Syrien: Die zermürbende Schlacht um Aleppo

Syrien zermuerbende Schlacht Aleppo
(c) REUTERS (GORAN TOMASEVIC)

In der syrischen Industriemetropole haben sich Armee und Rebellen in einen blutigen Straßenkampf verstrickt. Nicht alle Einwohner sind glücklich über die Aufständischen. Ein Lokalaugenschein.

Der Fahrer wechselt auf die entgegengesetzte Spur der Schnellstraße und schert sich wenig um die hupenden Fahrzeuge, die panisch ausweichen. Nach 300 Metern biegt er links ab und fährt über einen holprigen Feldweg durch einen Olivenhain. Dann muss alles plötzlich schnell gehen. „Raus, raus!“, ruft der Fahrer hektisch und reißt die Türen auf. „Ich muss sofort wieder weg hier.“ Bei 40 Grad im Schatten geht es im Laufschritt über einen ausgetretenen Pfad durch abgeerntete Getreidefelder. „Schneller, schneller“, treibt ein Schmuggler an, der für die Passage verantwortlich ist. Nach 30 Minuten kommt der zwei Meter hohe Grenzzaun in Sicht, der sich kilometerlang durch die Landschaft zieht. „Los, los““, schreien Jassin und Mohammed, Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), auf der anderen Seite der Grenze nervös. Die Helme einer Patrouille türkischer Soldaten sind zu sehen, die das Sonnenlicht reflektieren. Unter dem Stacheldraht durch und man ist in Syrien. Allerdings in einem Gebiet des Landes, in dem das Regime Bashar al-Assads nichts zu sagen hat. Die Rebellen kontrollieren einen bis zu 60 Kilometer breiten Streifen im Norden entlang der Grenze zum Nachbarland Türkei.

Jassin fährt mit quietschenden Reifen los. Mohammed sitzt auf der Rückbank und beobachtet den Himmel. „Helikopter“, sagt er lapidar. Der 25-Jährige hält Ausschau nach Kampfhubschraubern der Regimetruppen. Sie können jederzeit auftauchen und losfeuern. Vor uns liegt eine gute Stunde Fahrtzeit nach Aleppo, mit 2,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Syriens. Dort liefern sich FSA und Regimetruppen seit dem 20. Juli blutige Gefechte. Beide Seiten denken, sie führten in der Industriemetropole die „Mutter aller Schlachten“, durch die sich der seit 17 Monaten dauernde Konflikt entscheidet. Das Regime von Präsident Bashar al-Assad glaubt mit einem Sieg über die FSA die Rebellion komplett niederzuschlagen und die Rebellen hoffen, von einem „befreiten Aleppo“ aus den Marsch auf die Hauptstadt Damaskus zu starten.

Etwa 15 Kilometer vor Aleppo passieren wir in Miselmia eine Militärbasis einer Spezialeinheit der syrischen Armee. Im Wachhäuschen am Eingangstor sitzt sogar ein Soldat. Es ist eine der wenigen Stellungen innerhalb des FSA-Territoriums, die noch in Regierungshand ist. „Ihren Checkpoint vor der Kaserne haben sie schon längst geschlossen“, erzählt Jassin. „Seit einer Woche verhalten sie sich ruhig. Und wir greifen sie nicht an.“ Man will nicht unnötig Munition verschwenden, die so dringend in Aleppo benötigt wird.

Kinder turnen auf Panzern. Wir fahren auf der Flughafenstraße in die umkämpfte Stadt. Die Spuren des Bürgerkriegs sind überall. Eingestürzte Häuserdächer, ausgebrannte Autos, Einschusslöcher in Wänden. Einige Kinder geben der trostlosen Szenerie eine friedliche Note. Sie klettern über zerschossene Panzer, reiten zum Spaß auf den langen Rohren. Ihr Lachen ist von Weitem zu hören. Am frühen Vormittag sind die Straßen noch leer. Die meisten der verbliebenen Einwohner sind zu Hause. Es ist Ramadan, die einmonatige Fastenzeit der Muslime, in der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts gegessen wird. In dieser Periode wird die Nacht gerne zum Tag gemacht.

Das Zentrum der Stadt ist belebter. Taxis und Minibusse sind unterwegs. Auf dem Markt in Al Wanuieh sind Stände mit Gemüse und Obst aufgebaut. Einige Frauen sind bereits beim Einkaufen. Unter ihnen Imam, die Obst für ihre sechsjährige Tochter sucht. Zuerst gibt sich die 27-jährige Frau, deren Mann seit sechs Jahren im Gefängnis sitzt, gelassen. Aber plötzlich bricht es aus ihr heraus. „Alles ist zu teuer, es gibt kein Gas zum Kochen, kein Benzin, kaum Brot und das Telefonnetz funktioniert nicht.“ Vor sieben Monaten hat sie ihre Arbeit verloren. Sie wollte für ihre Kleine Medizin kaufen, nachdem sie wegen der anhaltenden Explosionen und Schießereien unter Angstzuständen leide. „Aber das Geld reicht nicht“, sagt Imam aufgebracht. Ob sie mit der Revolution der FSA zufrieden ist? Ohne die Frage zu beantworten, geht sie wortlos davon.


