Schnellauswahl

Beliebte U-Bahn: Plus 37 Prozent seit 2001

Beliebte UBahn Plus Prozent
(c) Fabry
  • Drucken

Mit 567 Millionen Fahrgästen hat Wiens Untergrund inzwischen eine höhere Nutzungsdichte als die berühmten Metro-Netze von Paris oder London. Was die Fahrgäste stört, liegt meistens an ihnen selbst.

Wien. Man könnte fast meinen, der Mann wäre Wiens neuer Bürgermeister. Christian Nebois‘ Foto hängt derzeit in U-Bahn-Zügen, Stationen und deren Eingängen. Statt Anzug und Schnauzbart trägt er Warnweste und Schutzhelm. Nebois ist Bauinspizient und dafür verantwortlich, dass die Generalsanierung der U-Bahn-Linie U1 möglichst reibungslos über die Bühne geht.

Spätestens am 27. August fünf Uhr früh muss der gesperrte Abschnitt zwischen Karlsplatz und Reumannplatz wieder befahrbar sein. Damit das auch klappt, kümmert sich der Tiefbauingenieur derzeit täglich fast 24 Stunden um Wiens längste Baustelle.

 

Kurze Stationsabstände

Wobei: So viel weniger Verantwortung als der ebenfalls häufig plakatierte Mann aus dem Rathaus trägt Nebois gar nicht. Er und sein Team arbeiten nämlich mit schwerem Gerät an der Hauptschlagader des Personenverkehrs. Steht die U-Bahn still, steht das Leben still. 37 Prozent aller Wege legen die Bürger inzwischen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Das ist ein internationaler Spitzenwert. Noch besser steht die U-Bahn alleine da. 567 Millionen Fahrgäste befördern die fünf Linien im Jahr. 2001 waren es 413 Millionen. Das entspricht seit damals einem Zuwachs von 37 Prozent. In kaum einer anderen europäischen Großstadt muss man enger zusammenrücken. Ja, die Metros von Paris (1,4 Mrd.), London (1 Mrd.) und Madrid (634 Mio.) bewegen zwar insgesamt mehr Personen. Dafür sind die Netze mit 215, 402 und 293 Kilometern ungleich größer als jenes von Wien (74 km). Das trifft übrigens auch auf die Einwohnerzahlen zu.

Warum die Wiener gerne in den Untergrund gehen, hat mehrere Gründe. Experten nennen u.a. die Trassierung. Auch die vergleichsweise kurzen Abstände zwischen den Stationen (im Schnitt 730 Meter) sorgen für Kundenfrequenz. Zum Vergleich: In London sind es 1,5 Kilometer.

Ein weiterer Faktor für die Beliebtheit sind die Ticketpreise. Während die Wiener Linien bei Einzelfahrscheinen kräftig zulangen, sind Vielfahrer spätestens seit heuer konkurrenzlos günstig unterwegs. 365 Euro kostet die Jahreskarte, die ja auch zur Nutzung von Bahn, Bus und Straßenbahn berechtigt.

Kostendeckend ist all das freilich nicht. 400 Mio. Euro schießt die Stadt jährlich aus dem Steuertopf allein für den Betrieb zu. Der U-Bahn-Bau wird zu jeweils 50Prozent von Bund und Stadt getragen. Im Vorjahr waren das pro Partner 280 Mio. Euro. Und auch Wiens Unternehmen zahlen seit 42Jahren in das System ein. Bis Mai waren pro Arbeitnehmer und Kalenderwoche 0,72 Euro „Dienstgeberabgabe“, auch U-Bahn-Steuer genannt, fällig. Mit 1. Juni erhöhte sich der Betrag auf 2 Euro. Bei 777.174 unselbstständig Erwerbstätigen entspricht das einem jährlichen Aufkommen in der Höhe von 80,8 Mio. Euro.

Allerdings stößt der Siegeszug der U-Bahn auch auf Kritik. Als die Grünen noch in der Opposition waren, bemängelten sie, dass zugunsten des U-Bahn-Baus das Straßenbahnnetz verkleinert wurde. Die Folge: Seit 2001 sanken die Fahrgastzahlen der Tramway um fünf Prozent auf 194 Mio. jährlich.

 

Ärgernis Gratiszeitungen

Verkehrsplanern wie dem Vorstand des Instituts für Verkehrswesen an der Boku, Gerd Sammer, fehlt es bis heute an Effizienz. Er ist der Meinung, dass das Milliardeninvestment U-Bahn noch beliebter wäre, wenn Nutzer des Kraftverkehrs mit restriktiven Maßnahmen gezielt auf öffentliche Verkehrsmittel umgelenkt würden. „Push-and-Pull-Strategie“ heißt das dann in der Sprache der Wissenschaft.

Und: Im Gegensatz zu den alten Trassen standen die neuen immer wieder im Fokus der Kritik. Die Verlängerung zum Flugfeld Aspern wurde mehrfach als „Geisterbahn“ bezeichnet. Dass die U2 am neuen Hauptbahnhof vorbeifährt, will auch niemand verstehen. Immerhin, so Zyniker, bekommt die Therme Wien im Nirgendwo von Oberlaa eine Station.

Die Mängel aus Sicht der Fahrgäste sind meistens zwischenmenschlicher Natur. Laut einer Umfrage zur Wiener Charta sind die größten Ärgernisse in Wiens U-Bahn grantige Gesichter, Fast-Food-Essensreste und zurückgelassene Gratiszeitungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)