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Uwe Scheuch und der Nepotismus der Nibelungentreuen

ARCHIVBILD: FPK SCHEUCH/ SCHEUCH
APA/GERT EGGENBERGER
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Machiavelli sah in der Vererbung politischer Ämter die Ursache für den Niedergang eines Staates. Aber eines haben fast alle Beispiele gemeinsam: Die Begünstigten müssen sich beweisen.

Alles bleibt in der Familie“ – so hat ein Politiker sarkastisch die Amtsübergabe des freiheitlichen Klubobmanns Uwe Scheuch an seinen Bruder Kurt kommentiert. Die meisten Beobachter finden das moralisch anrüchig. Für Evolutionsbiologen ist Verwandtenselektion allerdings das Natürlichste der Welt. Der Mensch will seine Gene verbreiten und fördert daher jene, die am meisten mit ihm gemeinsam haben. Auch deshalb mussten im alten Orient Männer die Witwe ihres Bruders ehelichen, um noch nicht vorhandene Nachkommen zu zeugen und so die Stammesfolge zu sichern.

Natürlich heißt freilich noch lange nicht gut. So sieht der Biologe Edward O. Wilson den auf Verwandtschaftsselektion aufbauenden Altruismus als „Feind der Zivilisation“. Machiavelli hätte ihm wohl zugestimmt. Er sah die Vererbung politischer Ämter als Ursache für den Verfall des Ethos und damit für den Niedergang eines Staates.

Nicht alle Staatstheoretiker sehen das so negativ. Wenn Kurt Scheuch seinen Bruder ablöse, wahre das die „Kontinuität“, erklärt der Kärntner Landeshauptmann. Das ist die Karikatur einer uralten Rechtfertigung. Mehr Kontinuität und Stabilität gilt als ein Grund dafür, dass sich vor Jahrtausenden das Erbfolgeprinzip bei der politischen Herrschaft in den meisten Teilen der Welt gegen das Wahlkönigtum durchsetzte.

 

Georg Simmel: Erbe bringt Stabilität

Dass dadurch auch Kinder, Unfähige, Schwachsinnige an die Macht kamen, ließ sich offenbar verschmerzen. Der deutsche Soziologe Georg Simmel sprach Anfang des 20.Jahrhunderts von der „prinzipielle Festigkeit“ garantierenden „Überpersönlichkeit“ der Gruppe. „Allein der jedesmalige Kampf oder die jedesmalige Abwägung vor der Erhebung des Subjekts enthält so viele Gefahren und Erschütterungen, dass dies, mindestens in stabilen Verhältnissen, alle üblen Chancen der Erblichkeit überwiegt.“

Simmel lebte in einem Europa, in dem die Monarchie der Normalfall war und etwa die Habsburger auf fast 800 Jahre Erbkönigtum verweisen konnten (auch wenn es sich formell um eine Wahlmonarchie handelte). Ein Jahrhundert später glauben wir uns von innerfamiliären Hofübergaben längst verabschiedet zu haben, sie gelten als Inbegriff der Korruption. Aber auch wenn man den Ämter-Nepotismus kaum je so unverfroren zu sehen bekommt wie jetzt in Kärnten: Auf eleganten Umwegen findet man ihn in fast allen Demokratien der Welt. Dass in Nordkorea dieselbe Familie nun schon in dritter Generation das höchste Staatsamt innehat, verwundert ja nicht. Aber was ist mit den Vereinigten Staaten, wo zumindest dem Mythos zufolge jeder gleiche Chancen hat und auch ein Tellerwäscher Präsident werden kann?

„Die Kennedys waren auch Brüder“, sagt Kurt Scheuch – noch so ein Kommentar, in dem ein Körnchen Wahrheit steckt. Familien-Dynastien haben von Anfang an die US-Politik geprägt – schon der sechste Präsident, John Quincy Adams, war der Sohn des zweiten. Als Robert Todd Lincoln, der älteste Sohn von Abraham Lincoln, zu einem chancenreichen Anwärter auf die Präsidentschaft wurde, warnte Joseph Pulitzer, der Stifter des Pulitzer-Preises, vor dieser Bedrohung für die Demokratie. Ein verrotteter Republikanismus mache aus dem Präsidentensohn einen Kronprinzen, hieß es – das schmecke nach Monarchie und Aristokratie.

Robert Todd Lincoln wurde nicht Präsident, aber es kamen die Lees, die Harrisons, die Roosevelts, die Tafts, die Udalls, die Kennedys, die Clintons und die Bushs – Familien, die über Jahrzehnte die US-Politik beeinfluss(t)en. Dass Präsident John F. Kennedy seinen Bruder Robert F. Kennedy zum Justizminister berief, war dann doch zu viel des Guten. Ein Gesetz verbot nach seinem Tod, bei der Ämtervergabe nahe Verwandte zu berücksichtigen. Man muss aber gar nicht nach Amerika schauen. In Frankreich etwa verhelfen Präsidenten gerne ihren Söhnen zu hohen Ämtern – jüngstes Beispiel ist Nicolas Sarkozy, dessen Sohn mit 23 Jahren und noch nicht abgeschlossenem Studium fast zum Leiter der einst vom Vater geführten wichtigen Entwicklungsbehörde EPAD geworden wäre, die Milliarden verwaltet.

 

Dynastischer Trend in Deutschland

In Deutschland zeigt sich derzeit generell ein dynastischer Trend. Im Frühjahr 2012 meldeten gleich zwei Ehefrauen bekannter deutscher SPD-Politiker eine politische Karriere an, Michelle Müntefering und Doris Schröder-Kopf (Ehefrau von Exkanzler Gerhard Schröder). Weitere Beispiele: CDU-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, CDU-Verteidigungsminister Thomas de Maizière, CSU-Europaabgeordnete Monika Hohlmeier, Europaabgeordneter Alexander Graf Lambsdorff – sie alle sind mit einst wichtigen deutschen Politikern verwandt. Herkunft werde wichtiger in der Politik, sagen Soziologen. Warum? Eine Erklärung lautet, dass die Wirtschaft nicht genug Spitzenposten biete, um die Elite zu versorgen; so müssten einige auf die Politik ausweichen.

Aber eines haben fast alle Beispiele gemeinsam: Die Begünstigten müssen sich einer Wahl stellen oder sich auf andere Art beweisen. So ungeniert wie Uwe Scheuch, der seinen Bruder als Platzhalter eingesetzt hat, agieren sonst eher orientalische Despoten. Auch von Assad und Gaddafi kennt man dieses Politikverständnis: Nepotismus, getarnt als Nibelungentreue.

Vorbild USA?

Joseph Pulitzer, der Namensgeber des Publikationspreises, sah eine Bedrohung der Demokratie, als Robert Lincoln, der älteste Sohn von Abraham, Präsidentschafts-Anwärter wurde. Aber später kamen die Familien, die Lees, die Roosevelts, die Kennedys und die Bushs – Clans, die über Jahrzehnte die US-Politik beherrsch(t)en. Erst als Präsident John F.Kennedy seinen Bruder Robert zum Justizminister berief, wurde es dem Parlament zu viel: Ein Gesetz verbot die Ämtervergabe an nähere Verwandte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)