Das Umweltministerium unterstützt die Idee einer Naturgefahrenkommission nach Vorbild des Lawinenwarndienstes, will sich aber nicht finanziell daran beteiligen. Tirol ist das egal, der Steiermark nicht.
Wien. Nach den teilweise verheerenden Murenabgängen der vergangenen Wochen in weiten Teilen Österreichs fordert der Chef der Tiroler Wildbach- und Lawinenverbauung, Siegfried Sauermoser, die Einrichtung eines „Murenwarndienstes“. Das „Warnungspotenzial“ müsse besser genutzt werden – mit einer Warnzentrale für Hochwasser, ähnlich der Lawinenwarnzentrale im Winter, sagte er der „Tiroler Tageszeitung“.
Robert Riemelmoser, im Umweltministerium Verbindungsmann für die Lawinen- und Wildbachverbauung, „begrüßt“ den Vorstoß seines Kollegen. „Eine Kommission nach dem Modell des Lawinenwarndienstes einzurichten, halte ich für eine sehr gute Idee“, sagt Riemelmoser im Gespräch mit der „Presse“. „Wenn die bereits bestehenden Interventionspläne und die Kooperation der eingebundenen Fachleute wie etwa Meteorologen und Geologen formalisiert werden, hätte das Kind endlich einen Namen und die Schutzmaßnahmen könnten optimiert werden.“
Die Initiative müsse aber von den Ländern kommen. „Wir haben hier leider keine Befugnis, Katastrophenschutz ist Ländersache.“ Derzeit sind die Bürgermeister bzw. Bezirkshauptleute für die Bewertung einer Gefahrensituation zuständig und verlassen sich zumeist auf die Erfahrung ihrer Feuerwehrkommandanten.
Vorbereitung für runden Tisch
Bei den Ländern rennt man mit dem Vorschlag einer Naturgefahrenkommission offene Türen ein. Der zuständige Tiroler Landesrat Anton Steixner (VP) will Sauermosers Anregung zum Anlass nehmen, „um in den kommenden Wochen einen runden Tisch mit allen infrage kommenden Organisationen einzuberufen und darüber zu sprechen, wie man die technischen Möglichkeiten, Murenabgänge noch früher vorherzusehen, professioneller nutzen kann“.
Die Feuerwehren müssten darauf sensibilisiert werden, im Ernstfall nach Absprache mit den Bürgermeistern Sofortmaßnahmen zu ergreifen und beispielsweise einen Bagger aufzustellen, um die Entstehung einer Schlammlawine zu verhindern. „Die Katastrophenpläne, die es schon gibt, müssen aktiver gelebt werden“, so Steixner, der auch Landeshauptmann-Stellvertreter ist. „An den Kosten soll es nicht liegen, die übernehmen wir gerne und erwarten keine Unterstützung vom Bund.“
In anderen Ländern wie etwa der Steiermark stellt sich die Frage nach der Finanzierung sehr wohl. „Wir können uns grundsätzlich mit jeder Maßnahme anfreunden, die dem Schutz der Bevölkerung dient“, sagt Kurt Kalcher, Leiter des steirischen Katastrophenschutzes. „Allerdings wäre ein solcher Warndienst mit wesentlichen Kosten verbunden.“ Schließlich hätten die Ereignisse der letzten Wochen deutlich gezeigt, dass in Sachen Schutz vor Hochwasser und Murenabgängen ganz neue Maßnahmen zu ergreifen seien. „Daher bedarf die Kostenfrage einer eindeutigen Klärung, bevor ein solches Projekt in Angriff genommen werden kann.“
Finanzielle Hilfe vom Bund können sich die Länder jedenfalls nicht erwarten. Umweltminister Nikolaus Berlakovich (VP) will zwar „die Einrichtung eines Naturgefahrenwarndienstes nach dem Muster der Lawinenwarndienste unterstützen“, aber: „Eine finanzielle Beteiligung des Bundes ist nicht vorgesehen.“
Auf „Presse“-Anfrage ließ Berlakovich ausrichten, dass sich der Bund „wie auch bei den Lawinenwarndiensten mit Fachwissen und mit Fachleuten einbringen würde, ohne dass den Ländern bzw. Gemeinden dadurch Kosten entstehen“. Die aktuellen Unwetterschäden, heißt es aus dem Umweltministerium, hätten jedenfalls deutlich die Notwendigkeit klarer Katastrophenpläne und Organisationsstrukturen gezeigt.
Wiederaufbau im Rekordtempo
Im von einem schweren Murenabgang am 21.Juli betroffenen obersteirischen Ort St. Lorenzen im Paltental läuft unterdessen der Wiederaufbau auf Hochtouren. Die Evakuierungen wurden aufgehoben, 270 seither bei Verwandten und Bekannten untergebrachte Bewohner sind wieder in ihre Häuser zurückgekehrt.
Am vergangenen Montag hat auch die Errichtung der neuen Schutzbauten für den Lorenzen- und Schwarzenbach begonnen. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 8,3 Millionen Euro, die sich Bund und Land teilen. Eingesetzt werden unter anderem Wildholzrechen und sogenannte Geschiebesperren – dabei handelt es sich um Stauanlagen, die die Fließgeschwindigkeit vermindern und Geröll zurückhalten sollen.
Dass dieses Tempo möglich wurde – unmittelbar nach dem Murenabgang hatte die Wildbachverbauung des Landes noch von einer Vorlaufzeit von mehr als einem halben Jahr für Projekte dieser Größenordnung gesprochen –, liegt laut Robert Riemelmoser daran, dass sich das Ministerium eingeschaltet und Experten aus mehreren Bundesländern zusammengezogen hat.
Der entstandene Gesamtschaden durch Hochwasser, Muren und Hangrutschungen in der Gegend um Trieben und St. Lorenzen wird mittlerweile auf 35 bis 50 Millionen Euro geschätzt.
Auf einen Blick
Naturgefahrenkommission. Die Forderung des Tiroler Wildbach- und Lawinenverbauungschefs nach einem Murenwarnddienst findet österreichweit Anklang. Allerdings herrscht Uneinigkeit über die Finanzierung. Der Bund begrüßt die Idee zwar und hat auch schon „Unterstützung mit Fachwissen“ zugesagt, will sich aber nicht an den Kosten beteiligen. Für die Steiermark ist das ein Problem, für Tirol hingegen nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2012)