Interview. Franz Leitner, Chef von TUI Austria, setzt trotz des Terrors weiter auf Urlaubsziele im arabischen Raum.
Die Presse: Der hohe Ölpreis fordert seinen Tribut. Wird sich Reisen weiter verteuern?
Franz Leitner: Ja. Wir haben schon heuer höhere Preise. Die Preise werden auch im Sommer 2006 leicht steigen. Allein die Kerosinzuschläge machen heuer auf der Mittelstrecke 26 Â aus.
Was lässt sich der Österreicher im Schnitt eine Flugreise kosten?
Leitner: Wir haben einen durchschnittlichen Verkaufspreis zwischen 750 und 780 Â pro Gast. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt zehn bis elf Tage.
Höhere Preise auf der einen Seite, schlechte Konjunktur auf der anderen. Verlieren sie da nicht Kunden?
Leitner: Nein. Der Kunde ist wieder bereit, zu etwas höherwertigen Reisen zu greifen. Vergleicht man 2005 die Passagier-Entwicklung mit dem Umsatz, kommt man zu einem interessanten Ergebnis. Wir haben bedingt durch die Anschläge in Ägypten und in der Türkei im Juli nach unheimlich guten Frühbuchungen etwas vom Vorsprung gegenüber 2004 eingebüßt. Wir sind sogar leicht ins Minus gerutscht und liegen bei Passagieren bei minus ein Prozent, beim Umsatz aber 1,5 Prozent über 2004.
Das heißt, nicht die höheren Preise, sondern der Terror schreckt die Leute ab?
Leitner: Heuer war es eindeutig so. Ab den Anschlägen in London im Juni, dann Ägypten und Türkei, hat die Zurückhaltung für den Sommer eingesetzt. Die Anschläge waren ja mitten in der Hochsaison. Im August gab es weniger kurzfristige Buchungen.
Gab es auch Stornos?
Leitner: Wenige Stornos, aber kurzfristig weniger Neubuchungen für diese Ziele.
Also von wegen: Der Urlauber ist schon resistent gegen Anschläge . . .
Leitner: Viele haben nach Spanien oder Griechenland umgebucht, aber nicht alle haben in diesen Ländern etwas bekommen.
Sind Reiseziele im arabischen Raum für Reiseveranstalter langsam ein zu hohes Risiko?
Leitner: Es wäre vermessen zu sagen, ich streiche Ägypten, die Türkei, Tunesien von der touristischen Landkarte. Ich glaube, dass der Urlauber genauso wie wir Geschäftsleute gelernt hat, damit zu leben.
Kalkuliert ein Reisekonzern die Terrorgefahr?
Leitner: Wie soll man das kalkulieren? Das geht nicht. Ich glaube, es wäre die falsche Politik, den Tourismus in diesen Regionen nicht weiter zu entwickeln. Die letzten Jahre haben gezeigt: Wo kann Ihnen denn nichts passieren?
Sie sprechen London oder Madrid an. Große Reiseveranstalter wie TUI sind auch große Investoren in Ägypten und der Türkei. Werden diese Investments so fortgeführt?
Leitner: Wir planen Kapazitäten für Ägypten im nächsten Sommer etwas dosierter, nehmen sie teilweise sogar leicht zurück.
Auch Naturkatastrophen hatten heuer Auswirkungen auf den Tourismus. Die Tsunami-Katastrophe in Südostasien jährt sich. Wie schaut es dort heuer mit dem Tourismus aus?
Leitner: Die Malediven sind in diesem Winter bereits besser gebucht als im Vorjahr. Da hat man fast den Eindruck, es sei gar nichts passiert. Thailand ist auf einem guten Weg. Sri Lanka leidet stärker, als ich es zumindest persönlich erwartet habe. Dieses Land hinkt doch noch relativ stark hinterher.
Von Österreich aus bearbeitet TUI auch die Märkte Russland, Polen, Slowakei, Ungarn und Slowenien. Wie entwickelt sich der Flugreise-Markt in diesen Ländern?
Leitner: In Osteuropa gibt es die gleiche Entwicklung wie vor 20, 25 Jahren in Österreich. Weg vom Auto hin zur Flugreise.
Das bedeutet in Zahlen?
Leitner: Wir verkaufen 1,3 Mill. Flugpauschalreisen in Österreich pro Jahr. Unser Markt in Osteuropa ist zehnmal so groß und wir verkaufen dort ebenfalls 1,3 Mill. Flugreisen. Die Wachstumsraten bei Flugpauschalreisen in Österreich werden maximal stagnieren bzw. nur mehr leicht steigen, während es in diesen Ländern ein Wachstum für unsere Gruppe im Durchschnitt von 20-25 % gibt.
Wenn der Markt in Österreich maximal stagniert, sind dann Akquisitionen ein Thema?
Ich hätte schon die Fantasie, aber das hätte natürlich kartellrechtliche Probleme. Wir haben ungefähr 45 Prozent Marktanteil. Da macht es strategisch mehr Sinn, die osteuropäischen Märkte zu entwickeln. Wo man nicht einmal die Hälfte investiert, aber das Doppelte dafür bekommt.
Was bekommen sie in Osteuropa?
Leitner: Wir machen in Osteuropa heuer 230 Mill. Euro Umsatz, plus 50 Mill. Euro gegenüber 2004. Zum Vergleich: In Österreich gehen wir von zirka 680 Mill. Euro aus. Das wäre ein leichter einstelliger Zuwachs.
Wie lange wird es dauern, bis Sie in Osteuropa mehr umsetzen als in Österreich?
Leitner: Ich glaube, dass wir in längstens drei Jahren 50 : 50 erreichen werden. Allein in Russland werden wir heuer 60.000 Passagiere mehr haben. Bei dieser Rechnung sind unsere möglichen Zukunftsmärkte noch nicht berücksichtigt. Etwa Ukraine, Tschechien, Kroatien, Rumänien oder Bulgarien.
Jetzt zu einem ganz anderen Thema: Die Reiseveranstalter fürchten, dass viele Fußballfans den kommenden Sommerurlaub zu Hause vor dem TV-Apparat verbringen könnten.
Leitner: Es gibt tatsächlich Befürchtungen in der Branche bezüglich der Fußball-WM. Das gilt vor allem für Deutschland. Ich glaube aber, dass die Reiselust im Juni vermutlich auch in Österreich etwas geringer sein wird. Wir sorgen vor und sind für den Juni mit sehr attraktiven Katalog-Angeboten auf den Markt gekommen.
Das wird für Streit in den Familien sorgen . . .
Leitner: In der einen oder anderen Familie vielleicht. Viele unserer Vertragshotels sind angehalten, TV-Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Für uns ist vor allem der Markt in Westösterreich wichtig, weil wir viele Passagieren ab Linz, Salzburg und Innsbruck haben. Besonders betroffen sind die Bayern, die aus Österreich in den Urlaub fliegen. Die Pfingstferien in Bayern finden vom 2. bis 16. Juni statt, mitten in der WM-Zeit. Die Gäste aus dem bayrischen Raum wollen wir natürlich nicht verlieren.