Hallo, ist da noch jemand?

Hallo noch jemand
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Unser Ich: erschöpft. Unsere Realität: ermordet. Unsere Erinnerungsfähigkeit und kulturelle Identität: ausgeschwemmt und würdelos herabgestuft. Es geht seinen Gang. Vom Verschwinden des Menschen in der Welt des Digitalen.

Wenn frühere Zeiten den Homometaphysicus, den Homo ludens und den Homo oeconomicus in den Mittelpunkt rückten, so stehen wir heute hinwieder vor der Allmacht des Homo informaticus, der zumHomo irretitus, dem „verstrickten“ Menschen, mutiert ist, der am Netz hängt wie an einem Tropf.

Alle Vergleiche mit anderen technischen Innovationen greifen zu kurz, mag es sich nun um die sattsam bekannten Vergleiche mit der Erfindung des Buchdruckes, des Steigbügels oder des Pfluges handeln oder erst recht um die Eisenbahn. Ähnlich verhält es sich mit dem Übergang von der mündlichen Überlieferung hin zur Schrift. Die Ablösung des Papiers durch elektronische Datenträger ist mehr als ein technischer Wandel, etwas, was unsere gesamte Wahrnehmung, unser Denken, unsere kulturelle Identität, unser Menschsein entscheidend betrifft. Unsere kulturelle Identität wird in einem Maßverändert, welches sich nicht absehen oder auch nur im Geringsten voraussagen lässt. (Hierbei ist mir völlig klar, dass das Produkt, das Sie gerade in Händen halten, mithilfe dieser Technologie zustande gekommen ist.)

Nach dem US-Pädagogen Mark Prensky kann die digitale Welt in vier User-Typen eingeteilt werden: die digitalen Settlers, die in kleinen Schritten das virtuelle Neuland besiedelthaben; die digitalen Immigrants, die erst als Erwachsene den Umgang mit dem Computer gelernt haben; die digitalen Natives oder Digi-Kids, deren Muttersprache das Digitale darstellt und deren Gehirne an den Strukturen der Neuen Medien ausgerichtet sind; die digitalen Homeless, die nicht wirklich in diesem Wunderland angekommen sind.

Dies ermutigt allerdings nicht zu einer konservativen Kulturkritik, die den Computer per se für ein Teufelszeug hält, aber zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber der schönen, neuen, digitalen Welt. Denn dieAuflösung der Realität durch die Welt des Digitalen, die Vermischung von auf Realität gerichteter Wahrnehmung mit der sogenannten virtuellen Realität bedeutet nach Jean Baudrillard eine „Ermordung der Realität“. Das Medium, die Codes, die Zeichen und ihre Hyperrealität haben die Wirklichkeit aufgesogen. Die digitale Welt ist eine solche des Doubles, das sich selbst präsentiert, gewissermaßen eine Prothese der Prothese.

Zu den Digi-Kids hat Wolfgang Haring in seinem Essay „Homo informaticus“ festgestellt, dass für diese Spezies gilt: „ich – alles – sofort – überall“, oder „mobil – online – vernetzt“. Weiters schreibt er: „IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie)steht nicht nur als Werkzeugkasten zur Verfügung, IKT verändert den Rohstoff Mensch in allen seinen Dimensionen massiv.“

Der von dem niederländischen Erziehungswissenschaftler Wim Veen so bezeichneteHomo zappiens leidet unter einer starken Quantisierung und Fragmentierung. Es kommt zu einer Veränderung der kortikalen Informationsverarbeitung, da durch die Überflutung mit Informationsfetzen unter anderem eine Ausschaltung der kortikalen Selektionsmechanismen droht.

Dem überinformierten Bewusstsein erscheint alles als gleich wichtig, oder mit Frank Schirrmacher formuliert: „Das Verhältnis meines Gehirns zur Informationsflut ist das einer permanenten, würdelosen Herabstufung. Etwas stimmt nicht mehr. Mein Kopfkommt nicht mehr mit.“ Schirrmacher verweistdarauf, dass es zu gesteigerter Unkonzentriertheit, Vergesslichkeit und einer Neigung zu Ablenkungen kommt, dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen, und: „Ich weiß noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist, oder das, was ich vergessen habe, unwichtig.“ Die Informationsexplosion, die bei Wikipedia allein 98.000.000 Stunden menschlichen Denkens akkumuliert, gleicht einem darwinistischen Überlebenskampf zwischen Gehirn und Computer.

