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„Stadtregion+“: Zentrale Probleme werden ausgeblendet

Der Entwurf Wiens, Niederösterreichs und des Burgenlands zur gemeinsamen Verkehrsplanung enttäuscht: Man war schon einmal weiter.

Erscheinungsformen von Prozessen in Stadtregionen beschäftigen Disziplinen seit Jahrzehnten, die Grenzen bleiben immer diffus. Koordinierte Planung über Verwaltungsgrenzen hinweg scheint wenig erfolgreich, vergleicht man deren ambitionierte Ziele mit der realen Entwicklung.

Die morphologischen und funktionalen Veränderungen in den Städten und ihrem Umland folgen anderen Mechanismen, als es die Planer oder die Politik wünschen. Aus der globalen Zunahme der Stadtbevölkerung auf eine Machtzunahme der Stadtverwaltungen zu schließen wäre ein Irrtum, das Gegenteil ist eher der Fall.

 

Erfolg durch Entschleunigung

Seit es das Auto als Massenverkehrsmittel gibt, ist die räumliche Freiheit der Einzelakteure weit größer als die Reichweite jeder Stadt- oder Kommunalverwaltung. Deren Hilflosigkeit nimmt mit der Geschwindigkeit des motorisierten Individualverkehrs zu. Der Erfolg Wiens liegt in der in den Siebzigerjahren eingeleiteten Entschleunigung und damit Kontrolle des Verkehrssystems durch Fußgeherzonen, Priorität für den öffentlichen Verkehr und Ansätzen, die Okkupation öffentlichen Raumes durch abgestellte Fahrzeuge zumindest einzuschränken.

In der Region um Wien findet man hingegen auch noch heute archaische Stadt- und Raumentwicklungszustände, wenn wie vor einem halben Jahrhundert weiterer Fahrbahnbau betrieben wird. Man will nicht wahrnehmen, dass Umfahrungen, an deren Knotenpunkten internationale Konzerne angesiedelt werden, die lokale Wirtschaft der Dörfer und diese selbst nachhaltig ruinieren.

Die nach dem Fall des Eisernen Vorhanges eingetretenen Wechselbeziehungen zwischen Wien und der Region Bratislava mit rund 700.000 Einwohnern, aber auch Györ und Brno reichen bereits tief in das, was man als Stadtregion Wien bezeichnet. In Kittsee siedeln sich heute wegen der niedrigeren Bodenpreise zunehmend Slowaken an, im Hainburger Bad tummeln sich an den Wochenenden schon mehr Slowaken als Österreicher, und die vollen Pendlerzüge und -busse zwischen Bratislava und Wien sind längst ein Teil des Nahverkehrs dieser Stadtregion. Projekte wie Centrope oder Twin-City beschäftigen sich damit, und man baut auch an gemeinsamen Planungsmodellen.

 

Gemeinsame Sichtweise?

So die Erwartungshaltung an eine Studie, die sich kryptisch „Stadtregion+“ nennt, ein „Bild“ zeichnet und eine „Perspektive“ vorgeben will.

„Damit die Stadtregion+ vom Wachstum profitieren kann, ist eine gemeinsame Sichtweise der EntscheidungsträgerInnen – über Länder- und Gemeindegrenzen hinweg – für eine koordinierte Steuerung der Entwicklung notwendig.“

Stimmt, wäre die gemeinsame Sichtweise auch die richtige? Mit Blick auf die Vergangenheit eine gewagte Annahme. Eingestreute Statements verschiedener Fachleute können diese Zweifel leider nicht entkräften und auch nicht die „Entdeckungsreise“, auf die man eingeladen wird, um die Stadtregion+ als einen Raum zu verstehen „...der so dicht in seinen räumlichen Qualitäten und Verflechtungen ist, dass regionale Zusammenarbeit fast schon eine logische Konsequenz sein muss“ und feststellt, das in den Grafiken weiterhin der Eiserne Vorhang die Grenze des Raumes bildet. Eine Stadtregion 1989-?.

 

Willkürliche Auswahl

Die Statistiken beschränken sich auf kommentarlose Zusammenstellungen aggregierter Daten, die Auflistung von Verkehrsnetzen, Gewässern, Parks bis zu Welterbestätten.

Verkehrsbeziehungen gibt es vor allem nur mit dem Westen, Norden oder Süden. Die Stadtregionen um Bratislava oder auch des benachbarten Ungarn tauchen nur am Rand weniger Grafiken auf.

Ein „Durchschnittsbürger“ der Stadtregion+ 2010 mag als Gag zwar lustig sein, ist aber ebenso informativ wie die Angabe einer „Durchschnittstemperatur“ für den Zustand einer Person, die mit einem Eisbeutel auf dem Kopf auf einer heißen Herdplatte sitzt. Denn die Dynamik einer Stadtregion resultiert nicht aus dem Durchschnitt, sondern aus den Unterschieden.

Denn was die Menschen bewegt, sind die spezifischen Unterschiede. Und diese sind in dem „Bilderbuch“ dieser Studie unübersehbar. Vielleicht war das „Bild der Stadtregion“ als Bilderbuch wörtlich gemeint?

Stadtregion+ und Europa werden durch eine willkürliche Auswahl europäischer Städte – Berlin, Budapest, Paris, Prag und London (Bratislava wird ausgeblendet, auch München) – durch Grafiken der verbauten Gebiete abgehandelt.

Die Planungskultur in der Stadtregion+ wird durch drei Bilder eindrücklich demonstriert: die Strategie Niederösterreichs, mit einem Autobahnring um Wien die Stadt einzuschnüren und auszubeuten, die Verteidigungsstrategie Wiens, dargestellt am räumlichen Leitbild einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung aus dem „Step 205“, und einem Ausschnitt aus dem Landesentwicklungsprogramm Burgenland (ohne Legende). Diese Bilder sagen mehr als tausend Worte. Umso weniger hingegen die unkommentierte Wiedergabe der Grafik verschiedener Kooperationsregionen von Centrope, bis hin zum Verkehrsverbund Ost.

 

Wenig originelle Schlüsse

In den „Visionen“ findet man Kommentare von Experten zu Themen von „Mut zur Vision“ bis zum hinterfragten „Wachstum um jeden Preis“. Übernommen wird die Prognose der Statistik Austria, man findet eine Grafik über die Baulandpreise für einfamilienhaustaugliche Grundstücke. Die Baulandreserven können die prognostizierten Einwohnerzuwächse rechnerisch bewältigen. Und die Schlussfolgerung, dass es nicht darauf ankommt, die Menge der zu erwartenden Bevölkerung aufzunehmen, sondern wie, ist wenig originell. Zentrale Probleme der Zukunft für jede Stadtregion, wie Peak Oil, Ressourcenverfügbarkeit sind ausgeblendet, ebenso wie eine fundierte Analyse der Ursachen für bisherige unerwünschte/ungeplante Entwicklungen.

 

Nur vage Ideen

Da war der Club of Vienna 2004 mit seiner Arbeit „Wien und seine Nachbarn“ schon weiter. Wer sich unter „Handlungsoption und Instrumente für eine Stadtregion+“ Konkretes erwartet, wird enttäuscht sein. Man findet allgemeine Ziele und Empfehlungen, und die „Steckbriefe“ sind so vage, dass man sich darunter vieles vorstellen kann.

Es ereignete und ereignet sich noch viel mehr in verschiedenen Bereichen und anderen Ländern als in der Synchronopse am Ende dargestellt, das für diese Stadtregion und ihre Perspektiven von Bedeutung war und ist. Das Ende hätte der Anfang sein müssen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)