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Die Stärke der Sehnsucht

Anpassen oder im Exil bleiben? Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Joaquín Mbomio Bacheng über den Fluch des Erdöls, die Rolle Frankreichs in Westafrika, das Elend der Diktatur und die Konstruktion von Identität in Äquatorialguinea.

Erich Hackl: Dem wirtschaftlichen Einheitsdenken nach müsste es sich bei Äquatorialguinea eigentlich um einen Musterstaat handeln: Es weist das gleiche Bruttonationalprodukt pro Kopf wie Dänemark auf und ist seit der Zerschlagung Libyens das Land mit der geringsten Staatsverschuldung.

Joaquín Mbomio Bacheng:Leider halten diese Zahlen aus der Buchhaltung der Experten den sozialen Verhältnissen Äquatorialguineas nicht im Geringsten stand. Ein einfaches Beispiel: In der Hauptstadt Malabo gibt es nicht genug Trinkwasser. Wäre es vorhanden, wie noch zu Zeiten des spanischen Kolonialismus, würde sich die Zahl der Krankheitsfälle um die Hälfte verringern. Äquatorialguinea ist das viertgrößte Erdölförderland Afrikas, meldet aber täglich Stromausfälle. Es hat infolge der Öl- und Gasgewinnung einen Handelsüberschuss, doch die Einnahmen fließen in die Taschen des Präsidenten Teodoro Obiang und seiner Familie. Überhaupt ist das Land sein Privatbesitz. Wer sich ihm nicht unterwirft, schwebt in Lebensgefahr. Das ist die Realität. Fast alle Künstler und Intellektuellen leben im Exil. Zu den Exilierten zähle ich auch die vielen Tausend Frauen, die vor dem Elend geflohen sind und sich nun in Europa prostituieren. Sie sind nach dem Erdöl das größte Exportgut Guineas.

Gibt es Anzeichen dafür, dass sich die Situation verändern könnte?

Kurzfristig auf keinen Fall. Unser Fluch ist, abgesehen vom Ölvorkommen, die strategisch wichtige Lage im Golf von Guinea. Das ist das reiche Afrika. Nicht die Wüste, auch nicht die Savanne. Es gibt eine dichte Vegetation. Erdöl, Meer, also Fischfang, Wälder mit Edelhölzern, Kaffee. Dazu eine Bevölkerungsstruktur, die fremden Interessen förderlich ist. Die Äquatorialguineer sind zum Großteil Christen und den Umgang mit Europäern gewohnt. Obiangs Regime wird von den drei hegemonialen Mächten der Region gestützt: Frankreich, USA, Spanien. Vor allem von Frankreich, das über seine ehemaligen Kolonien Kamerun und Gabun, unsere Nachbarländer, hier stark verankert ist. Die USA sind durch ihre Ölfirmen präsent. Und diese beiden Mächten sind am Status quo interessiert. Sie wollen keine demokratischen Verhältnisse, unter denen die Profitraten ihrer Unternehmen sinken könnten.

Ihrer Meinung nach ist die französische Politik noch schädlicher als die der Vereinigten Staaten?

In Afrika ist sie kriminell. Frankreich hat Streitkräfte in der Elfenbeinküste, in Gabun, es hält Kamerun im Griff, es unterhält Stützpunkte im Tschad, in Zentralafrika. Was in Gabun oder Kamerun passiert, wird in Frankreich ausgekocht. Und Äquatorialguinea liegt mittendrin. Ein korrupter Herrscher ist für Frankreich bequemer als Politiker, die das Land demokratisieren wollen. Obiangs Botschaft an die ausländischen Mächte lautet: Ihr könnt euch alles nehmen, was ihr wollt, solange ihr mir von euren Profiten so viel abgebt, dass ich und meine Familie in Saus und Braus leben können. Das ist das Übereinkommen, und deshalb war die Regierung in Malabo auch so überrascht, als in Frankreich ein Haftbefehl gegen den unlängst zum Vizepräsidenten beförderten Präsidentensohn erlassen wurde.

Wie deuten Sie dann diesen Haftbefehl und die Beschlagnahme der Besitztümer der Präsidentenfamilie? Als Richtungswechsel der französischen Afrikapolitik, oder als Indiz für die Unabhängigkeit der Justiz gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Interessen?