Die Veränderung der Art, wie wir denken,stellt die neuzeitliche Revolution durch die Philosophie infrage. Das „Cogito ergo sum“Descartes', Kants Forderung nach Autonomie und Selbstdenken werden durch Maschinencodes nivelliert. Wir büßen durch den ständigen Rückgriff auf Daten die Qualität der menschlichen Erinnerungsfähigkeit ein. Aufgrund der digitalen Speicherung verändert sich auch unsere Kultur. Dies bedeutet im Hinblick auf die Unterschiedlichkeit kultureller Gedächtnisse der Menschheit eine Nivellierung und Gleichschaltung. Information wird auf Kürzel reduziert. Kreativität und Individualität schwinden. Daniel Dennet, einer der Vordenker der Informationstechnologien, meint hierzu: „Es könnte sein, dass wir ertrinken, dass wir seelisch überwältigt werden, dass wir uns nicht den großen, bösen Manipulationen unterwerfen, sondern nichts anderem als irgendwelchen unwiderstehlichen Liedchen, Signalen und Einzeilern.“ Der Schwund der Lesefähigkeit bei den Digi-Kids, belegt durch zahlreiche Untersuchungen an amerikanischen Universitätsstudenten, ist eine weitere Folge der Abtretung unserer Autonomie an den Computer. Denn nicht wir passen den Computer an uns an, sondern wir adaptieren uns immer mehr an die Maschinen. Und es bleibt eine alarmierende Frage, inwiefern wir wirklich noch Kontrolle über unsere Gedanken und Handlungen haben.

Die bereits genannte Veränderung unserer Wahrnehmung und unseres Denkens wurde im Übrigen auch durch Neurobiologie und Hirnforschung bestätigt, da sich die Computerisierung sowohl auf neuronaler Ebene als auch bezüglich unserer Vorstellungen in die Arbeit unseres Gehirns einschreibt: Dieser Einfluss auf Gehirnstrukturen lässt sich am Beispiel des sogenannten hypertext mind, aber auch des brain gapnachweisen. Nicht beanspruchte neuronale Verschaltungen werden stillgelegt, was sich unter anderem anhand des erwähnten Verlustes des Leseverstehens und der Lesebereitschaft zeigen lässt. Dies fällt auch mit der durch die Hirnforschung erfolgten Leugnung der Willensfreiheit zusammen. Viele Vertreter der Hirnforschung, wie Wolf Singer und Wolfgang Prinz, betrachten den freien Willen als Illusion. Hier werden menschliches Denken und Handeln als Computersimulation interpretiert, wenn etwa Prinz behauptet, dass jede willentliche Entscheidung so etwas wie eine Ratifizierung neuronaler Vorgänge im Gehirn darstellt. Ohne Computersimulationen wären solche Thesen nicht möglich. Auch hieran zeigt sich die Ersetzung realer Vorgänge durch Simulakren. Computersimulationen stellen den Ersatz für körperliche Vorgänge dar. Computer werden in einigen Bereichen der Kognitionswissenschaften und der Psychologie längst als Ersatz für menschliche Testpersonen eingesetzt. Was in der Welt der Algorithmen nicht erklärbar ist, existiert nicht. Im Grunde genommen ist dies keine neue These, denn wenn Natur und menschliches Denken nicht auf Algorithmen reduzierbar sind, muss die Wirklichkeit in einem Gewaltstreich umgedeutet werden. Dies entspricht der Forderung von Galileo Galilei: „Alles, wasmessbar ist, messen, und was nicht messbar ist, messbar machen.“

Ein weiteres Problem besteht in der durchInformationstechnologie eröffneten Veränderung unserer Kommunikation. Psychologische und soziologische Untersuchungen haben gezeigt, dass durch die virtuelle Kommunikation eine hohe Unverbindlichkeit entsteht, Kommunikation reduziert sich auf Häppchen. Flüchtigkeit, Flexibilität und Simulation stehen im Vordergrund.

