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Hoffentlich raucht Eva Glawischnig nicht heimlich

Das Auto der Grünen-Chefin wurde beim eventuellen Schnellfahren gefilmt. Ein Grund für Spott. Aber auch für mehr?

Dumm gelaufen. Da gibt man sich so viel Mühe. Fährt Rad, Öko-Bus, Elektro-Auto. Beruhigt die Parteifundis, indem man verspricht, den CO2-Ausstoß mit Zahlungen an Klimaschutzprojekte zu kompensieren. Und dann das: „Grünen-Chefin als Auto-Raserin“ titelte die U-Bahn-Zeitung „Heute“ auf ihrem Dienstag-Cover. Mit 160 km/h soll die Grünen-Chefin respektive ihr Chauffeur im Elektro-Auto bei ihrer Österreich-Sommertour unterwegs gewesen sein. Der banale Grund: Die Chefin war wegen Staus spät dran.

Zu verdanken hat man die Information einem verwackelten Autobahn-Handy-Video, das ein angeblich FPÖ-naher User auf YouTube stellte und das umgehend zu einer Aussendung der Wiener FPÖ führte. Ein kleines Twitter-Witz-Gewitter – Stichwort: #cannonballevi – folgte: Vielleicht habe die Grünen-Chefin ja nur beweisen wollen, wie schnell Elektro-Autos seien? Die Grünen sahen sich letztlich gezwungen zu kontern: Die 160 km/h seien unwahr, nicht zuletzt weil der Opel Ampera maximal 161 km/h schaffe. Jedoch: „Geringfügige Geschwindigkeitsüberschreitungen“ seien nicht auszuschließen. Soll heißen: Kann schon sein, dass man zu schnell war.

Tja. Eine Partei, die in Wien ein nächtliches Tempolimit von 30 km/h gefordert hat und mit Lust an Verboten (Zigarettenautomaten) aufgefallen ist, hat da Spott verdient. Einerseits. Andererseits darf man sich – ohne Zu-schnell-Fahren verharmlosen zu wollen – schon fragen, ob eine unbewiesene Geschwindigkeitsüberschreitung zu Schlagzeilen führen muss. So viel Sommer ist in der Innenpolitik auch wieder nicht. Und wo führt das eigentlich hin? Werden künftig Nationalratsabgeordnete gefilmt, wenn sie bei Rot über die Straße gehen? Und was passiert dann? Muss ein Stadtrat zurücktreten, wenn eine Handykamera festhält, dass er den Hundekot nicht per Sackerl entsorgt? In einer Zeit, wo alle nach „mehr Anstand“ rufen, die Parteien Ethik-Räte gründen und „hundertprozentige Sauberkeit“ versprechen, scheint sich die Grenze zu verschieben. Wo, zwischen alles verniedlichender österreichischer Schlampigkeit und unerbittlichem „wer im Kleinen sündigt, sündigt auch im Großen“, ist sie zu ziehen? Dass Politiker Vorbilder seien, glaubt zwar keiner mehr, aber Fehler dürfen sie sich auch keine leisten, oder richtiger: sich nicht beweisen lassen. Irgendwie hat man den Verdacht: Je schwerer und komplexer die Vorwürfe im Großen werden, desto lieber unterhält man sich mit plakativen Fehltritten im Kleinen. Man kann für Eva Glawischnig nur hoffen, dass sie nicht heimlich raucht.

 

E-Mails an: ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)