Das traurige Zeitalter der neuen Völkerwanderung – auf Rollen

Müssen denn alle Charterflüge im Sommer vor dem Morgengrauen abgehen? Und was machen jetzt all die Kofferträger, seit Trolleys die Welt beherrschen?

Zum zweiten Mal bin ich diese Woche gegen fünf Uhr morgens von einem murmelnden, scharrenden Geräusch geweckt worden, das übers offene Fenster auf mich hereinbrach. Passanten zogen offenbar ihre Trolleys übers Pflaster. „Muss denn ganz Meidling ausgerechnet im Sommer immer zu nachtschlafender Zeit aufbrechen, um den Charterflug nach Mallorca zu erreichen?“, dachte ich halblaut und drehte mich auf die andere Seite, um vom Urlaub in den kühlen Bergen zu träumen.

Dann aber bin ich endgültig aufgewacht, weil mich ein irritierender Gedanke quälte. Der Koffer auf Rollen hat in unserer mobilen Gesellschaft eine solche Dominanz entwickelt, dass künftige Historiker ein ganzes Zeitalter danach benennen werden: Antike – Mittelalter – Neuzeit – Trolleywanderungszeit. Die Briten bezeichnen damit einen Karren, Einkaufs- oder Getränkewagen, die Amerikaner ihre Straßenbahn. Wer allerdings in Australien gesagt bekommt, er sei „off one's trolley“, der wird für nicht mehr ganz dicht gehalten.

Ähnlich benehmen sich auch die Vertreter der Business Class, wenn sie mit ihren 25 mal 45 mal 56 cm großen, meist hartschaligen Köfferchen zum Boarding rasen, um als erste ihre Plätze belegen zu können. Dieselben Figuren terrorisieren dann mit ihren Kisten die übrigen Fluggäste, die brav ihre Bagage abgegeben haben und nur ihr Täschchen und die Kopfbedeckung mit an Bord nehmen. Drei Panamahüte haben mir persönlich solche Geschäftsreiseflegel demoliert, wenn sie ihre gut 20 Kilo schweren Waffen rücksichtslos in die Ablage über mir wuchteten. Später werden sie sich im Sprint durch die Hotellobby drängen, im Zimmer wichtige Telefonate fortsetzen, die sie beim Flug auf dem Handy geführt hatten, bis der Akku aufgab. Dass ja kein Helfer Hand an ihren Trolley legt!

Ach, wie idyllisch war die frühe Neuzeit, als der elegant Reisende sein Gepäck auf dem Schiff, vor der Kutsche und im Grandhotel Fachkräften übergab, die es korrekt und stressfrei verstauten! Man hatte die Hände frei, um zu reden, und nach dem Begrüßungscocktail hing schon der Anzug für den Abendempfang an der Garderobe. Heute aber ist dieses Personal ausgestorben. Keine Liftboys, keine Empfangsdamen, nur noch Facility hinter dem PC. In manche Hotels kann man bereits einchecken, ohne einem Menschen zu begegnen. Die Kreditkarte in eine Maschine gesteckt – schon wird man raufgeschickt. Bis aufs Aufräumen durch Leiharbeiter macht man sich heute alles selbst.

Das gilt auch für Banken. Einzahlen, Beheben, Spekulieren – alles elektronisch. Manchmal frage ich mich, was die Leute auf der anderen Seite des Panzerglases tun. Das sieht wohl auch die Deutsche Bank so. Sie will 1500 Investmentbanker abbauen, weil die anscheinend nur herumgestanden sind, während die Verluste auf mehrere Milliarden anwuchsen. Ich ahne Furchtbares: Bald werden diese Fachkräfte, während ich auf meinen Anschlussflug nach Lima warte, mit ihren schweren Trolleys die Flughafen-Lobby stürmen, um wichtige Telefonate zu führen. Man will ja nicht den Anschluss verpassen.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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