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Social Egg Freezing: Kinder aus der Kälte

Social Freezing Kinder Kaelte
(c) APA (W. FEICHTINGER)
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Manche preisen es als Utopie, für den heimischen Gesetzgeber ist es eher ein Schreckgespenst: Per Social Egg Freezing legen sich Frauen Eizellen für später zurück.

Es ist ein Dilemma, das enervierend oft und enervierend erfolglos diskutiert wurde: Bekommt eine Frau früh im Leben ein Kind, riskiert sie, im Job den Anschluss zu verlieren. Aber wartet sie mit der Familiengründung zu, bis sie sich nach langer Ausbildung im Beruf etabliert hat, riskiert sie, überhaupt nicht Mutter zu werden. Denn ab 35 Jahren sinkt die Fruchtbarkeit deutlich, ab 40 Jahren drastisch. Was also tun?

Seit einiger Zeit gibt es auf die alte Frage eine neue Antwort: Eizellen einfrieren. 30 Jahre nach der ersten erfolgreichen In-vitro-Fertilisation (IVF) in Österreich ist mit „Social Egg Freezing“ die künstliche Befruchtung nicht mehr nur eine Frage der medizinischen Not, sondern auch eine gesellschaftliche. Hier geht es nicht um Hilfe für unfruchtbare Frauen, sondern um gesunde, junge Frauen, die vorsorgen wollen – für den Zeitpunkt, an dem es mit dem Job und einem Vater in spe passt.

Für diese Idee gibt es durchaus prominente und kluge Stimmen. Im Sommer sorgte etwa Anne-Marie Slaughter für Aufregung. Die frühere Leiterin des Planungsstabs des US-Außenministeriums schrieb in „The Atlantic“ über ihren Ausstieg aus der Politik zugunsten ihrer Familie. In ihrem Artikel schlug sie „Social Egg Freezing“ als Option für Karrierefrauen vor. Schon länger ist Carl Djerassi als Proponent bekannt: Dass sich Frauen in ihren Zwanzigern einen Vorrat an tiefgekühlten Eizellen anlegen, ist für den Erfinder der Anti-Baby-Pille ein plausibles Zukunftsszenario. Auch Humangenetiker Markus Hengstschläger meint, dass die Idee „nicht als Science-Fiction abgetan werden kann. Sie beruht auf wissenschaftlichen Tatsachen, hier treffen sich medizinische und gesellschaftliche Gründe. Noch sind wir natürlich nicht dort.“

Aber bald? Der Kinderwunsch hat sich auch in Österreich zeitlich nach hinten verschoben. Zwischen den Jahren 2000 und 2011 ist die Geburtenrate bei Frauen um die 40 und darüber um satte 93 Prozent gestiegen. Generell sind österreichische Frauen bei ihrer ersten Geburt mit 28 Jahren um vier Jahre älter als noch Mitte der Achtziger (siehe auch Seite 24). Der Aufschub verringert jedoch die Chance auf Empfängnis, was Frauen bisweilen ausblenden: Eine Befragung der Statistik Austria von 2008 zeigt, dass 19 Prozent der 35- bis 39-Jährigen „ganz sicher“ noch ein Kind wollen, bei den 40- bis 45-Jährigen sind es immerhin zehn Prozent. Ältere Mütter in spe hoffen dann auf künstliche Befruchtung – oft vergeblich. Auch hier sinken im Alter die Chancen, dafür steigt die Gefahr genetischer Defekte. Mitschuld: die sich verschlechternde Qualität der Eizellen.

In Österreich verboten. Die Idee, junge Eizellen für später zu bunkern, lag also auf der Hand. Weil Eizellen aber empfindlicher als Spermien oder auch Embryos sind, war das bis vor zwei Jahren technisch nicht zufriedenstellend möglich. Es gelang erst mit einer Abkühltechnik, bei der die Zelle binnen eines Bruchteils von Sekunden bei minus 197 Grad glasartig erstarrt. Inzwischen sei wissenschaftlich weitgehend abgesichert, sagt Martin Swoboda, Gynäkologe in den Loimer-Kinderwunschkliniken, dass das Einfrieren die Qualität nicht mindere. Sprich: Die gefrorene und aufgetaute Zelle einer 25-Jährigen sei so gut wie eine frische, auch wenn die Schwangerschaft einer Mittzwanzigerin freilich anders verlaufe als die einer 40-Jährigen, der man ihre eigene junge Eizelle später einsetzt. Von der Schwangerschaft einer 50-Jährigen ganz zu schweigen. Bei diesem Alter wird aber, durch die Menopause bedingt, ohnehin meist die Grenze gezogen.

