Berliner Flughafen: Kein Geld, kein Termin, viel Chaos

Berliner Flughafen Kein Geld
Wowereit(c) Dapd (Timur Emek)
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Der Start des neuen Airports wird wohl neuerlich verschoben. Die Banken geben keine Kredite mehr. Die FDP verweigert zusätzliche Mittel vom Bund. Am Donnerstag tagte der Aufsichtsrat.

Berlin. Früher lautete das Klischee: Wenn die Deutschen etwas planen und bauen, funktioniert das besser als irgendwo sonst. Heute hat sich ein differenzierteres Bild verfestigt: Wenn doch etwas schief läuft, dann läuft es gewaltig schief. Wie bei der Einführung der LKW-Maut, beim politischen Debakel rund um den Bahnhof Stuttgart 21 – und nun beim Berliner Großflughafen BER. Fast jeden Tag werden neue Planungsfehler bekannt, die Kosten explodieren, ein Starttermin rückt in weite Ferne. Der BER hat das Potenzial, selbst die Pannenbilanz des Wiener Skylink in den Schatten zu stellen.

Am Donnerstag tagte der Aufsichtsrat. Ein Ergebnis: Auch der 17. März 2013 ist als Starttermin fraglich. Bis zum 14. September wird analysiert, ob er zu halten ist. Sommer oder Herbst des kommenden Jahres dürfte aber realistischer sein. Ein Grund dafür ist das Köpferollen: Mit zwei planenden Architekturbüros spricht man nur noch vor Gericht, der technische Geschäftsführer wurde gefeuert. Sein Nachfolger muss sich erst einen Überblick verschaffen über nicht verlegte Kabel und falsch platzierte Brandschutzklappen. Die Folge: Viele Wochen lang ging auf der Baustelle wenig weiter.

Offiziell liegen die Kosten nun bei 4,5 Mrd. Euro, das sind 1,17 Mrd. mehr als geplant. Schwer ins Geld gehen bessere Schallschutzfenster, die 50.000 Anrainer gerichtlich durchgesetzt haben. Dem Flughafenbetreiber geht die Liquidität aus, die Banken verweigern weitere Kredite. Also sollen die Eigentümer mit Kapital einspringen: Berlin, Brandenburg und der Bund. Eine solche Beihilfe muss aber die EU-Kommission genehmigen, und das kann dauern. Im schlimmsten Fall lehnt Brüssel ab. Dann müsste der Flughafen zwangsprivatisiert werden. Es wäre ein Zurück an den Start: Erst als die Verhandlungen mit einem privaten Konsortium 2003 scheiterten, übernahm die öffentliche Hand das Kommando.

Schwere Zeit für Buhmann Wowereit

Wahrscheinlicher ist ein grünes Licht der EU. Bis dahin könnten Bund und Länder mit einer „Patronatserklärung“ für Kredite haften. Bei den Liberalen regt sich Widerstand: FDP-Fraktionsvorsitzender Rainer Brüderle will nicht hinnehmen, „dass Berlin diese Chaos-Kosten auf den Bund abschiebt“. SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit mache „die Stadt immer mehr zum internationalen Gespött“. Für den Aufsichtsratsvorsitzenden ist es eine schwere Zeit, seine Umfragewerte brechen ein. Doch in dem 15-köpfigen Gremium sitzen weitere Politiker, die hinter Buhmann Wowereit in Deckung gehen, darunter auch ein CDU-Staatssekretär.
Längst ist der Öffentlichkeit bekannt, dass sie auch nach dem Platzen des Eröffnungstermins im Mai geschönte Informationen aus Schönefeld bekam. Suggeriert wurde, dass nur der Brandschutz nicht ganz einwandfrei funktioniere, aber Sicherheit habe eben oberste Priorität. Tatsächlich hatten die Probeläufe noch ganz andere Probleme aufgedeckt. So erwies sich die Zahl der Check-in-Schalter mit 94 als viel zu gering. Tegel und Schönefeld „alt“ kommen auf 186. Doch die Planer orientierten sich lieber an neuen Airports in fernen Ländern. Sie übersahen dabei, dass nach Berlin wenige Geschäftsreisende reisen, aber dafür viele Urlauber, die seltener online einchecken und am Schalter länger brauchen.

Dabei wachsen die Besucherzahlen der hippen Hauptstadt kräftig an. Wenn der elegante, aber knapp bemessene Flughafen doch noch in Betrieb geht, könnte er schon an seine Kapazitätsgrenze von 27 Millionen Passagieren stoßen. Ein Ausbau wäre nur mit Satelliten weit draußen auf den Rollfeldern möglich. Wie aber kommen die Reisenden dorthin? Ein Tunnel wurde nicht mitgebaut, um Geld zu sparen. Eine Brücke ist unrealistisch. Bleiben nur Busse, die dann Flugzeuge kreuzen. Ein Chaos scheint vorprogrammiert. Der einzige Trost: Tegel hat seine Kapazitätsgrenze längst überschritten. Heute platzt der alte Flughafen aus allen Nähten, zuweilen wartet man eine Stunde lang auf sein Gepäck. Aber irgendwie funktioniert er immer noch. Hier zeigen die Deutschen, was ihnen das Klischee am wenigsten zutraut: ein Talent zum Improvisieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)


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