Als Sarkozy den Befehl gab, Libyen zu bombardieren, war Obiang gerade Vorsitzender der Afrikanischen Union und verurteilte in dieser Eigenschaft die Aggression Frankreichs. Sarkozy hat das als Angriff auf seine Person verstanden und sich daraufhin das Dossier der mit Schwarzgeld erworbenen Besitzungen der Familie Obiang vorgenommen.

Glauben Sie, dass die neue Regierung unter François Hollande der Beachtung der Menschenrechte am Golf von Guinea größeres Augenmerk schenken wird?

Kaum. Wir haben ja das Beispiel Spanien. Ich denke an die Chilenen und Argentinier, die vor den Militärdiktaturen ihrer Länder geflüchtet waren. Sie setzten sich seinerzeit für den Wahlsieg Mitterands, für den von Felipe González ein, in der Hoffnung, diese würden dann die Demokratisierung in Lateinamerika unterstützen. Bis zu einem gewissen Grad ist das geschehen, und das war auch unsere Hoffnung: dass die sozialistischen Regierungen in Europa der demokratischen Opposition Äquatorialguineas beistehen würden. Aber davon war keine Rede. Schlimmer noch, in den Jahren der sozialistischen Alleinregierungen Spaniens, unter González und Rodríguez Zapatero, fühlten wir uns besonders alleingelassen.

Sie sind in Ihrer Heimat zweimal verfolgt worden, unter dem früheren und unter dem jetzigen Präsidenten.

Unter dem früheren wurde ich verhaftet. Das war 1978, ich war damals 22 Jahre alt und Student der Lehrerbildungsanstalt in Bata. Man beschuldigte mich, ein alumno traidor zu sein, also Hochverrat begangen zu haben. Dass ich Informationen über Greueltaten des Regimes, die bei „revolutionären Zusammenkünften“ gesammelt worden seien, ins Ausland weitergegeben hätte. Ich wurde für drei Monate in das Gefängnis von Black Beach, auf der Insel Bioko, gesteckt, dann zur lebenslangen Zwangsarbeit auf eine Kakaoplantage verbracht. Im Jahr darauf kam es zum Putsch, Obiang ließ seinen Onkel Macías hinrichten und verkündete eine Amnestie für alle politischen Gefangenen. Ich bewarb mich um ein Auslandsstipendium, erhielt es und studierte in Lyon Publizistik. 1988 kehrte ich nach Äquatorialguinea zurück und arbeitete als Korrespondent für Agence France Press. In dieser Eigenschaft wurde ich zweimal festgenommen. Nach der zweiten Verhaftung empfahl mir mein Vorgesetzter, das Land umgehend zu verlassen. 1990 suchte ich in Frankreich um politisches Asyl an. Ich bin seither nicht wieder zurückgekehrt.

Wie stark ist die Sehnsucht?

Nicht stärker als mein Verstand. Natürlich will meine Familie, dass ich zurückkehre, andererseits ist es ihnen lieber, dass ich in Europa bleibe. Schließlich habe ich einiges geschrieben, was dem Regime nicht gefällt, und wer zurückgeht, muss sich mit der Regierung arrangieren. Er muss als Erstes der Regierungspartei Partido Democrático de Guinea Ecuatorial beitreten. Sonst schikanieren sie einen nach Belieben. Eine andere Perspektive gibt es nicht. Viele Exilierte sind in den letzten Jahren aus Verzweiflung zurückgekehrt, weil sie gesehen haben, die Dinge werden sich in absehbarer Zeit nicht ändern. Wozu also noch länger in der Opposition sein. Außerdem gibt es für die Äquatorialguineer praktisch keine Arbeit. Auf den Öltürmen vor der Küste arbeiten Ausländer. Und für die anderen Tätigkeiten hat die Familie Obiang Philippiner ins Land geholt, die keine sozialen Rechte besitzen. Es gibt keine Gewerkschaften, keine unabhängigen Gerichte, keine auch nur halbwegs ausgestatteten Spitäler oder Krankenposten.

Wie sind Sie zur Literatur gekommen?

