Wenn Martina Taig durch Wien spaziert, ist sie stets auf der Suche nach neuen Plätzen für Kunst im öffentlichen Raum. Ein Cityguide mit der Kör-Geschäftsführerin.
Spazierengehen gehört bei Martina Taig zum Job. Immerhin ist der öffentliche Raum genau genommen ihre Arbeitsstätte. Wobei, zu sehen ist sie dort nur zu Recherchezwecken – oder um am Ende eines Projekts die Arbeit zu betrachten. Dazwischen sitzt die Kulturvermittlerin dann doch in einem Büro. Seit Februar als Geschäftsführerin in jenem der Kör, der städtischen Stelle, die sich in Wien um die Kunst im öffentlichen Raum kümmert. Seit 2004 übrigens an insgesamt 113 Plätzen.
Martina Taig hat aber auch privat ein Faible für jene Teile der Stadt, in denen etwas im Entstehen ist. Einer dieser Orte ist für sie der zehnte Wiener Gemeindebezirk. Taig lebt seit ein paar Monaten in Favoriten. Den dort ansässigen Victor-Adler-Markt hat sie aber schon zuvor, als sie noch im Vierten wohnte, regelmäßig besucht.
Gegen den Naschmarkt, dem Treffpunkt jener Menschen mit Hang zur Selbstdarstellung, hat Taig eigentlich nichts. Sie kann nur nicht viel damit anfangen. „Der Victor-Adler-Markt ist lebendig, bunt. So wie auch der Bezirk selbst“, sagt sie, während sie fast von einer Marktfrau übertönt wird, die lauthals „vier Bund Petersil um an Euro“ anbietet. Vor allem samstags, wenn sich zum Gemüsemarkt noch ein Bauernmarkt gesellt, macht Taig dort gerne ihre privaten Einkäufe.
Passanten als Publikum. Wobei, so ganz privat ist sie dabei eigentlich nie. Denn die Ideen, an welchen Orten in der Stadt sich Kunstinstallationen gut machen würden, halten sich nicht an Bürozeiten. Im Zehnten hat sie auch schon ein paar Plätze ausgemacht, denen Kunst gut stehen würde. Zum Beispiel das Gebiet rund um den neuen Hauptbahnhof. „Es ist spannend zu sehen, wie zwei neue Bezirksteile entstehen. Natürlich gibt es da von der Kör Ideen und Wünsche, etwas zu machen. Derzeit werden Gespräche mit den ÖBB geführt“, sagt die gebürtige Deutsche, die seit 2004 in Wien lebt.
Um eben dieses Stadtentwicklungsgebiet genauer unter die Lupe zu nehmen, nutzt sie gerne den „Bahnorama“-Turm, der auf 40 Metern Höhe eine Aussichtsplattform bietet. „Da soll ja das Finanz- und Dienstleistungszentrum Quartier Belvedere und das Sonnwendviertel mit Wohnungen, Bildungscampus und Parks entstehen. Das interessiert mich besonders.“
Wohl auch deshalb, weil sich so ein neues Viertel für öffentlich zugängliche Kunst anbietet. Taig schätzt an ihrer Arbeit, dass sie damit ein breites Publikum ansprechen kann. „Wenn man in ein Museum geht, hat man ja schon eine gewisse Erwartungshaltung, die dann erfüllt wird oder eben nicht.“ Bei der Kunst im öffentlichen Raum fällt genau das weg. Die Passanten gehen einfach vorbei. Im Idealfall bleiben sie stehen und denken nach. „Für mich hat man dann etwas erreicht, wenn sich die Leute nicht nur denken, gefällt mir oder nicht, sondern zum Nachdenken anfangen.“
Kunst statt Vandalismus. Als Methode, einen Platz aufzuwerten, will Taig Kunst im öffentlichen Raum nicht verstanden wissen. Zumindest nicht nur. „Am liebsten ist es uns, wenn wir in den Stadtentwicklungsprozess eingebunden werden. Dann hat man viel mehr Möglichkeiten. Leider werden wir aber oft erst dann eingebunden, wenn der Ort schon ein Problem hat“, sagt Taig. Dass aber selbst das ganz gut klappen kann, macht für sie das Beispiel Karlsplatz-Passage deutlich. „Man weiß, dass dort, wo Kunstwerke sind, der Vandalismus zurückgeht.“
Privat schätzt sie neben Märkten oder Bahnhöfen aber auch ruhigere, grünere Orte, wie den Volksgarten oder die Alte Donau. Ersterer hat mit dem Theseustempel aber doch auch eine berufliche Komponente. „Man nimmt es heute nicht als solches war, aber das ist auch Kunst im öffentlichen Raum.“ Die Alte Donau ist dann aber wirklich privat. Dort spannt sie gerne im Gastgarten der Ufertaverne aus. Oder aber am Laaer Berg. „Ich spaziere gerne im Wald und gehe in den Böhmischen Prater.“ Der wiederum ist ja irgendwie auch ein Kunstwerk für sich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)