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Olympia: Jamaika, das Paradies für Sprintstars

(c) AP (Kirsty Wigglesworth)
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Jamaika produziert serienweise Superstars, auch bei Olympia in London dominieren Athleten der Karibikinsel. Die Nachwuchsarbeit ist beeindruckend, es gibt auch viele Vorbilder. Aber ein Verdacht läuft immer mit.

Jamaikas Sprinter sind wieder in aller Munde. Sie sind nicht zu stoppen, an ihnen führt bei den Laufbewerben über 100, 200 und 400 Meter bei den Sommerspielen in London kein Weg vorbei. Warum aber ist eine Karibikinsel, die für Reggae-Musik, Partys und Urlaubsflair geliebt wird, Quell der schnellsten Läufer der Welt? Würden Österreichs beste Leichtathleten ausschließlich aus Vorarlberg kommen, würde man sich ja womöglich die gleiche Frage stellen.

Selbst Shelly-Ann Fraser-Pryce, die am Samstag in 10,75 Sekunden ihren Olympia-Sieg über 100 Meter von Peking verteidigte, wusste darauf keine Antwort. Zumindest musste sie darüber länger nachdenken, als sie zuvor gelaufen war. Die 25-Jährige lächelte und meinte lapidar, „dass wir die besten Trainingsmöglichkeiten, Trainer und auch den größten Willen haben“. 80.000 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion hörten es und applaudierten. Eine stichhaltige Erklärung klingt anders.

Alle Kinder laufen – freiwillig

Der Ruf, die besten Sprinter der Welt hervorzubringen, wird allerdings seit vielen Jahren durch große Persönlichkeiten des Sports untermauert. Es sind klingende Namen wie Asafa Powell, Usain Bolt, Yohan Blake. So mancher erinnert sich auch an die in Jamaika geborenen Ben Johnson, Linford Christie oder Donovan Bailey. Oder Merlene Ottey. Bolt, der schnellste Mann der Welt, erklärte der „Presse“ beim Meeting im vergangenen Mai in Ostrau, Tschechien, dass „unsere Stärken im Kindersport beginnen. Wir haben die Champs in Kingston Town.“

Die „Champs“, das ist das Landesschulfinale, in dem sich Kinder messen, wohl beäugt von Scouts und Trainern. Die besten werden herausgefiltert, mit Stipendien versehen und in Klubs trainiert. Gibt es kein oder nur wenig Geld, wird improvisiert, Linien eben mit dem Rechen gezogen und Laufschuhe über die Lebensdauer der Sohle hinaus belastet. Es klingt simpel, und das ist es auch. Schule und Sport laufen in Jamaika unhinterfragt parallel. In Österreich ist das weiterhin unvorstellbar.

Auch übernehmen Typen wie Bolt unaufgefordert ihre Vorbildrollen, „wir pushen die Kids“, fügte er hinzu. „Wir wecken das Interesse am Sport. Es gibt so viele Bewerbe in der Leichtathletik, aber wir bündeln unsere Kräfte auf den Sprint. Das macht die ganze Karibik so.“ Bolt grinste und machte sich mit seinen 1,93 Metern noch ein Stückchen größer. Deshalb würden die „Kinder, die irgendwann Topstars werden, einfach aus dem nichts auftauchen. Wie Pilze.“ Andernorts bleibt so mancher für ewig ein „Schwammerl“.

Dass Stars wie Pilze aus dem Boden schießen, stimmt natürlich nicht ganz, doch die Veranlagung dazu ist in Jamaika vorhanden, und zwar die genetische. „Das und das Tempo“, sagte einmal Bolts Trainer Glen Mills, „kommen aus Afrika.“ Es sei auch der Haltung- und Biomechanik geschuldet, beteuert der Coach, doch die Dominanz im Sport sei durch die Vermischung der Bevölkerung zu erklären. Es ist die Evolution nach Sklaverei und spanischer wie britischer Kolonialisierung. In 2,83 Millionen Jamaikanern tummeln sich eben viele Gene . . .

Sport, der Weg aus der Armut

Mills sprach auch von anderen, von längeren Muskelfasern. Sie könnten des Rätsels Lösung sein, ja, da sei er sich sicher. Und noch etwas, da stimmte er Usain Bolt zu: Wichtig sei die Vorbildrolle, das Aufzeigen von Wegen aus Armut und Depression. Sport biete ein viel besseres Leben. So eines, wie es Yohan Blake gerade vorlebt. Der Weltmeister war in ärmlichen Verhältnissen in Montego Bay aufgewachsen. Jetzt trägt der Weltmeister Designerkleidung. Darum ist Jamaika auch tunlichst darauf bedacht, keinen seiner Stars auf eine US-Universität ziehen lassen zu müssen. Know-how und Persönlichkeit bleiben im eigenen Land. Sieger sollen die anderen nicht kaufen, sondern selbst formen.

Eine andere Erklärung für Jamaikas Laufwunder haben viele Dopingjäger. Es werde rigoros gedopt, verriet unlängst ein Kontrolleur, blieb aber stichhaltige Beweise schuldig. Alle Tests waren zuletzt immer negativ. Dass Blake 2009 mit einem Stimulanzmittel erwischt und für drei Monate gesperrt wurde, muss in diesem Zusammenhang erwähnt sein. Und: Dass Bolt seine Kraft angeblich allein aus dem Verzehr von Süßkartoffeln und Blake aus täglich 16 Bananen gewinnen will, ebenso. Solche Aussagen sind nicht gerade förderlich, um Diskussionen dieser Art und gezielte Verdächtigungen zu beenden.

Die Frage nach dem schnellsten Mann der Welt elektrisiert die Zuschauer weiter. Wer bei Olympia das 100-Meter-Finale gewinnt, genießt prompt Weltruhm. Dafür nimmt jeder Sportler Qualen, Training und alle Zweifel in Kauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)