Angela Merkels Faible für Sankt Paulus und „Jenseits von Afrika“

Was fragt man eine deutsche Bundeskanzlerin? 37 Prominente haben versucht, sie aus der Reserve zu locken. Wie zu erwarten mit bescheidenem Erfolg.

Wie tickt die Frau, die sie die mächtigste Frau der Welt nennen?“, wurde umständlich in der Süddeutschen Zeitung gefragt. Gemeint war die Sphinx aus der Uckermark, Angela Merkel. Die Zeitung, die sie die einflussreichste Zeitung im Großraum München nennen, räumte am Freitag siebzehn Seiten in ihrem Magazin frei, um mit 37 Fragen die letzten Geheimnisse der ersten christdemokratischen deutschen Bundeskanzlerin zu lüften.

Der Ansatz dazu ist interessant: Nicht die üblichen Journalisten waren inquisitorisch, sondern 37 prominente Deutsche hatten jeweils einen Schuss frei. Das Ergebnis war vorhersehbar. Wer die spöttische Skepsis in Merkels Gesicht auf dem Porträt des Titelblatts sah, hatte es längst vermutet. „Sollen sie doch kommen, die Berben, der Wickert, der Lahm und die Schwarzer“, schien die Bundeskanzlerin mit ihrer Augenpartie und ihren Mundwinkeln zu sagen, „alles im Griff, lauter Amateure.“

Im Gegengift, das die Dame seit King Kohls Zeiten still verehrt, weiß man, wie schwierig es ist, politischen Menschen, wenn die dazu auch noch gemeinerweise blitzgescheit sind, Statements zu entlocken, die sie nicht sagen wollen. Im Vergleich dazu ist es sogar ein Kinderspiel, von Kärntner Regierungsmitgliedern eine sowohl grammatikalisch als auch ethisch einwandfreie Antwort zu erhalten. Das Dilemma bei seriösen Interviews: Will man als Redakteur gescheit sein, geht es einem vielleicht wie einst Franz Kreuzer in an sich glanzvollen nächtlichen Gesprächen im ORF. Die Frage zieht sich über zehn Schachtelsätze, sieben Zitate und fünf Anspielungen, aber der Nobelpreisträger sagte darauf einfach nur: „Ja.“ Oder, schlimmer noch: „Nein!“

Andererseits will man ja nicht immer nur der Hopf sein und allzu naiv wirken. Die SZ hat dieses Dilemma durch Delegieren gelöst. Zufrieden stellen wir hier fest: Die tun sich auch schwer. Bis auf wenige Ausnahmen wurde Frau Merkel nicht gefordert. Sie konnte ungefährdet ihre Antwortmodule variieren. Hat sie als Kind „Mickey Mouse“-Heftchen gelesen? ...Welches Doppelleben würde sie führen? ... Haben Sie einen Witz auf Lager? Die subpolaren Antworten: „Kein Thema.“ „Keine Zeit.“ „Ja, immer.“

Das hätten wir auch zusammengebracht. Einer aber lockte was raus. Mein persönlicher Favorit bei diesem Interview ist Jonas Kaufmann mit der Doppelfrage: „Wie lautet ihr Konfirmandenspruch? Und bedeutet er Ihnen heute noch etwas?“ Merkel wusste noch genau, was Paulus einst den multikulturellen Korinthern verraten hat: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, am größten aber ist die Liebe.“ Nachsatz: „Er leitet mich im Umgang mit den Menschen, denen ich begegne.“ Große Oper für die Liebenden! Da sage noch einer, Tenören fehle die Raffinesse.

Ihr Lieblingsfilm ist derzeit übrigens „Jenseits von Afrika...“ Kino total! David Kross hat brutal danach gefragt. Und Merkel musste vorsichtig ergänzen: „...aber das wechselt“.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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