Organspenden: Nicht auf Herz und Nieren geprüft

Symbolbild
(c) AP (Al Hartmann)

Der Skandal um manipulierte Krankendaten in Göttingen heizt in Deutschland eine politische Debatte an: Was läuft bei der Zuteilung gespendeter Organe falsch? Der Skandal zieht unterdessen weitere Kreise.

Berlin. Doktor O. brauchte ein gutes Timing. Dem Transplantationschirurgen wird vorgeworfen, in Göttingen die Blutproben von mindestens 25 Patienten vertauscht zu haben, damit sie in der Warteliste für eine Spenderleber nach oben rückten – auf Kosten anderer Bedürftiger. Um nicht aufzufallen, meldete er die vom Labor erfassten Daten als „Fehler“. Dann hatte er, bevor das System die falschen Daten löschte, zehn Minuten Zeit, um diese auszudrucken und an die Eurotransplant in Holland zu faxen. Sie ist die Vergabestelle für Organspenden in sieben europäischen Ländern – darunter Österreich. Zuvor dürfte der Arzt schon in Regensburg Daten manipuliert haben.

Für die Aufdeckung dieses Skandals hätte es kaum ein schlechteres Timing geben können. In Deutschland werden weit mehr Organe gebraucht als gespendet. Die Anzahl der Spender (nach Ableben) liegt mit 15 pro einer Million Einwohner unter EU-Schnitt und weit hinter Österreich (mit 24). Der Hauptgrund für die Unterschiede: In Österreich und vielen anderen EU-Staaten kann der Bürger eine Entnahme seiner Organe nach seinem Tod nur ausdrücklich ablehnen. In Deutschland aber muss er durch einen Spendeausweis ausdrücklich zustimmen. Es können zwar auch Hinterbliebene „im Sinne des Toten“ entscheiden – aber weil sie meist nicht wissen, wie ihm der Sinn stand, optieren sie oft aus Gründen der Pietät gegen eine Transplantation.

Der Fall zieht weitere Kreise

Diese „Zustimmungslösung“ steht kaum zur Diskussion. Stattdessen hat der Bundestag erst im Mai mit großer Mehrheit den sanften Druck erhöht: Die Krankenversicherungen fragen künftig immer wieder nach, ob ihre Kunden zu einer Organspende bereit sind. Doch der Skandal verstärkt die Skepsis. Es ist noch nicht geklärt, ob er unmittelbare Opfer forderte: Patienten, die gestorben sind, weil sie weiter nach hinten gereiht wurden. Doch dazu kommen indirekte Opfer, weil die Bereitschaft zum Spenden spürbar sinkt: „Was hier gemacht wurde, wird viele Menschen das Leben kosten“, fürchtet Wolfgang Zöller, der Patientenbeauftragte der Regierung.

Diese bedrückende Aussicht alarmiert Politiker und Ärztevertreter. An Vorschlägen mangelt es nicht, vom Vier-Augen-Prinzip bis zu Stichprobenkontrollen. Boni für eine hohe Zahl an Transplantationen werden als Gefahr erkannt. Nach Unregelmäßigkeiten sollen Ärzte nicht mehr operieren dürfen, die Approbation soll entzogen werden. Welche Maßnahme Erfolg verspricht, daran scheiden sich die Geister – wie auch an der Frage, wer künftig stärker kontrollieren soll: die Ärzte selbst mit ihren Standesvertretungen oder lieber der Staat. Sogar die Kriterien für die Warteliste sind nicht mehr in Stein gemeißelt. Bis jetzt wird vorn gereiht, wer dem Tode am nächsten ist oder die besseren Heilungschancen hat. Sollen künftig Jüngere, die „ihr Leben noch vor sich haben“, mehr Chancen bekommen? Eine ethisch höchst heikle Frage.

Für die Volksmeinung steht derweil längst fest: Die aufgedeckten Fälle sind nur die Spitze eines Eisberges. Tatsächlich zieht der Skandal weitere Kreise: In Göttingen wurde ein möglicher Komplize beurlaubt, in Regensburg der Chirurgiechef, der zumindest seine Aufsichtspflicht verletzt haben soll. Auffällig ist, dass just im Jahr nach dem Umzug des Hauptverdächtigen die Zahl der Transplantationen in Regensburg kräftig in die Höhe geschossen ist. Gab es also Mitwisser, die das Werk fortsetzten?

Unklar ist auch die Motivation. Die Staatsanwaltschaft untersucht auf Bestechung. War wie beim Organhandel Geld im Spiel? Die Begünstigten waren meist nicht sonderlich reich. Ärztekollegen vermuten deshalb eher ein übersteigertes Geltungsbedürfnis oder Allmachtsfantasien. Tatsächlich sehen gerade Patienten, die auf ein Spendeorgan warten, ihre Ärzte als Götter in Weiß. Und diese „Götter“ reihen dann das konkrete Mitleid mit einem Betroffenen vor ihr Unrechtsbewusstsein.

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