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Mehr als nur versorgt

Architektur kann das Wohlbefinden erhöhen – auch gegen Ende des Lebens, wenn spirituelle und emotionale Bedürfnisse nicht zugunsten der medizinischen hintangestellt werden dürfen. Der neue Palliativ-Pavillon des Wiener Wilhelminenspitals.

Das Schwedische Architekturmuseum in Stockholm zeigt derzeit eine Ausstellung mit dem Titel „Room for Death” und widmet sich damit einem Thema, das in der Gesundheitspolitik längst eines ist, als architektonische Aufgabe hingegen noch wenig wahrgenommen wird. Sie zeigt Ergebnisse eines Forschungsprojekts, bei dem Künstler, Handwerker und Designer Vorschläge für Räume ausarbeiteten, die zu einem fürsorglichen und respektvollen Milieu für Menschen beitragen, deren Lebensende nah ist.

Als Begründerin der Palliativmedizin, die sich als eigenständige Disziplin erst ab den späten 1980er-Jahren etablierte, gilt die englische Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders. Sie setzte sich nach bitteren Erfahrungen mit dem Sterben eines Lungenkranken dafür ein, das Leiden sterbender Menschen nicht nur medizinisch zu lindern, sondern auch auf soziale, emotionale und spirituelle Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Das 1967 von ihr gegründete St. Christopher's Hospiz in London gilt als Ursprung der modernen Hospizbewegung, die sich um eine ganzheitliche Betreuung von Menschen mit unheilbaren Krankheiten annimmt. Auch in Österreich wird seit etlichen Jahren sowohl der Ausbau mobiler Palliativteams als auch jener von eigenen Palliativstationen in Krankenhäusern forciert. In Wien wurden laut Auskunft des Büros der Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely 1.360 Patienten zu Hause betreut. In den städtischen Krankenhäusern und den Ordensspitälern stehen insgesamt 76 Betten bereit, bis 2020 sollen die Kapazitäten auf 92 stationäre Plätze erhöht werden.

Beim Wiener Wilhelminenspital wurde nun ein eigener Palliativ-Pavillon errichtet, dessen architektonisches Konzept sehr umfassend auf das Wohlbefinden der Patienten jedes Alters ausgerichtet ist, aber auch auf jenes der Angehörigen und des nicht minder belasteten Personals. Geplant hat ihn eine Arbeitsgemeinschaft aus den zwei Architketurbüros Raum-Werk-Stadt (Lucia Dorn, Ferenc Horvath, Martin Janecek, Rupert Königswieser) und Share (Hannes Bürger, Silvia Forlati, Thomas Lettner). Für Share war es das erste Krankenhausprojekt, die Raum-Werk-Stadt brachte schon Erfahrungen vom Bau des Dialysezentrums am Wilhelminenspital mit. Für die Gestaltung der Freiräume zeichnet der junge Landschaftsarchitekt Dominik Scheuch (Yewo) verantwortlich. Die junge Truppe setzte sich unter sieben geladenen Büros erfolgreich gegen die durchwegs aus arrivierten Krankenhausplanern bestehende Konkurrenz durch (und widerlegte damit wieder einmal die Einladungspraxis zahlreicher Wettbewerbsauslober, die auf Referenzprojekten im jeweiligen Sektor bestehen). Erfahrene Planer haben vielleicht einen Vorsprung, wenn es darum geht, Abläufe möglichst ökonomisch zu strukturieren. Vertieft man sich ein wenig in Projektbeschreibungen anderer Bauten auf dem gleichen Sektor, ist ganz häufig von optimierten Abläufen und von der Ermöglichung einer guten Versorgung die Rede. Das ist wichtig, aber nicht alles. Im Bewusstsein, dass es mehr braucht als nur eine gediegene Umsetzung ökonomischer und funktioneller Rahmenbedingungen in eine solide Architektur, hat das Team ein Milieu geschaffen, in dem man sich gerne aufhält – auch wenn man hofft, es nie in Anspruch nehmen zu müssen. Der Solitär ist eine der kleineren Einheiten in der ab 1890 in mehreren Bauetappen im damals üblichen Pavillonsystem errichteten Anlage. Ab 1900 wurde das von Franz Berger, einem der angeblich kompetentesten Spitalsarchitekten der Zeit, geplante Kinderspital errichtet, 1910–12 der „Lupuspavillon“ von Otto Wagner, 1935–36 die Spitalskirche Hl. Kamillus von Heinrich Anton Paletz. Es folgten bis in die jüngste Vergangenheit zahlreiche Adaptierungen und Neubauten unterschiedlicher Qualität.

Der Palliativ-Pavillon fügt sich gut ein, hat aber sowohl im Volumen wie in seinem Gehabe nichts mit seinen mächtigeren Nachbarn gemein. Aus ihm spricht ein Zugang, der nicht die Institution Krankenhaus, sondern die Menschen, die sie aufsuchen müssen, im Fokus hat. Er ist schleifenförmig in eine Grünfläche mit alten Föhren eingefügt, mit der er dank der ambitionierten Freiraumgestaltung verbunden wird.

Die Flucht der Stationsnebenräume im Westen und die Patientenzimmer im Osten (zehn Einzel-, zwei Doppelzimmer) umschließen einen inneren Kern, der sowohl als Tag- und Verabschiedungsraum dient als auch als holzbeplankter Innenhof mit integrierten Sitzbänken und kleiner Grüninsel ausgebildet ist. Über die raumhohen Verglasungen zu den angrenzenden Bereichen ist er einerseits stets präsent und liefert andererseits viel Tageslicht ins Innere. Licht ist generell ein wesentliches Thema. Die künstliche Deckenbeleuchtung wird ergänzt durch ein schmales Lichtband, das in einer Deckenfuge parallel zum Handlauf verläuft und zusätzlich Orientierung gibt. Das elegante Stationsbad ist in verschiedene Lichtstimmungen getaucht. Die Badezimmer profitieren durch opak gemusterte Gläser in der Wand zum Zimmer vom Tageslicht. Generell wird bewiesen, dass pflegebedürftige Menschen sich nicht zwangsläufig mit plumpem Design abfinden müssen. Die Ausstattung ist bei aller Zweckmäßigkeit schön, fein abgestimmt und frei von Krankenhausmief. Holzböden sind in Krankenhauszimmern aus Hygienegründen tabu. Hier gibt es einen Zimmerboden aus Bambus, das ist ein Gras. Eine Wand schmückt ein dezentes florales Ornament, das von den Architekten selbst entworfen wurde. Vier der Einzelzimmer lassen sich mittels Schiebewänden zu Doppelzimmern koppeln. Aus allen Zimmern gibt es über die Terrasse direkten Zugang zum barrierefreien Spazierweg durch einen mit Gräsern, Farnen und Duftkräuter-Hochbeeten abwechslungsreich gestalteten Regenerationsgarten.

In den nächsten Jahren soll das Wilhelminenspital neu strukturiert werden. Es gibt bereits einen Masterplan, der die Lage der neuen Zentralklinik und weiterer Neubauten festlegt. Mögen ins Haus stehende Wettbewerbe so barrierefrei sein, dass auch von der Routine der Spitalsplanung unverdorbene Geister Zugang haben! ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)