Der Diebstahl von Büchern erlebt im Mezzogiorno eine Renaissance

Wie korrupt war das System des langjährigen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi? Das Beispiel einer alten Bibliothek in Neapel zeigt, dass sich Abgründe auftun.

Neuerdings ist es selbst in wirtschaftsliberalen Kreisen umstritten, ob das System Berlusconi moralisch integer war. Brisante Meldungen aus Italien lassen ernsthaft am Charakter des Ex-Premiers und seiner Klientel zweifeln, obwohl der Cavaliere mithilfe raffiniert gebastelter Gesetze in Prozessen regelmäßig Freisprüche erhielt. Unter dem flotten Bunga-Bunga-Tänzer wurde nämlich systematisch gestohlen. Nicht irgendetwas, sondern Bücher!

Die alten Folianten hatten zuvor in einer kostbaren Sammlung geschlummert. Einige tauchten nun in München auf, so die Süddeutsche Zeitung. Solch perverse Bibliophilie hätten wir Forza Italia gar nicht zugetraut. Dreisten Raub geistigen Eigentums aber kann die in ökonomischen Fragen tolerante Gegengift-Redaktion nur entrüstet zur Kenntnis nehmen. Aus unserer Handbibliothek werden auch immer wieder schöne, eigenhändig mit Bleistift kommentierte Shakespeare-Ausgaben, ja sogar Programmhefte des Falter „ausgeborgt“ – zu unserem mächtigen Ärgernis und meist auf Nimmerwiedersehen.

Den des Diebstahls beschuldigten Massimo Marino De Caro hatte ein Kulturminister Berlusconis zum Direktor der Biblioteca dei Girolamini gemacht. Er war zuvor Antiquar in Verona und danach sehr fleißig. Mutmaßlich – selbst für solch ein Verbrechen gilt die Unschuldsvermutung – hat er aus der ältesten Büchersammlung Neapels hunderte, wenn nicht gar tausende wertvolle Exemplare unterschlagen und verschachert, während die Bibliothek, die er sanieren sollte, weiter verluderte.

Ein Bibliothekar, der die eigenen Bestände schädigt, ist wie eine Mutter, die ihre Kinder verkauft. Wir wollen zwar weder Berlusconis Vasallen, der sich jetzt in Untersuchungshaft befindet, noch das politische System, dem er diente, voreilig verurteilen, aber wer Bücher stiehlt, der bestiehlt wahrscheinlich auch ganz Europa. Und das sollte wirklich nicht sein.

Das dreiste Entwenden von Büchern hat unter Gelehrten in Italien leider Tradition. Auf ihm basiert eine Mode, die man heute die Renaissance nennt. Damals, vor circa 600 Jahren, strömten Humanisten aus Rom, Florenz oder Venedig in ganz Europa aus, um in alten Klöstern auf Gastfreundschaft zu pochen und Bücher zu „kopieren“. Sie ließen nebenbei unzähliges Pergament mitgehen.

Fragen Sie einen beliebigen Abt in Admont, Weingarten oder gar Sankt Gallen, was er von Rom hält. Er wird milde lächeln wie eine Sphinx. Fragen Sie ihn, was er denn von Gianfrancesco Poggio Bracciolini aus Arezzo hält. Die Stirn des frommen Mannes wird sich umwölken, Zorn wird seine Wangen röten. „Poggio? Der hat doch 1417 am 16. 6. um 6 Uhr unser De rerum natura von Lucretius entlehnt und nicht zurückgebracht!!!“

Kein Plautus im Nonnenkloster blieb unberührt, wenn der Sekretär von Gegenpapst Johannes XXIII. oder die gelehrte Konkurrenz auftauchte. Diese Bande schreckte auch nicht vor Fälschungen zurück. So manche Beute könnte sogar in Neapel gelandet sein. Vielleicht ist es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn nun eine Lieferung über den Brenner retour ging.

 

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