Die drei von der Zankstelle: SPD stolpert in den Kampf um den Kanzlerkandidaten

(c) AP (Remy de la Mauviniere)
  • Drucken

Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel oder Peer Steinbrück? Eigentlich soll die Kür erst Ende Jänner erfolgen, doch früher als geplant bricht die Diskussion um den Herausforderer von Kanzlerin Merkel los.

Berlin. Ein Sommer geht zu Ende, und die Deutschen machen sich Sorgen um Mariechen. Seine Babypause wollte Sigmar Gabriel ganz seiner kleinen Tochter widmen. Doch seit sich der SPD-Parteichef ins traute Heim nach Magdeburg zurückgezogen hat, ist er medial präsenter denn je und füllt fast im Alleingang das politische Sommerloch. Er twittert, gibt Interviews und produziert programmatische Vorstöße: gegen die Bankenmacht, für die Reichensteuer, für Eurobonds. Das Vaterglück scheint dem umtriebigen Sozialdemokraten nicht zu genügen.

Oder, plausibler gedacht: Die K-Frage steht im Raum. Wer aus der SPD-Troika wird Angela Merkel im Herbst 2013 als Kanzlerkandidat herausfordern? Gabriel, Ex-Finanzminister Peer Steinbrück oder der Verlierer vom letzten Mal, Frank-Walter Steinmeier? Eigentlich soll die Kür erst Ende Jänner erfolgen, nach der Landtagswahl in Niedersachsen. Bis dahin sollte die Troika in eine Richtung reiten. Und so beeilten sich die Kollegen, den Visionen ihres selbst ernannten Vordenkers zu applaudieren. Dennoch: Die Zeichen mehren sich, dass die Entscheidung früher fallen muss.

Albig fällt Steinbrück in den Rücken

Einen Anstoß dafür gab Thorsten Albig. Der frisch gebackene Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ritt eine als Freundschaftsdienst getarnte Attacke: „Tu dir das nicht an!“, richtete der langjährige Sprecher Steinbrücks seinem früheren Arbeitgeber aus. Denn der „würde das Korsett nicht mögen“. Steinmeier hingegen „wäre ein guter Kanzler für unser Land“. Der baden-württembergische SPD-Chef Nils Schmid macht sich im Gegenzug für Steinbrück stark. Die Debatte ist eröffnet, viel früher als erhofft.

Steinbrück dürfte das nicht stören. Er ist soeben voller Tatendrang von einer Fotosafari in Botswana zurückgekehrt. Besonders haben es ihm die Nashörner angetan. Seine Lieblingstiere gelten als sturköpfig, aber durchsetzungsfähig – so spielt man mit den Klischees um die eigene Person. Im Vorjahr drängte sich Steinbrück ungebührlich nach vorn, bis Gabriel ihn zurückpfiff. Seitdem hat sich der Streitbare einen Maulkorb aufgesetzt, den er nun wieder ablegen will.

Und Steinmeier? Er paddelt und radelt durch seinen Wahlkreis Westbrandenburg, plaudert mit der Basis bei Wurstbrot und Bier. Der Kandidat der Herzen hat die höchsten Beliebtheitswerte. Die Genossen haben ihm das Fiasko von 2009 mit nur 23 Prozent längst verziehen. Sie lasten es dem Zustand der Partei und dem Würgegriff der Großen Koalition an. Heute liegt die SPD wieder bei 30 Prozent, eine Regierung mit den Grünen ist denkbar. Mit dem konzilianten Steinmeier können alle Flügel der Partei. Vor allem steht der wichtigste Landesverband hinter ihm: Nordrhein-Westfalen mit dem neuen SPD-Star Hannelore Kraft.

Anders liegen die Dinge bei Steinbrück: Die Deutschen im Allgemeinen schätzen ihn. Sie vergessen nicht, wie souverän er das Land aus der Finanzkrise manövrierte. Doch ebenso wenig vergessen die Parteilinken, wie er sie immer wieder vor den Kopf gestoßen hat. Gabriels großes Handicap sind chronisch schlechte Umfragewerte. Als Parteichef könnte er sich auch selbst krönen, trüge dann aber die ganze Last der Verantwortung für eine Niederlage. Seine mediale Dauerpräsenz lässt sich als verzweifelte Flucht nach vorne deuten, oder auch nur als kluge Absicherung seines Parteivorsitzes. Mahnend im Raum schwebt das Phantom von Vorgänger Kurt Beck, der im Wahlkampf 2009 Autorität und Amt verlor.

Wer auch immer das Rennen macht: Der Kandidat wird es nicht leicht haben. Die Eurokrise dominiert alles, und die Kanzlerin sitzt als Krisenmanagerin fester im Sattel denn je. Das Euro-Rezept der SPD ist den Deutschen schlechter vermittelbar als die Regierungslinie. Zudem droht im September eine interne Zerreißprobe: Die Parteilinken wollen die Pensionsreformen rückgängig machen. Setzten sie sich durch, müssten Steinmeier und Steinbrück als Baumeister der Reform auf eine Kandidatur verzichten – und nur der unbeliebte Gabriel bliebe übrig, als Merkels schwacher Gegner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.