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Bad Ischl: Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut

Geburtstag sehr schoen sehr
(c) Norbert Rief
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Am 18. August versammeln sich alljährlich tausende Menschen in Bad Ischl, um den Geburtstag von Kaiser Franz Joseph zu feiern: Mit einer Messe, einem Aufmarsch und ein wenig auch mit Überzeugung.

Alles hier ist Kaiser. Es gibt eine Kaisernacht, ein Kaiserfest, einen Kaiserzug. Die Menschen spielen Kaisergolf, trinken Kaiserwein, feiern eine Kaisermesse, die Konditorei Zauner macht ein Kaiserdessert und sogar die neu gepflanzten Linden unten an der Promenade sind Kaiserlinden (Zufall, heißt es, die Sorte wachse einfach besser).

Was wäre Bad Ischl, wenn Franz Joseph auf Sommerfrische nach Mürzzuschlag gefahren wäre und sich die Hirsche in Lienz ebenso leicht vor die kaiserliche Büchse treiben hätten lassen, wie im Salzkammergut? Man hätte ein Heilbad und die schöne Gegend – die Hälfte davon hat das Burgenland auch.

Ja, ohne Kaiser würde sich der Fremdenverkehrsverband schwertun, Bad Ischl den Touristen zu verkaufen. So aber kann man auf den verblichenen Prunk und die kinematografische Idylle aus Sisi-Filmen setzen, und die wirken wie ein Magnet. Und was für einer.

Das sah man gestern an dem Tag, an dem Kaiser Franz Joseph I. seinen 182. Geburtstag gefeiert hätte. 25.000 bis 35.000 Menschen kamen nach Schätzung des Tourismusbüros deshalb nach Bad Ischl, besuchten die Messe für den Kaiser (und sprechen in der Kirche lautstark Haydns Kaiserhymne mit) und bewunderten den Aufmarsch der etwa 30 Kaiserregimenter mit 500 Soldaten aus vielen Teilen der einstigen Donaumonarchie (die wieder einmal bestätigten, dass diese Armee einfach zu schön war zum Kriegführen).

Anfangs, als vor einigen Jahrzehnten die ersten Monarchisten in den Ort kamen, um des Kaisers an dessen Geburtstag zu gedenken, sah man das in Ischl noch skeptisch. Was wollen denn die alten Deppen, das ist doch alles längst vorbei. Im besten Fall ignorierte man die Uniformträger und die adelig Gekleideten, manche distanzierten sich offen von dem möglicherweise gefährlichen Gedenken. Schließlich sah auch der Nationalrat die Republik erst 2011 als gefestigt genug, um den Passus aus der Verfassung zu streichen, der es „Mitgliedern solcher Familien, die ehemals regiert haben“, verbot, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren.

2003 kam der Tourismusverband auf die Idee, die Nostalgie einiger zu nutzen, um die Zahlungsfähigkeit vieler anzulocken. Also bewarb man den Kaiser und vor allem den Kaisergeburtstag, organisierte Feste und Umzüge, eine Galanacht und holte sich einen neuen Kaiser.

„I bin koa Majestät, i bin der Franz“, sagt der Kaiser, und der ältere deutsche Tourist in der Pfarrgasse in Ischl lacht laut über diesen vermeintlich subtilen Witz, dass ihm nämlich der Kaiser in unserer republikanischen Zeit das Du anbietet. Es ist kein Witz: Der Kaiser heißt wirklich Franz, Soukop halt, ein agiler 83-Jähriger, der seit mehr als 20 Jahren in Bad Ischl wohnt und mit Franz Joseph nicht nur den Vornamen teilt, sondern auch viel von seinem Äußeren.


Ein echter Bart. „Die Uniform ist nachgemacht, aber der Bart ist echt“, sagt Soukop. Das hat vor allem praktische Gründe: „Früher hab i oan aufklebt, aber wenn's heiß ist, schwitzt so, da geht der Kleber ab.“ Und damit der Bart. Also hat sich Soukop einen Bart wachsen lassen, „der is recht ordentlich wordn“. Darunter schwitzt er jetzt noch mehr, weil er ihn überhaupt nicht mehr abnehmen kann. Aber was tut man nicht alles für Kaiser und Heimatstadt.

An diesem Tag spaziert Kaiser Franz auf einem 2,5 Kilometer langen roten Teppich durch die Innenstadt von Ischl, als „Kaiserbummel“ hat es der Tourismusverband angekündigt, und die Gäste sind hellauf begeistert. Viele wollen sich einmal mit dem Kaiser fotografieren lassen, etliche applaudieren, wenn der Kaiser mit Sisi und Hofdamen vorbeiflaniert. Andere in bunten Uniformen, die genauso echt sind wie der Kaiser, salutieren vor dem Oberbefehlshaber, einige verneigen sich sogar. Hans Assel etwa aus Köln: „Das war halt noch eine schöne Zeit“, meint er.

Mit der Meinung ist er nicht allein. Direkt neben der Kirche werben die „Monarchisten: Schwarz-gelbe-Allianz“ für ihre Idee, in Österreich wieder eine erbliche, konstitutionelle Monarchie einzuführen. „Einen Monarchen, der ähnlich wie in Liechtenstein viele Rechte hat, in der Politik mitbestimmen kann, notfalls aber auch vom Nationalrat mit Zweidrittelmehrheit abgewählt werden kann“, erklärt Alexander Simec, der mit einer Kollegin schwarz-gelbe Krawatten, Doppeladler-Aufkleber und einen Sticker „Monarchie: Die Krönung der Demokratie“ verkauft.

Dem deutschen Assel gefällt das. Er habe so was von genug von den vielen Skandalen. Da wäre doch jemand, der über allem schwebt, nicht populistisch sein muss, der nur das Wohl des Volkes im Sinn habe und es nicht notwendig hat, Geld zu nehmen, eine ideale Lösung. Dass es auch gewählte Politiker gibt, die diese Anforderungen erfüllen, scheint Assel in unserer Zeit nicht mehr für möglich zu halten – und dabei ist er nicht einmal aus Kärnten.

Den Aufmarsch der Tausenden darf man freilich nicht mit einer Kundgebung für den Kaiser verwechseln. Den Menschen, die die Regimenter beklatschen, geht es in erster Linie um die Folklore. Man sieht es an den Abfallkörben auf dem Weg zurück zum Parkplatz, in denen die Folder der Monarchisten liegen. In Bad Ischl gilt die Unverbindlichkeit des Kaisers: Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)