Furcht und Zittern herrschte in der Medienwelt in dieser Woche bei großen Wochenzeitungen. Wer überwacht uns künftig im Netz? Und wer bestimmt, was wir überhaupt lesen dürfen?
Diese Randspalte neben wirklich wesentlichen Dingen schreibe ich eben auf einem in China produzierten Laptop im Waggon und hoffe, dass das von der Eisenbahngesellschaft zur Verfügung gestellte drahtlose Netzwerk, mit dem ich meinen Text zum Headquarter der „Presse“ schicke, auch ankommt. Zuvor habe ich auf einem ebenfalls in Fernost hergestellten kleinen E-Reader Zeitungen überflogen. Das Gerät weiß nicht nur genau, wo ich zu lesen aufgehört habe, es kennt auch meinen Geschmack, stellt mir täglich neue Lektüreangebote. Nicht nur die „Moscow Times“, sondern auch schon die aus Hindustan und Irland stehen jetzt in meinem virtuellen Regal. Der Weg zum elektronischen Kiosk ist komfortabel. Es genügen ein paar Klicks.
Aber die Informationsbeschaffung ist auch für die andere Seite bequem: Das Hamburger Wochenblatt „Die Zeit“ titelt diese Woche mit einem Alarm: „Wie Facebook, Google & Co. die Welt zensieren“. Der Generalverdacht: Eine Handvoll Tycoons der neuen Medien bestimmt unsere Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten. Das furchtbare Wort dahinter: der Große Bruder! Weil die Nutzer dieser Portale bequem und blauäugig seien, könnten die Besitzer der Suchmaschinen und auch Firmen wie Apple oder Amazon ihren Totalitarismus ausleben.
Um mich vor der offenbar wieder wachsenden Hysterie der Deutschen zu retten, schalte ich rüber zum „Economist“. Bei den Briten, denke ich, herrscht die Vernunft. Was aber steht dort im Leitartikel? „Who's afraid of Huawei?“ Nie gehört? Dieser chinesische Gigant der Telekommunikation hat soeben den schwedischen Konzern Ericsson als Weltmarktführer überholt – bei all dem elektronischen Zeug, das ohne Unterlass und überall bimmelt und blinkt, nachdem wir alle aber offenbar süchtig sind. Auch auf dem PC-Markt drängen die Chinesen an die Spitze: Lenovo macht HP den Spitzenplatz streitig. Grund genug für die britischen Meinungsmacher, auch ein wenig in Paranoia zu verfallen. Was, wenn Peking uns mit seiner Technologie auf diesen Kanälen ausspioniert? Das war doch bisher ein Privileg von James Bond und der CIA. Was, wenn es uns subtil zensiert, wie das in China – weniger subtil – längst schon der Brauch ist? Google & Co., gebt acht! Jetzt kommt die gelbe und rote Gefahr! Dankbar nehme ich die gedruckte Zeitung an, die mir der Schaffner der unverdächtigen Bahn offeriert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)