Bei Weltrekorden spielen Verbesserungen der Sportgeräte eine Rolle – aber je nach Sportart unterschiedlich stark.
Sergej Bubka war ein begnadeter Sportler. Nicht weniger als 35 Mal – 17 Mal im Freien, 18 Mal in der Halle – verbesserte er im Stabhochsprung den Weltrekord. Seine Bestmarken von 6,14 bzw. 6,15 Meter halten schon mehr als 18 Jahre. Das liegt nicht nur daran, dass Bubka der Beste war, sondern auch am Sportgerät: Wenn in einer Sportart ein revolutionäres Material eingesetzt wird, dann purzeln in der Anfangsphase die Rekorde in rascher Folge, mit der Zeit flacht sich die Steigerung aber ab – in der Wissenschaft nennt man das „Sättigungseffekt“.
Im Stabhochsprung startete man – wie in allen Sportarten – mit natürlichen Materialien: Mit einem massiven Eschenholz-Stab überquerte der Olympiasieger 1896 in Athen 3,30 Meter. Wenig später setzte sich der flexiblere Bambus durch, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs sprang man damit einen ganzen Meter höher. Dann ging es Schlag auf Schlag: Die Einführung von Metallstäben brachte weitere 20 Zentimeter, die modernen Kohle- und Glasfaserstäbe führten zu einem wahren Höhenflug: Binnen 100 Jahren stieg die Leistung um beachtliche 86 Prozent.
Leistungssteigerungen gab es in allen Sportarten. Beim Speerwurf etwa wuchsen die Bestweiten (bis zur Reform des Sportgeräts 1986, weil die Stadien zu klein wurden) um 95 Prozent, beim Radfahren sogar um mehr als 200 Prozent. Beim 100-Meter-Sprint waren es vergleichsweise geringe 24 Prozent.
Fragt sich natürlich: Was wäre wenn? Wie würden heutige Sportler ohne ausgereifteres Material – Kritiker sprechen abfällig von „Technologie-Doping“ – abschneiden? Denn gleichzeitig mit dem Material haben sich die Trainingsmethoden stark verbessert, heutige Sportler sind hochspezialisierte „Wettkampfmaschinen“.
Wenig überraschend ist der Anteil der Technologie beim Laufen geringer als etwa beim Radfahren: Beim 100-Meter-Lauf machen die Verbesserungen der Ausrüstung – Bahn, Schuhe oder windschlüpfrige Trikots – rund 20 Prozent der Leistungssteigerung aus. Beim Radfahren hingegen bringt die bessere Ausrüstung und vor allem die Optimierung der Aerodynamik fast die Hälfte der Leistungssteigerung. Zwischen diesen Extremen liegen der Speerwurf und der Stabhochsprung, wo die Technologie für rund 30 Prozent der Leistungssteigerungen verantwortlich ist.
Solche Durchschnittswerte erklären natürlich nur das allgemeine Leistungsniveau, sie sagen aber wenig über die individuelle Leistung aus. Denn – so wie man es vom Skifahren her kennt – jeder Sportler muss die für ihn optimale Materialkombination finden. Beim Stabhochsprung beispielsweise können die Athleten heute ihre Stäbe aus unterschiedlich steifen Teilen individuell zusammensetzen. Wie bedeutsam dieser Faktor im Einzelfall ist, weiß man natürlich nicht. Sergej Bubka dürfte jedenfalls ein Meister darin gewesen sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)