Swoboda gilt als Experte in Sachen „Egg Freezing“. Die Loimer-Kliniken haben dieses Service sogar kurzzeitig in Österreich angeboten, nach einem Rechtsgutachten aber eingestellt. Denn laut Gesetz dürfen Eizellen für eine IVF „nur entnommen und eingelagert werden, wenn die ernste Gefahr besteht, dass aufgrund eines körperlichen Leidens oder der Behandlung eines solchen, die Fortpflanzungsfähigkeit verloren geht“, sagt Jurist Helmut Ofner von der Uni Wien. Sprich: Wegen einer drohenden Chemotherapie kann man Eizellen einfrieren lassen, wegen bloßem Kinderwunsch-Verschieben nicht.

In Österreichs Nachbarländern hingegen ist „Social Egg Freezing“ erlaubt, auch die Loimer-Klinik bietet es in ihrem Institut in Tschechien an. Das Interesse ist aber überschaubar. Pro Monat melden sich etwa zehn Frauen, die viel gemeinsam haben: Sie sind gut gebildet – und spät dran. „Die Frauen, die kommen, sind zu alt, wir müssen sie fast abweisen“, sagt Swoboda. Für eine Eizellen-Entnahme sollte man optimalerweise jünger als 30 Jahre sein. Achtzig Prozent der Interessentinnen sind älter als 35. Vielleicht auch, weil man erst dann darüber nachdenkt bzw. sich die Prozedur leisten will: 3000 Euro fallen pro „Eizellen-Ernte“ an. Dabei werden der Frau nach hormoneller Stimulation in einem zehnminütigen Eingriff etwa zwölf Eizellen entnommen und eingefroren. Die spätere IVF kostet noch einmal 2500 Euro, die Lagerung 50 Euro pro Jahr. „Natürlich ist es für die Kliniken ein Geschäft“, sagt Swoboda. Er selbst sieht darin aber eine Alternative zur – in Österreich verbotenen und ethisch heiklen – Eizellenspende: „Da gäbe es massiven Bedarf.“

Test für Eierstock-Reserve. Dass Social Egg Freezing Mainstream wird, glaubt der Gynäkologe aber nicht. Maximal fünfzehn Prozent der Frauen im großstädtischen Raum würden das in zehn bis zwanzig Jahren machen. Und mehr sei ja auch gar nicht das Ziel. Denn auch, wenn Hengstschläger sagt: „Wir müssen akzeptieren, dass die Entkopplung der Beziehung, der Partnerschaft, des sexuellen Akts, des Beischlafes per se und der Fortpflanzung zunimmt“, so meint Swoboda, die Vorstellung, dass die Zeugung künftig ganz und gar künstlich werde, wäre „todtraurig“.

Den Vorwurf, dass die Medizin einer Gesellschaftsstruktur Vorschub leiste, die es Frauen schwer mache, im natürlichen Alter Kinder zu bekommen, weist er zurück: „Das ist so, als würde man sagen, die Ärzte, die die Pille verschreiben, sind schuld, dass junge Teenager miteinander schlafen.“ Überhaupt sei Social Egg Freezing nur als gezielte Ergänzung zu sehen. Das Problem derzeit sei, so der Gynäkologe, dass junge Frauen nicht wissen, wie es mit ihrer individuellen Fruchtbarkeit ab Mitte 30 weitergeht. Es gibt keine Tests. „Ich bin aber sicher, dass es in den nächsten fünf, zehn Jahren Routine wird, dass junge Frauen via Bluttest sehen, wie groß ihre Eierstock-Reserve ist.“ Und bei Bedarf einfrieren lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)