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„Spitzenleistungen in der Sportstadt Wien unmöglich“

(c) GEPA pictures/ Marcel Pail
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Die heimischen Spitzensportler finden in Wien keine ausreichenden Trainingsmöglichkeiten. Funktionäre fordern seit Jahren die nötige Infrastruktur ein. Sport sei mehr als nur die Jagd nach Medaillen oder Pokalen.

Wien. In nahezu keinem Presseartikel über die Olympia-Ergebnisse fehlt die Kritik an den Funktionären. Auch der Sportminister und der ÖOC-Präsident haben in der Diskussion um die österreichischen Olympia-Erfolge auf die ihnen zugeordneten Aufgaben vergessen.

Nachstehend, zum besseren Verständnis, die derzeit gültige Aufgabenzuordnung. Der Sportminister ist ausschließlich für die Bereitstellung der notwendigen Sportinfrastruktur und Sicherstellung der Bundesfördermittel zuständig. Das ÖOC ist für die administrative Betreuung der Olympia-Delegation (ähnlich einem firmeninternen Reisebüro), also aller Sportler, die über ein internationales Limit die Qualifikation zur Teilnahme erbracht haben, zuständig. Die Fachverbände sind es, die für die Auswahl, den Aufbau und Betreuung der Nationalkader-AthletInnen die Verantwortung tragen.

Hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt: Die Aufgabe der Dachverbände ist es, Sportvereine bei ihrer zu 99 Prozent ehrenamtlich ausgeführten Tätigkeit zu unterstützen. Diese Aktivitäten bestehen zum allergrößten Teil aus breitensportlichen Bewegungsangeboten in allen möglichen Sportarten. Sie stehen damit in keinem unmittelbaren Verhältnis zu Olympia.

 

Keine Leichtathletikanlage

Die Kritik des Sportministers wäre durchaus angebracht, wenn es für die österreichischen Spitzensportler ausreichende Trainingsmöglichkeiten geben würde. Leider ist dies absolut nicht der Fall. Bei zwei verwendbaren 50-Meter-Schwimmbecken in ganz Österreich und z. B. keiner einzigen spitzensporttauglichen Leichtathletikanlage in der Sportstadt Wien sind Spitzenleistung unmöglich. Um es ein wenig einfach zu sagen: Auch Telefonieren ist nur möglich, wenn man über ein Telefon verfügt...

Warum der in der Bundessportorganisation organisierte Vereinssport nicht unüberhörbarer die notwendige Infrastruktur einfordert, steht auf einem anderen Blatt. Hier erscheint Kritik durchaus berechtigt, und warum die Spitzenrepräsentanten, allen voran der Präsident der BSO, nicht in der Lage sind, auf den hohen gesellschaftlichen Wert des Sports hinzuweisen, ist ebenso unverständlich.

Sport ist nämlich viel mehr als die Jagd nach olympischen Medaillen und Pokalen. Der Sport und seine Vereine sind auch im 21. Jahrhundert wichtigster Baustein für die Sozialisierung der Jugend in unserer Gesellschaft. Über 50 Prozent unserer Jugend wird durch und mit dem Vereinssport sozialisiert. Ebenso bedeutsam ist der Sport im Bereich des Gesundheitssystems. Erfolgreiche Förderung von Bewegung und Sport könnte wesentlich zur Entlastung der Kosten im Gesundheitssystem beitragen.

Sport ist aber auch der erfolgreiche Baustein für gelungene Integration. Nirgendwo anders ist Integration so erfolgreich wie im Vereinssport. Zusätzlich muss der Sport zunehmend als gewichtiger Wirtschaftsfaktor erkannt werden.

Jeder zehnte Arbeitsplatz in Österreich hängt von Sportaktivitäten ab. Mehr als 30 Prozent(!) der nationalen Tourismuserträge sind dem Sport zuzuordnen. Die Wertschöpfung beträgt über drei Prozent des österreichischen BIPs.

Sport ist somit eindeutig mehr als Bewegung und Kreislaufbelastung, Sport muss als enorm wichtiger gesellschaftspolitisch relevanter Bereich wahrgenommen werden.

Werner Raabe ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sport und Körperkultur Landesverband Wien. Er prangert seit Jahren Mängel im Sportwesen an. Raabe war Bundestrainer des Österreichischen Kanu-Nationalteams, Initiator des Footballsports in Österreich, Präsident des Football-Weltverbandes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)