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Panhans: ". . . und dann war der Semmering tot"

Panhans dann Semmering
(c) APA (Tourismusregion NOE SUED-ALPIN)
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Dem Hotel Panhans, dem Wahrzeichen von Semmering, droht die Insolvenz. Sollte es in Konkurs gehen, endet eine touristische Ära. Ein Porträt der wichtigsten Sommerfrische Osteuropas.

Der schnellste Weg zwischen dem Bahnhof Semmering und dem Panhans führt nicht etwa durch die edlen Promenaden des 500-Einwohner-Ortes, durch die gepflegten Gärten des Jugendstil-Villenviertels an der niederösterreichisch-steirischen Grenze oder gar vorbei am Fuße des „Zauberbergs“, des Lieblingsskigebiets der Wiener.

Nein, wer sich heute tatsächlich noch die Mühe macht, mit der Bahn nach Semmering zu fahren, schleppt sich, geleitet von modrigen Wegweisern, über die Serpentinen eines schlecht gepflegten Waldweges über steile Hänge nach oben, wo mehrere Dutzend Höhenmeter weiter endlich das massive Panhans thront – eines der wenigen Etablissements dieser Welt, die die Bezeichnung Grand Hotel schon ihres schieren Ausmaßes wegen immer noch verdienen.

Einfach ist es heute allerdings nicht mehr, sich den Glanz längst vergangener Tage vorzustellen, als unten am Bahnhof noch die Kutscher auf Kaiser warteten, auf echten und Geldadel, auf Künstler, Intellektuelle und Großbürger. Arthur Schnitzler war in Semmering Gast, ebenso wie Stefan Zweig, Oskar Kokoschka und Gerhard Hauptmann, später kamen auch Schauspieler wie Heinz Rühmann oder die US-französische Sängerin und Tänzerin Josephine Baker.


Von Rühmann zur Regierung.
Heute gilt schon die Klausur, die die Bundesregierung 2011 im Panhans abgehalten hat, als glamourösestes Ereignis des Urlaubsortes seit Jahren – was alles über den Stellenwert sagt, den Semmering in der modernen Tourismuswelt noch hat. Hinter den eleganten Fassaden des modernen Panhans, 113 Zimmer in dem 1913 errichteten Haupttrakt des seit seiner Gründung 1888 mehrmals erweiterten Hotels, hat sich anstelle mondäner Klasse der blanke Durchschnitt der Fremdenverkehrskultur breitgemacht: Seminarteilnehmer, Wochenend-Wintersportler und vereinzelte Wanderer stellen heute das Gros der Gäste am Semmering.

Und das, so scheint es, reicht nicht mehr, um einen 75-Mitarbeiter-Betrieb wie das Panhans zu erhalten. Vergangene Woche hat eine Großbank einen Insolvenzantrag gegen das Hotel eingebracht. Gegenüber dem „Wirtschaftsblatt“ hat der neue Geschäftsführer Claudius Hurth daraufhin Probleme bestätigt. Die Auslastung des Grand Hotels liege in den vergangenen Jahren zwischen 30 und 50 Prozent, so Hurth – aber selbst, um eine „schwarze Null“ zu erreichen, seien mindesten 60Prozent notwendig. Trotzdem gibt sich Hurth optimistisch, was den Fortbestand des Panhans angeht: Es gebe vielversprechende Gespräche mit „zwei bis drei Interessenten“ – und die Hoffnung auf eine „österreichische Lösung“ für die Fortsetzung des Hotelbetriebs.

Das Ende des Panhans wäre der Schlusspunkt einer mehr als ein Jahrhundert dauernden Geschichte, in welcher der Semmering aus einem an der Passstraße gelegenen Nirgendwo zu einem der wichtigsten Luxusurlaubsorte Europas avancierte – um danach jahrzehntelang wieder zu verblassen. Eine Geschichte, die man auch stellvertretend für jene der bürgerlichen Kultur in Österreich lesen kann – und für deren Zerschmetterung im Laufe zweier Weltkriege.


Am Anfang war die Eisenbahn. Eduard Aberham gehört zu den Menschen, die die Geschichte Semmerings nicht nur kennen, sondern Teile davon mitgeschrieben haben. Der heute 64-Jährige hat das Hotel Panhans bis zu seiner Pensionierung im Vorjahr 27 Jahre lang geführt – und spricht gern davon, wie „wir einst das touristische Zentrum der Donaumonarchie waren“, auch wenn das lange vor seiner Zeit war.