Anstehen für Brot. Nicht alle in Aleppo sind glücklich über den Einmarsch der FSA, der den Krieg und die damit verbundenen Probleme brachte. Vor den Bäckereien stehen hunderte stundenlang für Brot an. Benzin ist nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Lebensmittelpreise sind um das Fünffache gestiegen. In den Stadtvierteln stapelt sich der stinkende Müll auf den Straßen. „Ich musste 300 Kilogramm Fleisch wegwerfen“, sagte ein Metzger frustriert. „Ohne Strom, was soll man machen?“ Danach stimmt er eine Lobeshymne auf die FSA an, die aber wenig überzeugend klingt. Einige umstehende Jugendliche stimmen ein und skandieren: „Lange lebe die FSA, die uns beschützt und uns die Freiheit gibt.“

Wie auf dem Jahrmarkt geht es bei den Protesten zu, die am Freitag nach dem Gebet in der Moschee stattfinden. Im Stadtteil Bab El-Tarek sind einige hundert Menschen zur Demonstration gekommen. Früher wurden sie dafür verprügelt oder erschossen. Nach dem FSA-Einmarsch können sie zum ersten Mal ohne Angst auf die Straße gehen.

Während die einen auf den Straßen feiern, sterben nur wenige Kilometer entfernt Menschen. Die Kämpfe konzentrieren sich in Salahedine, wo die FSA die meisten Stellungen besitzt. Seit dem 20. Juli versucht die syrische Armee diesen Stadtteil vergeblich zurückzuerobern. Es ist ein erbitterter Straßenkampf, in dem die Rebellen einen großen Vorteil haben: In den schmalen Straßen sind die Panzer des Regimes kaum manövrierfähig. Am Nachmittag fliegen MIG-Kampfflugzeuge über Salahedine. Sie sinken aus der Höhe nach unten und feuern Maschinengewehrsalven auf das Viertel ab. Rauch steigt auf.

„Wir bekommen jeden Tag rund 50 Verletzte“, sagt Abdul Abdelrahman im Krankenhaus von Aleppo. „Die ernsthaften Fälle kommen in andere Krankenhäuser, die wir aus Sicherheitsgründen geheim halten.“ Tag und Nacht würde operiert werden, meint der 24-Jährige, der eigentlich studierter Tierarzt ist. „Ein großer Teil der ursprünglichen Belegschaft ist davongelaufen. Wir haben zu wenige Ärzte, deshalb muss ich aushelfen.“ Von der Realität des Bürgerkriegs sind viele Bewohner in den von der FSA besetzten Stadtteilen weit entfernt. Es gibt keine klare Frontlinie. Territorien der Armee und der Rebellen sind wie Puzzlestücke aneinandergeflickt. Oft muss man über Seitenstraßen fahren, um von einem FSA-Viertel ins nächste zu kommen.

Unerreichbarer Hauptplatz. Am Bab el-Hadid, einem Tor zur legendären Altstadt von Aleppo, ein Unesco-Weltkulturerbe, steht Abdulraschid Wache. Der 50-Jährige, der ein Geschäftsmann war, bevor er zur FSA ging, hat am Eingang Poster und einen Teppich mit dem Porträt von Bashar al-Assad auf das Steinpflaster gelegt. Abdulraschid freut sich über jeden, der auf das Gesicht des syrischen Präsidenten steigt. Nur viele Leute sind es nicht, die hier in der Altstadt gehen. Denn nach 300 Metern ist an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken. Scharfschützen der syrischen Armee sind auf der alten Zitadelle postiert. Abdulraschid ist trotz der unübersichtlichen Lage optimistisch. „Schon sehr bald sind wir auf dem Sadallah Dschibril-Platz“, behauptet er und meint damit den Hauptplatz im Stadtzentrum von Aleppo. Dort will der Geschäftsmann als Revolutionär Assads Sturz feiern. Der Ort des großen Traums liegt nur einen Kilometer entfernt, bisher nicht in Reichweite.

Kopftuchzwang für Frauen. Auf dem Dach der Kommandostelle der FSA weht eine schwarze Fahne, auf der steht: „Es gibt keinen Gott außer Gott.“ Es ist keine Fahne von al-Qaida, aber sie zeigt, dass man sich als islamistische Organisation versteht. Wie ernst es hier mit der Religion gemeint wird, zeigt sich, als eine französische Journalistin aufgefordert wird, sich ein Kopftuch umzubinden. Etwas, das in Syrien bisher nie eine Verpflichtung war. Am Spätnachmittag werden vier Frauen gebracht, die man verhaftete, weil sie als Prostituierte gearbeitet hätten.

„Nein, nein, radikale Gruppen gibt es unter uns nicht“, beteuert Rebellenkommandeur Hamadi. „Schon gar nicht al-Qaida und Kämpfer, die aus dem Ausland stammen.“ Das sei alles Propaganda des Assad-Regimes. „Bei den Rebellen kämpfen nur Syrer.“ Leider hat der Major nicht ganz recht. Der von den Rebellen eingenommene Grenzposten Bab el-Hauwa an der Grenze zur Türkei wird von Dschihadisten kontrolliert. Das Banner von al-Qaida wurde dort gesichtet. In einem nicht weit vom Übergang entfernt gelegenen Lager wurden holländische Journalisten mit verbundenen Augen eine Woche lang festgehalten. Bei einem Fluchtversuch schoss man sie an. Sie berichteten von radikalen Islamisten, die alle aus dem Ausland stammten.

Jassin und Mohammed wollen auf der Rückfahrt von Aleppo nichts davon hören. Unliebsame Themen, die der Revolution abträglich sein könnten, sind tabu. Erst nach einigen Kilometern bessert sich die Laune der Begleiter und sie werden wieder gesprächig. Als das Auto die Kaserne der syrischen Spezialtruppen in Miselmia passiert, verstummen sie angespannt. Jassin drückt aufs Gas.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)