Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der perfekte Feuilleton-Mord: Schirrmacher als (virtuelles) Opfer

Der Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“ hat unter Pseudonym einen Kriminalroman geschrieben, in dem ein „journalistisches Genie“ tot aufgefunden wird.

 

Gerade hat Georg Seeßlen, Autor u.a. des möchtegernklugen Buches „Blödmaschinen“, in der „TAZ“ die Abschaffung des Feuilletons gefordert (weil es der „bürgerlichen Persönlichkeit“ entspreche und diese so wie die „bürgerliche Zeitung“ verschwinde, man kennt das), da führt uns das höchst lebendige deutsche Feuilleton einen perfekten Meta-Krimi vor.

Und der geht so: Ein Feuilletonredakteur der „Welt“ (Richard Kämmerlings) hat aufgedeckt, dass der Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“ (Thomas Steinfeld) unter falschem Namen (Per Johannsen) einen Kriminalroman verfasst hat, in dem ein Mann grausam ermordet wird, der Züge des fürs Feuilleton zuständigen Herausgebers der „FAZ“ (Frank Schirrmacher) trägt. Mit diesem Fall konfrontiert wird Ronny Gustavsson, Lokalreporter einer kleinen schwedischen Zeitung. Er wird als großer Fan Bob Dylans beschrieben: Eine junge Frau habe ihn wegen dieser Liebe als „senilen Studienrat“ verlacht. Sein Lieblingssong ist „Cold Irons Bound“, in dem ein Mann aus enttäuschter Liebe zum Mörder geworden ist. Just diesen Song hat Steinfeld, auch ein großer Bewunderer Dylans, ausführlich interpretiert.

Das ist nur eines der vielen Indizien, die Kämmerlings in seiner bestechenden Ermittlerarbeit anführt. Steinfeld hat die Autorenschaft auch bereits zugegeben: Er habe den Roman „Der Sturm“, der nächste Woche bei S.Fischer erscheint, gemeinsam mit einem Zweiten verfasst, erklärt er in einer Aussendung. Er streitet allerdings ab, dass der Ermordete im Buch Frank Schirrmacher sein soll. Er sei vielmehr „eine abstrakte, idealtypische Gestalt, in deren Bild einige der jüngsten Themen des internationalen Feuilletons sowie Züge vieler Kulturjournalisten und ihrer Leser eingegangen sind“. Es widerspreche den Grundlagen des Umgangs mit fiktiver Literatur, „diese Gestalt jetzt identifizieren zu wollen“.

Wie kommt Kämmerlings auf Schirrmacher? Das schreiendste Detail ist wohl, dass der ermordete „Chef einer Zeitung, die in ganz Deutschland gelesen wird“ Schuhe der Marke „Hutmacher“ trägt. Nachrufe beschreiben ihn so: „ein großer Prophet und ein kleiner Zauberer, eine Kassandra und ein Politiker, ein Intellektueller und ein Geschäftsmann, und alles zugleich“. Er habe „weltumspannende Fantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik“ geschrieben – solche Themen hat Schirrmacher in Büchern wie „Payback“ oder „Minimum“ behandelt. Und es heißt über die Romanfigur: „Es ist vielleicht schwierig, sich vorzustellen, wie wichtig er wirklich war, auch für die, die ihn hassten.“

Spricht diese Passage Steinfelds Gefühle aus? Kämmerlings diagnostiziert einen „publizistischen Racheakt“, in dem „eigentlich eine Brautwerbung verborgen“ sei, „eine Sehnsucht nach Anerkennung, nach Heilung einer noch immer offenen Wunde“. Tatsächlich hat Steinfeld 2001 die „FAZ“, deren Literaturchef er war, frustriert verlassen; Schirrmacher hatte damals das Feuilleton massiv ausgebaut und sein Spektrum erweitert, etwa um Themen der Genetik.

2002 hat Schirrmacher einen anderen Roman, in dem ein Journalist sterben muss, bereits vor der Veröffentlichung massiv als „Spiel mit antisemitischen Klischees“ kritisiert: Martin Walsers „Tod eines Kritikers“, in dem ein Schriftsteller einen Kritiker namens André Ehrl-König ermordet hat; diese Figur trägt die Züge von Marcel Reich-Ranicki. Steinfeld sah damals in Schirrmachers Vorgehen einen „publizistischen Erstschlag“.

„Was im deutschen Feuilleton gelandet ist, ist so gut wie tot“, schrieb Seeßlen in seiner Polemik. Er meinte wohl nicht, dass dessen Protagonisten einander virtuell umbringen.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)