„Begonnen hat alles mit der Eisenbahn“, erzählt Aberham. 1854 wurde die Semmeringbahn eröffnet, ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, das der vermögenden Öffentlichkeit der Weltstadt Wien einen ungeahnt schnellen Weg in die alpine Umwelt eröffnete: Mit 896 Meter Seehöhe war Semmering damals der höchste auf Schienen erreichbare Punkt der Erde.

Es sollte bis in die 1880er-Jahre dauern, bis dieses Potenzial genutzt werden konnte: Die private Südbahngesellschaft, die ihre Arbeiten an der Bahn abgeschlossen hatte, wurde auf der Suche nach neuen Einnahmequellen auf das steigende Bedürfnis der oberen Gesellschaftsschichten nach Urlaubsmöglichkeiten aufmerksam. An der istrischen Adria begann das Unternehmen das Seebad Abbazia, inzwischen das kroatische Opatija, zu errichten – heute würde man wahrscheinlich von einem „Urlaubsresort aus der Retorte“ sprechen. Auf dem Weg nach Abbazia, an der Eisenbahnlinie Wien–Rijeka, sollte Semmering dem Willen der Südbahngesellschaft nach einer von mehreren „Zwischenstopps“ für die reisende Gesellschaft sein – und wurde bald zum Selbstläufer.


Ein Resort aus dem Bilderbuch. Auf exakt 1000 Meter Seehöhe errichtete die Gesellschaft 1880/81 das „Hotel Semmering“, später Südbahnhotel – samt einer Straße, die es bis heute mit dem Semmeringer Bahnhof verbindet. Geht man sie heute entlang, findet man in dem ehemaligen Südbahnhotel nur noch eine heruntergekommene Ruine vor, deren zeitlose Eleganz zwischen Rissen, bröckelnden Fassaden und kaputten Fensterscheiben unterzugehen droht. Bis 2010 gastierten in den großen Salons und Sälen noch die Festspiele Reichenau – seit vergangenem Jahr sind aber auch diese baupolizeilich gesperrt.

Als das Südbahnhotel 1882 in Betrieb ging, entwickelte es sich schnell zum Tourismusmagneten: Die von Schmutz und Gestank der sommerlichen Stadt geplagte Wiener Gesellschaft schätzte die klare Luft am Semmering ebenso wie das Panorama des Hotels sowie die umfangreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten, die es bot – und dass als erster Pächter der bekannte Wiener Koch Vinzenz Panhans das Südbahnhotel betrieb, hat sicher nicht geschadet. Er machte sich kurz darauf selbstständig und eröffnete 1888 in unmittelbarer Nähe sein „Hotel Panhans“, das bald zum Konkurrenten des Südbahnhotels wurde.


Kaiserlicher Nimbus. „Semmering hat dann sehr schnell einen gewissen Nimbus entwickelt“, sagt der spätere Panhans-Chef Aberham: Die kaiserliche Familie frequentierte die Hotels, mit ihnen kamen der Adel, die Beamten und das – vor allem jüdisch geprägte – obere Bürgertum. „Nach der Jahrhundertwende spielte Semmering in einer Liga mit St. Moritz“: Der touristische Sommerfrische-Schwerpunkt, den der Schweizer Nobelort für das westliche Mitteleuropa war, stellte Semmering – ab der Jahrhundertwende übrigens auch im Winter – für die Länder der Donaumonarchie und jene weiter östlich davon dar. „Das Panhans konnte damals schon Gäste aus St. Petersburg verzeichnen“, sagt Aberham.

Freilich ging es bei den oft wochenlangen Aufenthalten in der Sommerfrische nicht nur um das Sehen und Gesehenwerden. „Eine Funktion dieser Urlaube, die heute oft in Vergessenheit gerät, war, dass wir riesige Heiratsinstitute darstellten“, analysiert der ehemalige Hoteldirektor: Im süßen Nichtstun der alpinen Freizeitresorts, umgeben von anderen gutgestellten Persönlichkeiten, konnten junge Adelige und Bürger aus ganz Europa eine „passende Partie“ finden.

Diese Vermittlerei zumindest – Aberham vergleicht sie mit jener moderner Online-Datingbörsen – überstand den Ersten Weltkrieg. Im Gegensatz zu vielen anderen Semmeringer Institutionen: Das Ausbleiben der adeligen Gäste, die neuen Grenzen und die tiefen Gräben, die zwischen 1914 und 1918 auf dem Kontinent aufbrachen, kosteten die Familie Panhans ihr noch 1913 zum Grand Hotel ausgebautes Haus.

