0,5 x 2 x 3. Die Arbeitsformel lautet: Die Hälfte der Mitarbeiter wird doppelt so viel verdienen und muss dafür dreimal so viel leisten wie heute. Der steigende Einkommensunterschied werde zu größeren sozialen Problemen führen als derzeit die hohe Arbeitslosigkeit.
Peter Zellmann, Horst W. Opaschowski
Die Zukunftsgesellschaft und wie wir in Österreich mit ihr umgehen müssen. 330 Seiten, geb., 32 Euro (Österreichische Verlagsgesellschaft)