Interview. Der scheidende Siemens-Chef Hochleitner über Macht, Politik und Management.
Die Presse: Seit Dienstag sind Sie Ex-Generaldirektor von Siemens Österreich und wechseln in den Aufsichtsrat. Und schon sind Sie als ÖIAG-Präsident im Gespräch . . .
Albert Hochleitner: Ich habe die Absicht, weniger zu machen. Ich versuche nicht, den Fehler zu machen, zusätzlich viele Aufgaben anzunehmen. Ich werde in aller Ruhe entscheiden, ob ich da oder dort was tue. Die ÖIAG ist derzeit kein Thema.
Werden sie nur ein "einfacher" Aufsichtsrat sein, oder etwas mehr?
Hochleitner: Ich werde sicher kein operativer Aufsichtsrat. Der Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat wird ohnehin nicht mit großer Sympathie gesehen. Nicht, was meine Person betrifft, sondern generell. Man darf nicht in den alten Fehler verfallen und der Ober-Generaldirektor sein.
Wie etwa Ex-Siemens-Boss Heinrich von Pierer. Dessen Wechsel zum Aufsichtsrats-Chef kritisiert wurde.
Hochleitner: Die Kritik ist berechtigt. Andererseits ist Siemens ein komplexes Unternehmen. Es ist schwer vorstellbar, dass Leute von außen an der Spitze des Aufsichtsrates stehen, weil ihnen der Durchblick fehlt.
Wie geht man damit um, auf einmal so viel Macht abzugeben?
Hochleitner: Macht ist verlockend, aber man vergisst, dass damit viel Verantwortung verbunden ist. Man nützt sich in diesem Geschäft ab. Nach einiger Zeit ist ein Wechsel notwendig, dass andere Leute aus einer anderen Generation kommen, die viel Energie haben.
Was hat sich bei Siemens Österreich während Ihrer Zeit geändert?
Hochleitner: Wir haben Teile des Unternehmens verkauft, zugesperrt, und sind trotzdem mehr als dreimal so groß wie damals. Wir verdienen in allen Bereichen Geld.
Im Rückblick: Was fällt Ihnen unter "Best of Hochleitner" ein?
Hochleitner: Dass Österreich (im Siemens-Konzern) die Kompetenz für die Wirtschaftsregion Zentral- und Osteuropa bekommen hat. Und die Ausweitung des Geschäfts auf das Fünffache.
War die Zuständigkeit für acht Länder inklusive Österreich selbstverständlich?
Hochleitner: Nein. Es hat eines gewaltigen Überzeugungsprozesses bedurft. Das hat uns sehr geholfen, weil wir uns wesentliche Restrukturierungen, die wir in Österreich hätten machen müssen, erspart haben. Wir haben Österreich als Hochlohnland mit intensiven Verbindungen zum Stammhaus, mit Erfahrung in Fertigung und Entwicklung, und wir haben die jungen Länder, mit guten Kostenstrukturen und motivierten Mitarbeitern. Das bringt Synergien.
Es gab Gerüchte, dass München wieder mehr Kompetenzen wollte.
Hochleitner: Wenn man davon ausgeht, dass die Welt nicht grundsätzlich boshaft ist, dann macht das keinen Sinn. Das Modell ist enorm erfolgreich. Auch München wünscht sich, möglichst viel Geld zu verdienen und möglichst hohe Marktanteile zu haben.
Tut es Ihnen Leid, dass die Handy-Sparte verkauft worden ist?
Hochleitner: Ich bin der Überzeugung, dass das Handy zu Siemens gehört, es ist nicht irgendein Produkt, sondern auch ein Werbeträger für Siemens mit viel Zukunftspotenzial. Es ist schade, dass es nicht gelungen ist, damit Geld zu verdienen. In Österreich haben wir bei Handys in besten Zeiten 30 Prozent Marktanteil gehabt. Natürlich tut uns das weh.
Apropos "Best of": Sie haben Max.mobil nicht erwähnt. Siemens initiierte das Konsortium, das das zweite Handynetz gestartet hat.
