Die Schauspielerin aus Bayern über das neue, dunkle Stück von Händl Klaus, über Hexen, Nymphen und Affen. Sie ist bei ihrem Aufstieg zum Bühnenstar Schnöseln und weisen Regisseuren begegnet.
Die Presse: Sie proben für Ihr Debüt in Salzburg seit Wochen am Lehrbauhof weit hinter dem Mönchsberg „Meine Bienen. Eine Schneise“. Wie geht es Ihnen beim Versuch, ein komplexes, hermetisches Stück von Händl Klaus zu verstehen?
Brigitte Hobmeier: Wenn wir gar nicht mehr wissen, wie wir dem Text Herr werden können, dann denke ich an sein wunderbares Stück „Dunkel lockende Welt“, das ich in München gesehen habe. Auch dort haben die Schauspieler einen Kosmos geschaffen. Den müssen wir eben finden, und Klaus gibt uns doch so viele Möglichkeiten dazu. Eine wichtige Frage ist: Wer hat diesen Brand gelegt? Und warum? Laut Text könnte es nach den Indizien jeder gewesen sein. Alle sind ein bisschen böse und ein bisschen Opfer – alle haben schmutzige Hände. Und ist der Brandanschlag wirklich die schlimmste Tat, die zum Vorschein kommt?
Selbst die Figur, die Sie spielen, ist verdächtig. Sie könnte eine böse Mutter sein. Hat Ihnen der Autor den Täter noch gar nicht verraten?
Ich habe zu ihm gesagt: „Klaus, trink einen Espresso mit mir und sag mir dann, wer den Wald angezündet hat.“ Er hat gesagt: „Jo mei!“ Das ganze Werk ist durchzogen von großer Symbolik. Wir fragen uns noch oft: „Was steht denn da eigentlich wirklich?“ Durch die Musik von Franui sind wir außerdem zu zwei Drittel der Zeit gebunden, wir müssen rhythmisch sprechen. Musik, Gesang und Sprache verweben sich zu einer großen Symphonie. Diese Inszenierung ist also eine große Herausforderung, auch an uns Schauspieler.
Manche Kritiker werden lyrisch, wenn sie über Sie schreiben. Da ist von einer Botticelli-Figur die Rede, von Ihrer Alabasterhaut. Würde man so auch bei Ihnen daheim in Ismaning reden?
So eine raue Gegend ist Ismaning gar nicht. „Hey, da kommt die Alabastervenus!“ hat dort aber auch noch keiner zu mir gesagt.
Wann hat sich das Talent bei Ihnen gezeigt?
Gespielt habe ich eigentlich immer, schon in der Grundschule war ich die Hexe bei „Hänsel und Gretel“. Aber selbst nach dem Abitur war die Schauspielerei für mich ein ferner Gedanke, ein Traum. Ich war und bin schon eine Träumerin, aber ich musste auch alles erkämpfen.
Ihre Karriere begann mit einer Niederlage. Man hat Sie in München an der Schauspielschule nicht genommen. Wie haben Sie das verkraftet?
Ich wurde dort beim Prinzregententheater mit folgendem Satz abgelehnt: „Es gibt Menschen, die tragen Jackets, und es gibt Menschen, die tragen keine. Sie tragen keine Jackets.“ Dann wurde ich rausgeworfen.
Eine rätselhafte Begründung.
Bis heute weiß ich nicht, was mir dieser Herr damit sagen wollte. Ich hab mich ausgeheult und dachte, jetzt wäre es aus mit meinem Traum, ich wollte gar nicht mehr. Aber eine Freundin hat mich zu einem zweiten Vorsprechen überredet, in Essen. Da bin ich sofort genommen worden. Ich spielte die Szene einer verzweifelten, blutenden, jungen Frau in einem argentinischen Stück, hochdramatisch – so ein Schmarren eben, den sich junge Schauspielerinnen einbilden, wenn sie nicht mit „Andorra“ oder „Antigone“ kommen. Arme Prüfer! Die müssen wohl in ihrer Karriere mindestens 700 Mal die Antigone anschauen. Ich hatte aber auch einen Marmeladen-Monolog drauf, mit dem ich dann Christian Stückl für mein Engagement am Münchner Volkstheater überzeugt habe.
Zuvor waren Sie aber bei Peter Steins großem „Faust“-Projekt dabei, mit sehr vielen Rollen.
Ja, da habe ich Baumnymphen, Affen und noch vieles andere gespielt. Das waren aber oft nur ein paar Zeilen Text.
Was war für Sie die wichtigste Erfahrung dort?
Bei Stein musste ich eineinhalb Jahre Vierzeiler sprechen, aber ich durfte den Großen beim Arbeiten zuschauen, zum Beispiel Bruno Ganz. Das war wie ein Aufbaustudium für mich. Ich habe keine Probe verpasst, als er den Faust erarbeitet hat. Stein hat Theatergeschichte geschrieben, hat das Theater revolutioniert. Ich durfte ihn als alten, weisen Mann kennenlernen. Er ist ein großer Pädagoge. Wie der Texte behandelt! Man lernt Präzision in der Sprache und geistige Klarheit. So etwas ist mir seither nicht mehr begegnet.
Wie kamen Sie dann zu Christian Stückl?
Nach dem „Faust“ habe ich mich bei vielen Häusern beworben. Der entscheidende Tipp für München kam von Johann Adam Oest. Christian hat mir nach dem Vorsprechen die Hand hingestreckt und mich engagiert. Ich durfte gleich die Geierwally spielen! Das war befreiend, nach eineinhalb Jahren Durststrecke. Ich war überrascht, wie gut das ankam. Stückl ist voller Theaterleidenschaft, das sieht man doch auch bei seiner Inszenierung des „Jedermann“ in Salzburg, die seit elf Jahren aufgeführt wird! Er mag die Schauspieler, schmeißt sie lustvoll in Situationen rein. Er hat „G'spür“, bei ihm muss man schwitzen, bei ihm geht es körperbetont zu. Das Theater muss krachen! Ich mag auch, dass er dem Zynismus abgeneigt ist. Das fordert heute fast schon Mut.
Wie sieht Ihr Alltag aus, bevor Sie es auf der Bühne krachen lassen?
Hier in Salzburg verlasse ich erst um neun Uhr das Haus. Das ist Luxus, daheim fängt es viel früher an. Mein Mann und ich haben einen Sohn, der jetzt bald in die Schule geht. Jetzt aber radle ich eben um neun Uhr los, zu den Proben außerhalb, das geht bis 18Uhr. Dann geht's heim zum Text lernen. Ich bin fleißig, denn bald ist mein Bua wieder hier. Unsere Gehirne werden bei diesem Stück ordentlich in Anspruch genommen.
Bleibt noch Zeit für andere Lektüre?
Franui haben mich zu „Silence“ von John Cage inspiriert. Ich lese gerade auch dieses wunderbare Buch: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green, als Vorbereitung für eine Lesung. Außerdem lese ich meinem Sohn über Skype „Drachenreiter“ vor. Ich sammle auf, was vorbeigeschwommen kommt. Hier in der Stadt ist das zum Beispiel Thomas Bernhard, den ich mitgenommen habe.
Auf einen Blick
Brigitte Hobmeier (*1976, München) ist seit 2005 bei den Münchner Kammerspielen engagiert. 2007 wurde ihr „Der Faust“ verliehen, eine von vielen Auszeichnungen. Seit 2010 ist sie Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Zu sehen ist sie in „Meine Bienen. Eine Schneise“ von Händl Klaus mit Franui: Uraufführung im Salzburger Landestheater, 23. 8. 2012.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)