Das einstige "Grand Etablissement" Gschwandner knüpft mit dem soeben eröffneten Heurigen an das gesellige Vorstadtleben des 19. Jahrhunderts an – und trifft damit den Nerv der Zeit.
Es sind Geschichten, die ziehen eigentlich immer – jetzt aber vielleicht besonders gut. Geschichten von Damenboxkämpfen, Vorstadtbällen und Heurigen, bei denen sich die ehrlichen Arbeiter und Wäschermädls mit Wein aus Dopplerflaschen und dem wunderschön melancholischen bis selbstironischen Wienerlied von den Plagen des Alltags erholten, während sich die feine Wiener Gesellschaft in der noblen Innenstadt bei klassischen Konzerten langweilte. Geschichten vom typischen Wiener Vorstadtleben in einer Zeit, in der die Menschen mangels Fernseher oder elektronischer Geräte noch auf das Leben auf der Straße und die dort angesiedelten Vergnügungsstätten angewiesen waren. Wenn das Ganze durch die Bezeichnung „Etablissement“ auch noch einen Hauch von erotischer Anrüchigkeit bekommt, wirkt es in unserem gemütlichen, aber doch manchmal langweiligen Wohlstandsleben noch spannender. Dass damals ein Etablissement im Unterschied zu heute nichts mit käuflichem Sex zu tun hatte, mindert die Zugkraft solcher Geschichten kein bisschen.
Das weiß wohl auch Oliver Jauk, der, wenn auch einen anspruchsvollen, so doch sicher keinen Job hat, der viel Überzeugungsarbeit braucht. Jauk ist Geschäftsführer des Gschwandner, jener – nennen wir es – Vergnügungsstätte, die jetzt wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Ermöglicht haben das die Immobilienentwickler Reza Akhavan und Daniel Jelitzka von JP Immobilien, die das denkmalgeschützte historische Gebäude im 17.Wiener Gemeindebezirk vor ein paar Jahren erworben haben. Seit den 1960er-Jahren war das Haus, das 1870 von der Heurigenfamilie Gschwandner erbaut wurde, für die Öffentlichkeit geschlossen. Eine Radiofabrik und ein Filmrequisiteur waren hier eingemietet. Die gekritzelten Nummerierungen an den Wänden erinnern daran, dass dort vor Kurzem noch Kruzifixe, Luster, Bilder oder sonstige Requisiten hingen. Nachdem die Filmfirma ihren Mietvertrag gekündigt hatte, wurde das Gschwandner wieder frei.
Vergnügungsstätte statt Supermarkt. „Die einfachste Lösung wäre wohl gewesen, es an eine Supermarktkette zu vermieten. Aber das Haus hat so eine Geschichte, es war ein gesellschaftliches Zentrum und Teil des Wiener Vorstadtlebens“, sagt Daniel Jelitzka. Und genau zu solch einem will er es wieder machen – sicher auch nicht ganz uneigennützig. Immerhin wird dadurch das, im Vergleich zum Rest von Hernals, nicht wahnsinnig attraktive Grätzel zwischen Gürtel und Elterleinplatz auch für zukünftige Anrainer wesentlich interessanter. Jelitzka erhofft sich durch das Gschwandner einen „Impuls für die unmittelbare Umgebung“ und vergleicht es mit dem Brunnenmarkt und dem Yppenplatz, die den 16.Bezirk aufgewertet haben.
Vermutlich muss er gar nicht so lange warten, bis auch das Gschwandner mit seinen drei historischen Sälen diese Aufgabe erfüllt. Auch wenn erst Anfang 2013 mit der Renovierung begonnen wird und 2014 der Regelbetrieb laufen soll, funktioniert die Zwischennutzung schon ganz gut. Und sie gibt auch schon die Richtung vor, in die es gehen soll. Ein Mix aus fixen Mietern und Festivals soll es sein, sagt Jauk. Das Haus sei für alle offen – bis auf ein paar Ausnahmen. Rockkonzerte oder Clubbings kann er sich dort allein wegen der Anrainer nicht vorstellen. Akustikkonzerte, bei denen Wienerlied oder Jazz gespielt werden, hingegen schon.
„Gerade hatte ich eine Anfrage für eine Katzenausstellung. Warum nicht, es gab auch früher schon Tierausstellungen.“ Überhaupt dürfte „früher“ ein Richtwert für das Gschwander sein. Denn einerseits will man an die Tradition anknüpfen und das Retroflair nutzen. Andererseits kommt genau das derzeit auch bei den Jungen gut an.
Nachdem die Festivals Soho in Ottakring und Impulstanz zu Gast waren, hat am Donnerstag mit dem Gschwandner-Heurigen die erste Eigenveranstaltung begonnen. Bis jetzt wird die Kombination aus Wienerlied, Wiener Wein und Kino gut angenommen. Auch bei der nächsten Veranstaltung, dem Vintage Salon, wird sich wohl so mancher Hippster aus Neubau oder der Leopoldstadt nach Hernals verirren.
Nächstes Jahr wird das Haus mit der schönen Säulenhalle renoviert. Neue Räume, etwa gastronomische Nebenzimmer oder auch Proberäume im Keller, sollen ebenso hinzukommen wie ein moderner Zubau, in dem etwa der Hernalser Kulturkreis Platz finden soll. Überhaupt sei Kultur ein wichtiges Schlagwort für das ganze Gschwandner, meint der zuständige Architekt Erich Bernard. Elf Millionen Euro kostet der Umbau, die Betreiber hoffen dabei auf Unterstützung vonseiten der Stadt. Denn immerhin wolle man ihr auch etwas zurückgeben – und zwar mehr als nur Geschichten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)