Die Veränderung des Sozialverhaltens durch Web und Internet, durch Facebook und Twitter verheißt auch evolutionsbiologisch eine langfristige Umstrukturierung: Wir sind in der langen Geschichte unserer Evolution auf Kleingruppen geprägt. Die globale Vernetzung führt nicht zuletzt zu jener Icherschöpfung, die von vielen Psychologen beklagt wird. Es ist nicht so, dass wir als Herrschende über die Vernetzungen und Netzwerke diese beeinflussen, sondern diese wirken nahezu persönlichkeitsverändernd auf uns zurück.

Eine Folge der viel gerühmten Demokratisierung durch das Internet sind auch die einfach gewordenen Möglichkeiten, anonym Menschen zu diskriminieren. Mag schon sein, dass die durch das Internet eröffneten Kommunikationsräume positive soziale Effekte zeitigen, sie dienen aber gleichzeitig als Plattformen für Mobbing und Stalking, weil sie jegliche Hemmschwelle herabsetzen. Neueren Untersuchungen zufolge werden bereits 20 Prozent der Schüler mittels Internet gemobbt.

Überdies besteht die Gefahr, innerhalb der Demokratisierung ein Zweiklassensystemeinzuführen: Personen, die Zugang zu den Informationen haben, weil sie über die entsprechende Infrastruktur verfügen, und solche, die diese Möglichkeit nicht besitzen. Auch wenn derzeit 800 Millionen Menschen das Internet nutzen – in Österreich 2,8 Millionen –, bedeutet dies keineswegs eine Öffnung des Informationszuganges für alle. So bestechend auf den ersten Blick Aktionen in Entwicklungsländern zwar scheinen, wo große Computerfirmen speziell ausgestattete Laptops Schülern zur Verfügung stellen, letztlich läuft dies auf einen Profit der spendenden Unternehmen hinaus.

Eine andere Gefahr liegt darin, dass auchder Demokratie zuwiderlaufende Ideologien oder Meinungen jederzeit ins Netz gestellt werden können. Dies betrifft vor allem rassistische, aber auch zu Vandalismus und Terrorismus aufrufende Bewegungen. Selbst wenn esrichtig ist, dass dieseIdeen auch auf demWeg traditioneller Medien verbreitet werdenkönnen, sind es ein weiteres Mal die Geschwindigkeit und Reichweite, die nur durch das Web möglich sind.

Der Aspekt der Ökonomisierung unseres Lebens wird durch den Einsatz von Computern entscheidend verschärft. Jene Börsenspekulationen, die in jüngster Zeit zu einer enormen Bereicherung einzelner Spekulanten und Institutionen geführt haben, die zugleich aber durch riesige Verluste die Solidargemeinschaft belasten, wären ohne den Einsatz von Computern nicht möglich gewesen. Dass sie auf fiktiven Wertschöpfungen basieren, ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass das Virtuelle über das Reale den Sieg davongetragen hat.

Der Profit, den Wirtschaft und Werbung auch aus den zu Verfügung stehenden Daten ziehen, ist enorm. Denn wir hinterlassen bei jeder Benützung des Computers digitale Fußspuren, ob wir nun chatten, twittern oder simple Suchanfragen über Suchmaschinen starten. Diese Suchmaschinen stellen neue Zentren der Macht dar, da sie enorme Datenmengen zur Verfügung haben und diese entsprechend auswerten. Wenn wir eine Suchanfrage starten, sind die Ergebnisse, welche uns beispielsweise Google präsentiert, auf den einzelnen User persönlich zugeschnitzt. Mark Zuckerberg schrieb hierzu: „Sie überlassen mir ihre Daten, sie trauen mir. Diese Idioten.“

