Christopher Frei hat nur mit Einsatz von Kugelschreiber, Papier und Gehirn erstmals eine mathematische Frage beantwortet, die bis dato ungelöst war.
Die Arbeit des Mathematikers ist wie ein Krimi. „Man versucht mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, Dinge zu beweisen“, sagt Christopher Frei, der heuer als einziger Sub-Auspiciis-Absolvent der TU Graz vom Bundespräsidenten geehrt wurde. Die Mittel zur Lösung eines Problems sind in der Mathematik „rein logische Schlüsse und Sätze, die schon Leute vor einem bewiesen haben“.
Frei wollte in seiner Dissertation (TU Graz, Mathematik, Betreuer Robert Tichy) eine Frage lösen, die vor einigen Jahren angesehene internationale Mathematiker als ungeklärte Frage veröffentlicht haben. „Es wäre zu kompliziert, die Frage hier zu erklären, da sie in einer komplett anderen Sprache formuliert ist“, so Frei. Er hat die Sprache, nämlich die der „abstrakten Algebra“, im dritten Semester an der Uni gelernt. Für die Dissertation hat er sich somit – wie schon bei der Diplomarbeit – in das Gebiet der Zahlentheorie vertieft. „Dass ich die Frage schließlich lösen konnte, war nicht das Ziel zu Beginn der Dissertation. Es war eventuell auch Glück dabei.“
Seine Arbeit besteht jedenfalls nicht aus Computer-Rechnerei, sondern Frei sitzt mit Kugelschreiber und Papier am Schreibtisch oder notiert seine Formeln und Lösungsansätze mit Kreide auf die Tafel. Doch die Probleme, die er dabei löst, haben im weiten Sinne doch mit Computern und moderner Technik zu tun, da das Gebiet der Zahlentheorie auch für Datensicherheit und Kryptografie große Wichtigkeit hat. Zur Lösung des Krimis nutzte Frei sogenannte „Analogien“: „Die Zahlentheorie und die algebraische Geometrie sind verschiedene mathematische Teilgebiete, die aber eng verbunden sind“. In der Zahlentheorie arbeiten Mathematiker mit Zahlkörpern, in der algebraischen Geometrie mit Funktionenkörpern. Das Spannende ist, eine Frage, die in der Zahlentheorie unlösbar scheint, in die algebraische Geometrie zu übersetzen und sie in der neuen Sprache zu lösen.
„Im Funktionenkörper-Fall sind Strukturen klarer, dort ist es mir gelungen, die Frage zu lösen“, erläutert Frei. Dann musste er die Funktionenkörper-Lösung noch zurück in die „Originalsprache“ bringen. „Dass auch das gelungen ist und ich die ungeklärte Frage vollständig beantworten konnte, hat alle meine Ziele übertroffen“, sagt Frei, der nun von Graz nach München gezogen ist: als Assistent am Mathematischen Institut an der Ludwig-Maximilians-Universität.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)