Hochleitner: Max.mobil ist eine schöne Geschichte. Damals hat es noch als Verstoß gegen die zentrale Strategie gegolten, in eine Betreiberrolle zu gehen. Wir haben das durchgekämpft, und es hat sich bewährt. Es hat unser Verhältnis zur Telekom auch nicht wirklich belastet.
Wird die VA Tech auch ein Erfolg?
Hochleitner: Natürlich. Es ist ein Thema, das uns nach vorne bringt. Aber es war eine durchzogene und mühsame Geschichte.
Warum hat es beim ersten Versuch nicht geklappt?
Hochleitner: Weil wir einen Partner (Mirko Kovats, Anm.) gehabt haben, mit dem wir uns abstimmen mussten. Das hat dazu geführt, dass wir viel zu früh vor den Vorhang gezerrt wurden. Da wurde schon die Übernahmekommission eingeschaltet, das war unsinnig.
Kovats ist zudem umstritten. . .
Hochleitner: Wie ich meine, nicht zu Recht.
Was sagen Sie zu den Vorwürfen, der Verkauf der VA Tech Hydro sei mit der Allianz, die Siemens-Aktionär ist, schon paktiert?
Hochleitner: Es ist naiv, so etwas anzunehmen. Es gibt einen Treuhänder der EU, der unsere Schritte penibel verfolgt. Wir haben sieben unverbindliche Angebote, bis 19. Dezember müssen verbindliche Offerte gelegt werden. Anfang 2006 wird entschieden.
Penibel verfolgt wurde die VA Tech-Übernahme auch von der Politik. Hat Sie das gestört?
Hochleitner: Ich kann verstehen, dass sich die Politik mit solchen Sachen auseinander setzt. Solange wir zu zweit angetreten sind, stand eine Zerschlagung der VA Tech im Raum. Als wir gesagt haben, wir kaufen das allein, war der Widerstand nicht mehr vorhanden.
Intervenieren Politiker oft bei Ihnen?
Hochleitner: Überraschend selten. Wenn, dann eher subkutan. Dass die Politiker - wie bei der VA Tech - fragen, was habt ihr eigentlich vor, das halte ich nicht nur für berechtigt, sondern dazu sind sie eigentlich verpflichtet.
Zu den Misserfolgen: Gibt es auch ein "Worst of Hochleitner"?
Hochleitner: Da gehört sicher der Verkauf und die Schließung der Kabelsparte dazu. Das hat fast 5000 Arbeitsplätze gekostet. Dass man so vielen Menschen so viel Kummer bereitet hat, war der negative Höhepunkt.
Und sonst?
Hochleitner: Keine besonderen Ereignisse. Sie erwarten jetzt sicher, dass ich Adonis erwähne (Siemens scheiterte beim Aufbau des 300 Millionen Euro teuren Behördenfunknetzes Adonis). Aber zuvor noch eines: Wir haben unseren Marktanteil von 14 auf 20 Prozent angehoben. Damit sind wir Spitze im Hause Siemens. Doch die Öffentlichkeit registriert nur, wenn wir etwas verlieren.
Der Behördenfunk Adonis war ja auch eine Niederlage.
Hochleitner: Adonis ist ein Erlebnis der besonderen Art, darüber möchte ich gar nicht reden. Wir haben die Ausschreibung gewonnen und wurden hinterher gemobbt - übrigens mit Ihrer Hilfe. Aber alle Prestigeprojekte bringen letztlich wenig ein. Am Ende verdient man nichts dabei - wenn's gut geht. Und wenn's schlecht geht, hat man noch die schlechte Nachrede.
Sie gelten als absolutistischer Herrscher. Stimmt das?
Hochleitner: Ich gehöre schon zu denen, die nicht endlos diskutieren, sondern für eine Entscheidung stehen. Allerdings habe ich mir kein Team gesucht, das mir in allem Recht gibt. Mein oberstes Prinzip ist, in alle Positionen die richtigen Leute zu platzieren.
Was raten Sie Ihrer Nachfolgerin Brigitte Ederer?
Hochleitner: Frau Ederer braucht keinen Ratschlag. Wir haben fünf Jahre zusammengearbeitet, sie weiß, worauf es ankommt.
Ederer kam aus der Politik zu Siemens. Ist es bei Ihnen umgekehrt?
Hochleitner: Sicher nicht.