Neben Laptops sind iPhones und Handys die Basis für Bewegungsprofile, die über jeden User erstellt werden können. Uhrzeit und Ort der Benützung können genau nachvollzogen werden, unddie Vorratsdatenspeicherung eröffnet denWeg zum gläsernenMenschen, der überalldigitale Spuren hinterlässt – und zum Überwachungsstaat: Das freiwillige Aufgeben unserer Privatsphäre im digitalen Netz bildet dieGrundlage für eine totale Kontrolle, gegenüber der Utopien wie jene von George Orwell oder Aldous Huxley harmlose Vorboten waren. Überwachungskameras an allen möglichen Orten unter den Mantel der Sicherheit zu stellen ist fast schon blasphemisch. Hier ist an den Ausspruch von Benjamin Franklin zu erinnern: „Wer die Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren.“ Das mühsam erkämpfte Recht auf Freiheit ist gegenüber dem Bedürfnis nach Sicherheit wieder in eine Balance zu bringen. Zu dieser Freiheit gehört auch das Verborgene, das Intime, das der Öffentlichkeit Vorenthaltene, das zu Schützende, das Nicht-Preiszugebende.

Dies zu bewahren scheint allerdings fast unmöglich angesichts der Macht des Digitalen und seiner Strukturen. Hieß es in einem alten britischen Sprichwort noch „My home is my castle“, heißt es heute wohl „My home ist the web“. Dazu kommt die erschreckende Möglichkeit sowohl für den Staat als auch für Kriminelle, sich der gespeicherten Daten zu bedienen. Wenn der Staat Daten in intimsten Bereichen erhebt, die er aber nicht entsprechend schützen kann, bedeutet dies eine schwere Verletzung demokratischer Prinzipien. Das österreichische Projekt Elsa ist nur ein Beispiel hierfür.

Auch die Verbindung von Computer und DNA-Analysen ist ein Beitrag zu einem nahezu apokalyptischen Zukunftsbild. So kann die Aufzeichnung von genetischen Defekten entscheidende Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen nach sich ziehen. Beispiele dafür sind die in einem spiralförmigen Informationsstrudel weitergeleiteten Krankenakten, die nur mehr mit Hilfe von Maschinen erstellt und durch copy und paste verarbeitet werden. Eine Harvard-Studie hat gezeigt, dass immer häufiger Textbausteine von einer Krankenakte in die nächste wandern. Hierdurch werden Diagnosen Patienten zugewiesen, die auf diese nicht zutreffen, wodurch es immer wieder zu lebensbedrohlichen Fehleinschätzungen hinsicht- lich einer vorliegenden Erkrankung kommt. Im„New England Journal of Medicine“ wird daher sogar die einem Hilferuf gleichkommende Forderung erhoben, die Technologie für die Ärzte arbeiten zu lassen – anstattdiese für die Technologie. Der nachgerade wahnhafte Dokumentationszwang, unter dem nicht nur Krankenhauspersonal leidet, wird durch die Verlockungen der Speichermöglichkeiten immer mehr forciert. Man könnte auch, frei nach einem Ausspruch von Roland Benedikter, formulieren: Das Web, das uns einst Emanzipation und Freiheit versprochen hat, wird immer mehr für das Gegenteil eingesetzt. Es wendet sich gleichsam gegen alle, User und Nicht-User.

Der kriminelle Datenhandel hat groteske Ausmaße angenommen. Die Überflutung durch Angebote aller Art per E-Mail ist vergleichsweise harmlos gegenüber Angeboten wie jene der Firma „zico-amex“, die mit gestohlenen Daten Handel betreibt: Nicht gesperrte Kreditkartennummern werden ebenso angeboten wie schwer zurückverfolgbare Accounts bei Paypal und Western Union. Der Handel mit Kreditkartendaten ist inzwischen zu einem Milliarden-Euro-Markt angewachsen. Wie in einem Kommentar dieser Zeitungvor Kurzem zu lesen war, würde kein vernünftiger Mensch seine Kreditkartennummer lauthals auf der Straße verkünden, was aber Facebook-Mitglieder und Amazon-Besteller ohne Weiteres tun. Allerdings wird man heutzutage von Banken, Fluggesellschaften oder bei der Online-Bestellung von Eisenbahntickets bereits dazu gezwungen, diesen riskanten Weg zu beschreiten.