Durch das Schreiben von Gedichten, wie die meisten jungen Leute. Als 20-Jähriger gründete ich mit ein paar Freunden an der Lehrerbildungsanstalt eine Zeitung. Möglich, dass das der Grund für meine Verhaftung war. In Frankreich machte ich weiter und veröffentlichte 1986 meinen ersten Roman.

Gab es eine literarische Tradition, an die Sie anknüpfen konnten?

In Äquatorialguinea ist die spanische Kultur sehr gegenwärtig. Die meisten sehen, infolge der schrecklichen Erfahrungen seit der Unabhängigkeit 1968, die Kolonialzeit in einem rosigen Licht. Und ganz automatisch nahm ich mir spanische Schriftsteller zu Vorbildern.

Einheimische Autoren spielten für Sie keine Rolle?

Erst auf Umwegen. Es waren andere afrikanische Schriftsteller, die mir Wege gezeigt haben, wie man die Realität des eigenen Landes darstellen kann. Ferdinand Oyono aus Kamerun zum Beispiel, oder der Guineer Laye Camara. In Äquatorialguinea orientieren wir uns nach Spanien. Die Afrikaner entdecken wir erst, wenn wir im Ausland sind.

Trotzdem lässt sich behaupten, dass die Werke der äquatorialguineischen Autoren Gemeinsamkeiten aufweisen. Sie haben immer wieder auf den mündlichen Gestus als Merkmal ihrer Literatur hingewiesen.

Er ist nach wie vor prägend. Was man in Guinea schreibt, ist in erster Linie das Ergebnis dessen, was man erzählt bekommt. Das Leben eines Afrikaners besteht aus Erzählen. In jedem Dorf gibt es ein Haus des Wortes, in dem die Leute nach der Arbeit zusammenkommen, um einander Geschichten zu erzählen.

Das bedeutet dann aber auch, dass die Literatur Äquatorialguineas sehr viel mit Übersetzen zu tun hat, denn das mündliche Erzählen erfolgt vermutlich in einer einheimischen Sprache, auf Fang, Bube, Benga und so weiter.

Ja, man könnte sagen, unsere Literatur ist die spanische Verschriftlichung dessen, was in einer afrikanischen Sprache gesagt worden ist. Natürlich gibt es auch junge Autoren von ganz anderer Prägung, die in Europa aufgewachsen sind. Aber die erste Generation, und die meisten der folgenden, hat dieses Merkmal des Gesprochenen. „Ekomo“, ein Roman von María Nsué, handelt davon, was eine Frau in einem Dorf erlebt. Er ist in einem mündlichen, also repetitiven Duktus gehalten, so wie die Realität Afrikas repetitiv ist. Ein Mädchen, das heiratet, das seine Mitgift erhält. Ein Kind, dessen Taufe wie eine Initiation gefeiert wird. Darüber schreibt ein Autor, aber er muss aufgeweckt genug sein, um sich nicht mit dem Beobachten des Dorfalltags zu begnügen.

Vor allem nicht, wenn er sich angesichts der sozialen und politischen Umstände auch verantwortlich fühlt für das, was in seinem Land vor sich geht.

Ich vertrete die Auffassung, dass unsere Literatur eigenständig ist. Sie ist weder die kamerunische noch die gabunische, noch die spanische Literatur, sondern die eines Landes namens Äquatorialguinea. Im Übrigen beansprucht sie wie jede Literatur universelle Gültigkeit, öffnet sich also auch Lesern ganz unterschiedlicher Kulturen. Ich habe dieses Bewusstsein: dass ich Teil derer bin, die die kulturelle Identität des Landes erschaffen. Das bedeutet nicht, anders zu sein als die anderen, sondern etwas zu haben, was man den anderen geben kann. Weil sie uns etwas geben, was wir nicht haben. Aber um eine Gabe annehmen zu können, muss man wissen, was man hat. Man braucht ein intellektuelles Werkzeug, mit dem man einige Identitätsmerkmale schaffen kann, für ein Volk, das sie benötigt. Wir sind Äquatorialguineer. Wir verfügen über unser afrikanisches Vermögen und über die Modernität, die uns Europa gebracht hat. Aus dieser Interkulturalität und Interaktivität wollen wir unsere Identität zimmern. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)