In den 1920er-Jahren wechselte das Panhans mehrmals seine Besitzer, 1930 gelangte es (wie auch das nahe Grand Hotel „Erzherzog Johann“) ins Eigentum des estischen Unternehmers William Zimdin, der seiner massiven Investitionen halber bald als „Retter des Semmering“ gefeiert wurde. Er ließ in dem mittlerweile zum „Kurort“ erhobenen Semmering das erste Casino Österreichs eröffnen und verhalf dem Tourismus zu einer „zweiten Blüte“, wie Aberham sagt: Die mittlerweile fast ausschließlich bürgerlichen Gäste konnten inzwischen nicht mehr nur zwischen Südbahnhotel und Panhans, sondern auch unter neueren Edelherbergen wie dem „Kurhaus“ – eine andere, teils verfallene Jahrhundertwendeperle, die heute noch über den Wäldern der Region weithin sichtbar ist –, dem „Palace Sanatorium“ oder dem schon erwähnten „Erzherzog Johann“ auswählen.

Während des Ersten Weltkrieges und in der Zwischenkriegszeit trat der gesellschaftliche Charakter des Semmering-Urlaubes in den Hintergrund, wichtiger wurde der sportliche Gedanke: Inzwischen hatten die Hoteliers der Region einen Golfplatz angelegt, mehrere Häuser boten Hallenbäder, in der Region gab es eine Bobbahn, eine Rodelbahn, zwei Skischulen, sogar eine Skisprungschanze.


Von Nazis und Sowjets zerschmettert.
Ein Idyll, das mit dem Zweiten Weltkrieg abrupt vernichtet wurde: Neben anderen Häusern wurde das Panhans von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und als „Gauhotel Semmering“ hochrangigen Parteimitgliedern zur Verfügung gestellt.

Nach der Besatzung durch die Sowjetunion blieben die Semmering-Häuser teils schwer beschädigt zurück – das Panhans ging ins Eigentum der Energiegesellschaft Newag über, auch das Südbahnhotel nahm seinen Betrieb wieder auf, Kurhaus und das „Palace“ gingen ins öffentliche Eigentum über. In den 1950er-Jahren flackerte die Tradition des Fremdenverkehrsortes noch einmal auf, „eine dritte Blüte“, wie es Freizeitforscher Peter Zellmann formuliert: „Die Nachkriegszeit war noch einmal gut.“ Allein: Diesmal hatte sie ein klares Ablaufdatum.
Der Fluch der Mobilität. Es zählt zur feinsten Ironie der Geschichte, dass Orten wie Semmering, in denen der Wohlstand oft und gern zelebriert wurde, gerade die Ausbreitung des Wohlstandes in der Gesellschaft zum Verhängnis wurde. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden viele Menschen mit einem Mal sehr, sehr mobil – „und dann reichte die nahe Sommerfrische nicht mehr für den Urlaub. Das Auto kam auf – und dann war Semmering tot“, analysiert auch Aberham. Wer früher auf den Berg gekommen wäre, verbrachte seine freie Zeit in Italien, an der Nordsee oder, als das Fliegen schließlich für jedermann erschwinglich wurde, jenseits des Ozeans.

„Durch die gewachsene Mobilität der Urlauber ist ein stärkerer Wettbewerb unter den Destinationen entstanden“, sagt Zellmann – wo es früher einfach nur Semmering gab, wenn man von Wien aus mit machbarem Aufwand verreisen wollte, war plötzlich eine Vielzahl von Zielen in Reichweite. Hinzu kam, „dass die Baulichkeiten am Semmering von Infrastruktur und Raumangebot nicht mit neueren, moderneren Hotels mithalten konnten“, sagt Zellmann – was Ex-Hotelchef Aberham bestätigt: „Wir hatten früher große Salons und Gesellschaftsräume, in denen man sich unterhalten hat – mit anderen Gästen zu sprechen, hat die Leute in den 1980ern aber nicht mehr interessiert: Die wollten ab viertel acht nur mehr Fernsehen.“ 1969 wurde das Panhans geschlossen, das Südbahnhotel folgte ihm sieben Jahre später.

Aber immerhin: Das Panhans wurde Anfang der 1980er-Jahre mit 70 Zimmern wieder eröffnet – und erlebte, wie auch zahlreiche kleinere Unterkünfte in Semmering, eine weitere gute Zeit. Nichts, was an die großen Jahre der Vor- und Zwischenkriegszeit anschließen konnte – große Teile der alten Anlage mussten umgebaut und verkleinert werden –, aber man konnte davon leben, auch dank Touristenströmen aus dem neuen Osteueropa. Aber auch die sind mobiler geworden – und reisen heute tiefer in die Alpen. Hat Semmering noch eine Zukunft, Herr Aberham? „Ja, die Chance gibt es – aber wir bräuchten einen Push.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)