Man kann Multitasking als eine der größten Tugenden der Informationsgesellschaft ansehen und als eine jener Kompetenzen, die auch als Ziel moderner Mediennutzung gelten. Mankann Multitasking aberauch nach Frank Schirrmacher als Körperverletzung auffassen, denn mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, wie es unsder Computer gleichsamaufzwingt, führt letztlich in eine Spirale des Versagens. Nach einer Stanford-Studie von Clifford Nass wird bei intensivem Medien-Multitasking die Zerstreutheit immer größer, die Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, geht sukzessive verloren. Schließlich verlangsamt sich auch die Leistung im Multitasking selbst, und die Denkvorgänge werden immer fehleranfälliger. Frank Schirrmacher bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Multitasking ist der zum Scheitern verurteilte Versuch des Menschen, selbst zum Computer zu werden.“ Dem Zwang zum Multitasking zu entgehen bedarf eines hohen Ausmaßes an autonomerEntscheidungskompetenz, die im pädagogischen Sinn zu schulen wesentlicher ist als die Erziehung zur Fähigkeit, viele Tätigkeiten gleichzeitig ausführen zu können und somit für Hightech-Arbeitsfelder entsprechendausgebildet zu sein.

Während es in einer Face-to-face-Kommunikation oder beim Telefonieren einen gemeinsamen thematischen Strang gibt, der in der Regel auch gemeinsam gewechselt wird, kommt es beispielsweise beim Chatten zu dem Phänomen, dass verschiedene thematische Stränge mit ein und demselben Kommunikationspartner gleichzeitig eröffnetwerden, wenn der eine noch an seiner Antwort schreibt und der andere bereits ein neues Thema postet. Auch tritt das Phänomen auf, dass viele User gleichzeitig mit mehreren Personen in unabhängig voneinander geführte kommunikative Austauschprozesse treten, wenn sie etwa mit einer Person via Skype telefonieren, gleichzeitig über Skype mit einer anderen Person chatten, eine E- Mail neben dem Skypen schreiben oder Dokumente bearbeiten.

Gibt es einen Hoffnungsschimmer angesichts solcher Szenarien? Da bekanntlich die Hoffnung zuletzt stirbt, kommt gerade den Geisteswissenschaften hinsichtlich einer Antwort besondere Bedeutung zu: Sowohl aus pädagogischer als auch aus philosophischer Sicht muss es darum gehen, an die nachfolgenden Generationen die Fähigkeit zur Analyse und Reflexion zu vermitteln. Es geht darum, mediale Strukturen zu erkennen und deren machtförmige Auswirkungen zu begreifen, inwiefern sie unser Selbstverständnis beeinflussen, unsere Sichtweise des anderen und unser Verhältnis zur Welt. Um in der Informationsflut, auf den Datenautobahnen und im digitalen Irrsinn nicht zu ertrinken, an der Gläsernheit nicht zu zerbrechen, müssen wir uns darauf besinnen, dass bei aller Veränderung, welche die Informationstechnologien aufzwingen, nachwie vor wir es sind, die darüber entscheiden, welche Fragen zu stellen wir uns leisten wollen, was wir wissen, nicht wissen und was wir sein wollen. Technologien sind nicht hintergehbar, sie können nicht zurückgenommen werden. Nicht Verteufelung des Computers ist angesagt, sondern ein Zurückdrängen der Macht, die er über uns ausübt. Wir müssen wieder zu unserer Lebenswirklichkeit zurückkehren, anstatt uns von virtuellen Realitäten ersticken zu lassen. Zur menschlichen Freiheit gehört die Fähigkeit zur freiwilligen Selbstbeschränkung. Uns aus der Knechtschaft der digitalen Entmündigung zu befreien, indem wir Kants Aufforderung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ Folge leisten, wäre ein denkbarer Weg, um vom Homo digitalis wieder zum Homo sapiens zu werden. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)